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  • 01.07.2014

„Das Zeichen ernst nehmen“

Streitobjekt. Der mögliche Wiederaufbau der Garnisonkirche sorgt immer wieder für Diskussionen und Proteste. Auch zum 80. Jahrestag des „Tags von Potsdam“ am 21. März 2013 wurde in Potsdam gegen den Wiederaufbau demonstriert. Foto: Manfred Thomas

Garnisonkirchen-Gegner Simon Wohlfahrt über das Bürgerbegehren und die Argumente der Befürworter

Herr Wohlfahrt, bis Ende Juni wollte ihre Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche in einem Bürgerbegehren 15 000 Unterschriften gegen das Projekt sammeln. Hat das funktioniert?

Wir sind über die Schwelle drüber. Nach Abzug von ungültigen oder doppelt abgegebenen Stimmen sollten die nötigen 13500 Potsdamer Unterschriften zusammengekommen sein, damit sich die Stadtverordnetenversammlung mit unserer Forderung beschäftigen muss.

Hören Sie jetzt auf zu sammeln?

Nicht ganz. Wir möchten natürlich auf Nummer sicher gehen. Jede Stimme zählt. Anfang kommender Woche werden wir die gesammelten Unterschriften an den Wahlleiter übergeben. Wer also noch Unterschriftenlisten hat, kann diese noch abgeben.

Wie bewerten Sie das Bürgerbegehren?

Zunächst ist es ein großer Erfolg, dass in sehr kurzer Zeit sehr viele Unterschriften gesammelt wurden. Das zeigt, dass das Thema die Potsdamer bewegt. Auch wenn die Fragestellung wegen der juristischen Vorgaben etwas anders aussieht, geht es doch im Kern um ein Ja oder Nein zum Wiederaufbau der Garnisonkirche. Und da ist das Bürgerbegehren ein deutliches Signal.

Wie soll es nun weitergehen?

Die Stadtverordneten haben die Möglichkeit, das Bürgerbegehren anzunehmen. Und wir möchten sie natürlich nicht davon abhalten. Aber nach allem, was wir wissen, läuft es auf einen Bürgerentscheid hinaus. Und der sollte am besten am Tag der Landtagswahl stattfinden.

Warum?

Bürgerentscheide sind dafür da, ein möglichst repräsentatives Meinungsbild einzuholen. Dafür wäre der Tag der Landtagswahl am 14. September am besten, damit die Beteiligung hoch ist. Das gilt unabhängig vom Ergebnis des Entscheids – wir würden eine Zustimmung zum Bau der Garnisonkirche auch akzeptieren. Außerdem wäre eine Kopplung an einem Tag auch mit einer Kostenersparnis verbunden und sorgt für weniger Aufwand in der Verwaltung.

Und wenn der Bürgerentscheid doch an einem anderen Tag stattfindet...

...dann müssen wir auch damit leben. Allerdings sollte die Lokalpolitik dieses Zeichen der Bürger auch ernst nehmen. Wenn versucht würde, den Bürgerentscheid mit Verfahrenstricks zu verzögern, würde das nur für zusätzliche Frustration bei vielen Potsdamern sorgen. Die Stadt hat sich schließlich die Beteiligung der Bürger auf die Fahnen geschrieben – und hier haben sich schon mehr als 13 500 beteiligt.

An den Infoständen, an denen die Unterschriften gesammelt wurden, sind Sie in Kontakt mit vielen Potsdamern gekommen. Wer ist denn der typische Gegner des Wiederaufbaus?

Den typischen Gegner der Garnisonkirche gibt es eigentlich nicht. Wir hatten erwartet, dass sehr viele junge Potsdamer unterschreiben. Aber das war dann doch sehr gemischt. Es haben alte Leute unterschrieben, die mir erzählt haben, wie die Kirche in ihrer Kindheit aussah und wie sie die Zerstörung im Krieg erlebt haben. Für sie gibt es kein zurück zur Vergangenheit, sagten sie. Und andere haben mit der gleichen Erfahrung für einen Wiederaufbau argumentiert.

Wie waren die Reaktionen auf das Bürgerbegehren?

Auf jeden Fall ist deutlich geworden, dass das Thema Garnisonkirche eine emotionale Sache ist. Die heftigsten Reaktionen kamen naturgemäß von Befürwortern des Wiederaufbaus. Einige fühlten sich schon durch die Tatsache angegriffen, dass wir Unterschriften sammeln. Ich wurde wahlweise als Nazi oder als Altkommunist bezeichnet. Außerdem wurde mir nahegelegt, aus der Stadt zu verschwinden, wenn es mir hier nicht passt. Wer kein Argument hat, muss eben zu Beleidigungen greifen. Aber es gibt auch nette Befürworter der Garnisonkirche.

Was waren denn die Argumente der Befürworter?

Häufig hieß es, die Kirche sei schön gewesen und dass die Sprengung der Ruine Unrecht war. Außerdem sagen viele, dass die Garnisonkirche einfach zum Potsdamer Stadtbild gehöre. Aber das Stadtbild ist ja kein Naturgesetz, sondern Sache der Bewohner der Stadt. Und um herauszufinden, wie die Bewohner darüber denken, ist ein Bürgerentscheid ja ideal.

Burkhart Franck von der Garnisonkirchen-Fördergesellschaft hat der Bürgerinitiative vorgeworfen, demagogische Behauptungen aufzustellen.

Ich glaube, Herr Franck war nie an einem unserer Infostände. Und uns den Begriff „Nazi-Kirche“ unterzuschieben, ist nicht in Ordnung. Aber es ist doch wohl unstrittig, dass die Kirche mit dem Handschlag von Hitler und Hindenburg symbolhaft verknüpft ist. Und das wird auch international so gesehen. So etwas wiederaufzubauen, wäre ein falsches Signal.

Sind Sie deshalb gegen den Wiederaufbau?

Ich habe das Projekt lange kritisch gesehen. Den Ausschlag hat für mich die Ankündigung der früheren Bundesregierung gegeben, zwölf Millionen Euro für den Wiederaufbau beizusteuern. Öffentliches Geld für die Kopie einer Kirche auszugeben, die niemand braucht, ist sinnlos. Das verstehen viele der Unterzeichner des Bürgerbegehrens nicht. Wenn man sich wirklich mit Krieg und Versöhnung auseinandersetzen will, dann braucht man keinen Prunkbau, sondern eine zeitgemäße Architektursprache.

Die Fragen stellte Marco Zschieck

Simon Wohlfahrt (29) ist einer der Sprecher der Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche, die das Bürgerbegehren initiiert hat. Er studiert an der Uni Potsdam Geoökologie.

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