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  • 13.09.2014
  • von Jan Kixmüller

Die digitale Versuchung

von Jan Kixmüller

Auf dem M100 Sanssouci Colloquium ging es um die Frage, wie die Digitalisierung die Freiheit bedroht

Sanssouci - Eigentlich gehe es den Menschen wie den Fröschen in der Fabel. Sie haben so einen Spaß im Wasser, dass sie gar nicht bemerken, dass es immer wärmer wird. Als es anfängt zu kochen, ist es zu spät, um ans Ufer zu kommen. Was ein Gleichnis zum Klimawandel sein könnte, soll doch etwas ganz anderes beschreiben. Der amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff geht es um die Digitalisierung. Die Welt freut sich über die Vorzüge, die das Internet bietet, doch kaum jemand denkt daran, was die zunehmende Freigabe persönlicher Daten eigentlich bedeutet.

Jüngst hatte die emeritierte Professorin in der FAZ an einer Debatte um die Zukunft und Risiken des Internets teilgenommen, eine Diskussion, die der so plötzlich verstorbene Frank Schirrmacher initiiert hatte. Als Shoshana Zuboff Schirrmachers Namen nennt, stockt ihr die Stimme, sie kämpft mit den Tränen. Er sei der Grund, wieso sie nun hier stehe, auf dem M100 Sanssouci Colloquium zur Zukunft von Journalismus und Medienfreiheit im Zeitalter von Big Data. Schirrmacher habe die Entwicklung verstanden, in seinem Sinne sollte die Öffentlichkeit das Thema weiter mit größter Wachsamkeit verfolgen, sagte Zuboff am Freitagnachmittag in der Orangerie in Sanssouci.

Der große Saal, in dem im Winter die Palmen vor der Kälte geschützt werden, hat sich in einen Konferenzsaal mit einem riesigen weiß gedeckten Tisch verwandelt. Über 60 Vertreter aus Politik, der Medien- und der Internetbranche sitzen sich hier geradezu staatsmännisch gegenüber. Und das Thema hat auch eine staatstragende Fallhöhe. War das Internet in seiner Aufbruchszeit so etwas wie ein demokratisches Weltforum gerade auch für Staaten mit Demokratiedefiziten, so rücken mit der zunehmenden Menge an persönlichen Daten im Netz die Fragen nach der Privatsphäre und geistigem Eigentum nun in den Vordergrund. Für Shoshana Zuboff stehen wir gerade erst am Anfang der Entwicklung, so wie etwa zum Beginn der Industrialisierung. Jetzt sei es an der Zeit, unsere Demokratien für ein neues digitales Zeitalter aufzubauen, sagt sie.

Zuboff ist hochgradig alarmiert. Sie sieht die modernen Staaten in Überwachungsgesellschaften abgleiten. Hintergrund ist einerseits die Datensammelwut, mit der große Suchmaschinen Bewegungsprofile der Nutzer anlegen. Für die vermeintlich kostenlose Nutzung von Internetdiensten zahlen die Nutzer mit ihren persönlichen Daten. Andererseits habe gerade die NSA-Affäre offenbart, dass auch Regierungen mittlerweile ein reges Interesse an den Datenspuren haben, die die Menschen alltäglich im Internet hinterlassen. Und was für die Werbewirtschaft ein Geschäftsmodell ist, dient den Sicherheitsbehörden der Abwehr vermeintlicher Bedrohungen. Der Öffentlichkeit sei kaum bewusst, was mittlerweile im Verborgenen ablaufe, die Möglichkeiten von Big Data erlauben immer schneller, immer größere Datenmengen auszuwerten. Zum anderen seien sich die Menschen ihrer Abhängigkeit von der digitalen Welt kaum bewusst. Als kürzlich die Facebook-Server in den USA zusammenbrachen, hätten viele Menschen den Notruf gewählt, erzählt die Amerikanerin.

Shoshana Zuboff hat vor allem die Suchmaschine Google im Visier, der sie eine Zusammenarbeit mit der NSA vorwirft. Jens Redmer von Google Deutschland sitzt ihr am Tisch gegenüber. Er spricht davon, dass Google von den Enthüllungen Snowdens geradezu aufgerüttelt worden sei. Zudem biete Google heute Transparenz im Datenverkehr: Über eine Funktion könne man sehen, welche persönlichen Daten genutzt werden, und dies einschränken. Grundsätzlich seien die immer größer werdenden Datenmengen aber eine Quelle für vielerlei nützliche Innovationen, gerade im Gesundheitsbereich.

Redmer erntet viel Widerspruch am Tisch. Allein Yahoo habe sich gegen die Datenverwendung durch die NSA positioniert, so ein Vertreter des ZDF. Der nächste Schritt der IT-Firmen gehe über das Datengeschäft hinaus, Ziel sei es, die reale Welt der Menschen im Computersystem nachzubilden , um sie dann ein klein wenig verändern zu können. Den großen Internetunternehmen gehe es bei solchen Angriffen auf die Privatsphäre um das gleiche wie den Regierungen: Man wolle seine Macht erhalten.

Shoshana Zuboff hatte dies in der FAZ-Debatte bereits als göttliche Perspektive bezeichnet, die Internetmultis und NSA einnehmen wollten. Die Hoffnung der Wissenschaftlerin liegt nun ganz in Europa, von hier gingen derzeit die wichtigsten Signale einer demokratischen Kontrolle der Digitalisierung aus. Es brauche nun so etwas wie eine Seele für das Informationszeitalter. Und zumindest der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), der den M100-Preis verliehen hat (siehe nebenstehender Text), scheint Zuboffs Sorgen zu teilen: Die Kombination von Big Data und Big Government könnte in eine antiliberale, antisoziale und antidemokratische Gesellschaft münden, warnte er. Jan Kixmüller

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