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  • 26.08.2014
  • von Steffi Pyanoe

Die Aufmöbler

von Steffi Pyanoe

Qual der Wahl. Etwa 1000 Stoffmuster haben Jendes vorrätig.

Die Raumausstatter Diane und Christian Jende kümmern sich um Wände, Böden, Fenster und Polstermöbel

Wer einmal an einem Bausatz für einen Plisseevorhang verzweifelt ist, weil die Maße der Massenware aus dem Baumarkt einfach nicht zum individuellen Fenster passten oder die Mechanik widerspenstig war, der wird den Service eines Raumausstatters zu schätzen wissen. „Jende Raumideen“ in der Heinrich-Mann-Allee ist so ein kleines Familienunternehmen. Ein kleiner Laden abseits jeder Shoppingmeile, den man gezielt anlaufen muss – Laufkundschaft gibt es hier kaum. Und doch freuen sich die Inhaber Christian Jende und Ehefrau Diane Maren Jende über viele Anfragen.

„Wir machen weitaus mehr als Gardinen“, sagt Diane Jende, um das übliche Vorurteil gleich auszuräumen. Jendes kümmern sich um komplette Räume, sämtliche Wände, Fußböden, Aufbewahrungssysteme. Sie entwerfen Raumkonzepte, beraten zu Bodenbelägen und Beleuchtung, zu Tapeten – und vor allem zur Gestaltung mit Textilien, egal ob das Vorhänge sind oder Polstermöbel. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Fenstergestaltung im umfassenden Sinn. Dazu gehört nicht nur ein Sichtschutz – Jendes liefern auch Insekten- und Sonnenschutzsysteme, für innen oder außen, Vorhangsysteme, die je nach Wunsch Licht reinlassen oder verdunkeln. Die Auswahl der Möglichkeiten, was Form, Material und Funktionalität betrifft, ist riesig. Im Geschäft sind einige Wände aufgebaut, die zeigen, was alles geht: Lamellen aus Holzleisten oder Kunststoff, Rollos aus Bambus und sogenannte Doppelrollos, bei denen zwei Stoffbahnen übereinandergelegt werden und aufgrund des Designs mal mehr, mal weniger Licht hineinlassen. Es gibt Plissees für schmale Fenster, von unten und oben zu verschieben, lange Lamellenvorhänge, die zur Abwechslung mal nicht nach Büro aussehen. Es gibt moderne Schiebegardinen und rüschig-plüschige Vorhänge, leichte Stores und schwere, griffige Stoffe.

„Im Normalfall machen wir einen Hausbesuch, um herauszukriegen, was der Kunde braucht, was ihm gefällt und was möglich ist.“ Sind Kinder im Haus, muss es vielleicht abwaschbar sein, oder die empfindlichen Vorhänge bekommen pfiffige Haltegriffe, die mittels Magnete an der gewünschten Stelle von Vorhang oder Rollo angebracht werden. Jendes Motto ist: Geht nicht gibts nicht. Auch Lösungen für Sorgenkinder zu finden, beispielsweise Sichtschutz für Räume mit Dachschrägen, gehört dazu.

So eine maßgefertigte Fenstergestaltung ist natürlich teurer als das Paket aus dem Baumarkt. „Aber dafür halten unsere Produkte lange, zehn Jahre sollten es schon sein“, sagt Diane Jende. „Es gibt Kunden, die sparen ein Weilchen und leisten sich dann endlich solide Insektenschutzfenster, weil sie die jährliche Friemelei mit dem Klettverschluss leid sind.“

Angefangen hat alles in einer kleinen Werkstatt in Babelsberg. Das Paar aus der Lausitz war nach Potsdam gekommen, weil Christian Jende hier eine Anstellung gefunden hatte. 2003, mit 25 Jahren, machte er sich selbstständig. Der gelernte Raumausstatter kümmert sich um die direkte Kundenbetreuung, erstellt Angebote und betreut die Montage vor Ort. Meist sind das Privathäuser und -wohnungen, Jendes werden aber auch für Büros und Hotelräume angefragt. Gerade hing Christian Jende mit einem Kollegen im Schloss Sanssouci Vorhänge auf: weiße Stores gegen die schädliche UV-Strahlung des Sonnenlichts. „Die alten sollten gewaschen werden – aber das hätten sie nicht mehr mitgemacht. Nun gibt es neue – und diese sind etwas transparenter. Man kann minimal hinausschauen, beispielsweise hinüber zu den Sonnenterrassen“, erklärt Christian Jende. Für Schloss Branitz werden ebenfalls gerade Vorhänge genäht. Dort wird ein Zimmer mit originalgetreuen Kopien der historischen Seidenstoffe ausgestattet.

Eine Angestellte und ein Azubi arbeiten in der Werkstatt in der Heinrich-Mann-Allee, wo sie seit 2007 sind. Hier wird an riesigen Maschinen zugeschnitten, genäht, gebügelt. Ihre Mitarbeiter brauchen Fantasie und Kreativität – müssen aber auch handwerklich begabt sein, Lust haben, Hand anzulegen, so Diane Jende. „Die Tapeten müssen ja irgendwie an die Wand kommen.“

Und Tapeten seien wieder im Trend. In etlichen Musterbüchern mit Namen wie Manjari und Casamance, St. Petersbourg und Metamorphose öffnet sich für den Kunden die bunte Welt der Wandgestaltung. Verspielt und lustig fürs Kinderzimmer, klassisch oder modern, dezent oder leuchtend, zurückhaltend oder knallig, glatt oder mit Struktur: Alles scheint möglich, um einem Raum das gewünschte Ambiente zu verpassen.

Ist der Kunde unsicher, was passen könnte, bleiben Musterbogen oder Stoffbahn probehalber ein paar Tage im Haus. „Ich frage dann: Fühlen Sie sich wohl damit?“, sagt Diane Jende. Florale, großflächige Muster sind zurzeit angesagt, setzen auch auf Teilflächen Blickfänge. Bisweilen wünscht sich Diane Jende, die Potsdamer, die meist Naturtöne und Naturstoffe wie Leinen, Seide und Baumwolle bevorzugen, zeigten mehr Mut zur Farbe.

Bei Jendes werden auch Polsterstühle und Sofas aufgemöbelt. Das Erbstück von der Großmutter und das Lieblingssofa bekommen neue Bezüge. Bei Bedarf erledigt ein Tischler kleinere Reparaturen an den antiken Stücken, baut beispielsweise die Sitzflüche neu auf, mit Gurten und Federung. So, wie es früher üblich war. Diane Jende ärgert sich, dass heute so manche Couch nur mit Schaumgummi aufgepolstert wird und kaum noch etwas aushält. „Da leidet dann auch die Sitzqualität.“ Wer so einen Flohmarktstuhl neu beziehen lässt, bezahlt etwa 100 bis 150 Euro. Und nimmt dann ein echtes Einzelstück mit nach Hause. Die Stoffproben bieten viel Spielraum von konservativ bis expressiv, Muster, die aussehen, als wären sie aus einem modernen Gemälde gesprungen. Allerdings müssen sie unbedingt abriebfest sein. Scheuertour heißt die Einheit, in der diese Eigenschaft gemessen wird: „Mindestens 20 000 Scheuertour müssen es für einen Stuhl schon sein“, sagt die Expertin.

Heinrich-Mann-Allee 18/19, Tel. (0331) 7042388

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