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  • 31.07.2014
  • von Sabine Schicketanz

Garnisonkirche: Es geht nur im Disput

von Sabine Schicketanz

Das Stadtparlament hat das Bürgerbegehren quasi ins Leere laufen lassen. Spätestens jetzt muss aber ein gesellschaftlicher Konsens gefunden werden.

Kein Bürgerentscheid zur Garnisonkirche. Potsdams Stadtparlament hat das Bürgerbegehren gegen den Wiederaufbau der Kirche angenommen. Und es damit gleichsam ins Leere laufen lassen. Denn das, was das Begehren fordert, kann die Stadt per Beschluss nicht erreichen: Die Auflösung der privaten Stiftung Garnisonkirche, der Initiatorin für den Wiederaufbau. Dass die regierende Rathauskooperation den Bürgerentscheid mit einem Griff in die Trickkiste verhindert hat, ist eine kommunalpolitische Pirouette, die Potsdam besser erspart geblieben wäre. Sie wird dem, was fast 15 000 Potsdamer mit ihren Unterschriften unter dem Bürgerbegehren zum Ausdruck bringen wollten, nicht gerecht: So nicht weiter, nicht mit uns. Oder besser, nicht ohne uns.

Andererseits, viele haben es offenbar vergessen: Die grundsätzliche Entscheidung des Potsdamer Stadtparlaments zum Wiederaufbau der Garnisonkirche ist längst gefallen. Im Mai 2008 war das, da beschloss eine große Mehrheit der Stadtverordneten, dass die Stadt zu den Gründern der Stiftung Garnisonkirche gehören und mit ihr für den Wiederaufbau sorgen soll. Selbst viele Linke hatten damals nicht gegen die Stiftungsgründung votiert, sondern sich enthalten. Auch hat die Linke, die heute das Bürgerbegehren annahm, damals Bedingungen für den Wiederaufbau gestellt. Sie wurden ebenfalls vom Stadtparlament beschlossen und sind heute wieder sehr aktuell: Erst einmal soll der Turm als Versöhnungszentrum, dann irgenwann die Kirche aufgebaut werden. Damals, vor sechs Jahren, hatten die Stadtverordneten eine Bürgerbefragung abgelehnt – mit dem Hinweis, es sei ausgiebig diskutiert worden.

Und doch: Es gibt keinen anderen Weg als den Disput. Er muss sein, ist Normalität, muss ausgehalten werden. Er wird die Stadt letztlich stärken. Allein die vielen Jugendlichen, die sich aus diesem Anlass auseinandersetzen mit der Historie, mit deren Deutungskorridor, lohnen die Mühen des Diskurses. So sehr Potsdam sich in Befürworter und Gegner entzweit, so sehr eint beide: Es geht um diese eine Stadt, ihre Geschichte, ihre Zukunft. Bürger, die gestalten wollen, darauf drängen, sind ein Gewinn. Alle.

Dass es dabei einmütig zugeht, ist eine illusorische Erwartung. Potsdam, Stadt in Bewegung, muss immerfort seine Balance suchen. Ein anstrengender, unausweichlicher Akt. Von außen betrachtet sicher auch unverständlich. Doch ohne geht es nicht in Potsdam, diesem Fleckchen, das so viel Vergangenheit in sich birgt, sich in der Gegenwart so rasant entwickelt wie kaum eine andere Stadt in Deutschland. Spannungen sind da unausweichlich. Sie müssen sich, wie bei einem Gewitter, entladen. Dazu taugt die Garnisonkirche, auch und gerade weil es im Kern nicht immer um sie geht. Ihr möglicher Aufbau aber doch mit allem zusammenhängt. So ist das in Potsdam. Es geht um eines und um alles, immer.

Zum Wiederaufbau der Garnisonkirche greift eine einhellige Zustimmung genauso zu kurz wie die absolute Ablehnung. Beides lässt die Geschichte der Kirche, des Ortes, die Geschichte Deutschlands nicht zu. Ein gesellschaftlicher Konsens aber muss gefunden werden, spätestens jetzt, nach dem Ende des Bürgerbegehrens, das auch an seiner improvisierten Fragestellung krankte.

Das Stadtparlament kann aus sich heraus entscheiden, die Bürger zu befragen. Nach gründlicher Vorbereitung, umfänglicher Information, mit einer präzisen Fragestellung. Ohne taktische Tricksereien. Es gibt keinen Grund etwas zu überstürzen. Die Entscheidung über die Garnisonkirche muss nicht am 14. September fallen. Vor einem Bürgerentscheid muss niemand Angst haben.

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