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  • 18.06.2014
  • von Sarah Kugler

Ein Jahr im Untergrund

von Sarah Kugler

Bewegtes Leben. Margot Friedlander wurde 1921 in Berlin geboren. Eine Flucht unter den Nationalsozialisten misslang, 1944 wurde die Jüdin von der Gestapo ins Lager nach Theresienstadt geschafft. Sie überlebte – und ging nach Kriegsende in die USA. Seit 2010 wohnt sie wieder in Berlin. Foto: Manfred Thomas

Margot Friedlander überlebte das Lager in Theresienstadt. In Potsdam erzählte sie von ihrer Geschichte

Ein kleines Adressbüchlein und eine Bernsteinkette. Das sind die einzigen Gegenstände, die Margot Friedlander aus ihrem früheren Leben geblieben sind. Als eine der wenigen noch lebenden jüdischen Zeitzeugen des Holocaust hat sie Unvorstellbares mitgemacht: Sie lebte für mehrere Monate versteckt in Berlin, wurde dann nach Theresienstadt deportiert und wanderte schließlich nach der Befreiung des Lagers mit ihrem Mann nach Amerika aus. Seit 2010 lebt sie wieder in Berlin und sucht seitdem den intensiven Kontakt zu jungen Leuten. Um ihre Erlebnisse in Gesprächen zu teilen und nicht vergessen zu lassen, wie sie sagt.

Am gestrigen Dienstag las Margot Friedlander am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam aus ihrem Buch „Versuche, dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin“ und stellte sich anschließend den Fragen des Publikums. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Seminars der Universität Potsdam „Der Völkermord im Film. Zur Medialisierung des Holocaust" unter Leitung von René Schlott statt.

Geboren wurde Margot Friedlander im Jahr 1921 als Margot Bendheim. Ihre Eltern ließen sich noch vor 1942 scheiden. Margot lebte danach mit ihrem jüngeren Bruder bei ihrer Mutter. Am 20. Januar 1943 sollte sich ihr Leben schlagartig ändern.

Eigentlich wollte Friedlander an diesem Tag mit der Familie aus dem nationalsozialistischen Deutschland flüchten. Die Flucht war lange geplant, die Koffer bereits am Bahnhof deponiert, doch als Margot Friedlander an diesem Tag nach Hause kam, fand sie die Wohnungstür versiegelt. Bruder und Mutter waren verschwunden. Eine Nachbarin überbrachte ihr schließlich eine Nachricht der Mutter und übergab ihr die Handtasche mit dem Adressbuch und der Bernsteinkette. „Sie sagte, sie hätte sich zusammen mit meinem Bruder der Polizei gestellt“, erzählte Friedlander am Dienstag. „Mir hinterließ sie die Aufforderung: ,Versuche, dein Leben zu machen!’“

Ein Satz, der sie ihr Leben lang kraftgebend begleiten sollte, der sie im ersten Moment aber in Verzweiflung stürzte. „Ich empfand ihn zunächst als hart und gleichgültig. Fühlte mich von ihr allein gelassen“, berichtete Friedlander. „Erst später kam mir in den Sinn, dass sie damit hat ausdrücken wollen, dass ich stark bleibe und überlebe.“

Für die damals 21-Jährige begann eine ungewisse Zeit. Zunächst suchte sie Hilfe bei ihrer Tante Anna, einer christlichen Bekannten aus der Schweiz, die in Berlin lebte. Doch habe ihr Hilfe verweigert und ihr stattdessen Vorwürfe gemacht, dass sie ihre Mutter im Stich gelassen hätte. „Das hat mich sehr erschüttert“, erzählte Friedlander: „Ich hatte sowieso schon Schuldgefühle, aber es gab ja nichts, was ich für meine Mutter hätte tun können.“

Letztendlich fand sie dann Unterkunft bei jüdischen Freunden, die ihr den ersten Unterschlupfort vermittelten. Ein Jahr und drei Monate wurde sie anschließend von insgesamt 16 Helfern in Berlin versteckt. In dieser Zeit nahm sie ihren Judenstern ab und färbte sich die Haare tizianrot, um nicht als Jüdin erkannt zu werden.

Ein Erlebnis während der Zeit bei einer allein stehenden Frau ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben. Die Dame habe immer sehr viel Besuch gehabt, unter anderem auch einen älteren jüdischen Herrn, mit dem sie aber kaum Kontakt gehabt hätte. Als eines Abends im Mai 1943 die Gestapo vor der Tür stand, versuchte sie dennoch, ihn und sich durch eine Flucht über den Balkon zu retten. Sie schaffte es, er wurde festgenommen. „Wieder einmal bin ich verschont geblieben“, resümiert Margot Friedlander. „Wer hat mich geleitet? Die Hand Gottes oder die Hand meiner Mutter? Es hat mich schwer beschäftigt.“

Ein Jahr später, im April 1944, hatte sie weniger Glück: Auf dem Nachhauseweg vom Bunker am Zoologischen Garten nach einem Fliegerangriff wurde sie von der Gestapo aufgegriffen und ins Lager nach Theresienstadt gebracht. Dort traf sie auch ihren späteren Mann Adolf Friedlander wieder, den sie schon flüchtig aus Berlin kannte und mit dem sie nach der Befreiung 1945 nach Amerika ging.

Obwohl die Friedlanders später viele Reisen – auch nach Europa – unternahmen, besuchte Margot Friedlander erst 2003, nach dem Tod ihres Mannes, Berlin zum ersten Mal wieder. Die Rückkehr war weniger emotional als erwartet, sagt sie: „Das heutige Berlin ist einfach nicht mehr mein Berlin von damals.“ Seit 2010 hat Friedlander wieder die deutsche Staatsbürgerschaft und lebt in Berlin. An ihrer früheren Adresse, der Skalitzer Straße 32, wurde ihr bereits ein Stolperstein – ein Andenken an die Opfer des Holocaust – gewidmet.

Das Adressbüchlein und die Bernsteinkette bringt sie oft zu den Gesprächen mit Schülern und Studenten mit, so auch gestern in Potsdam. Von ihren Auftritten erhofft sie sich, dass ihre Zuhörer ihre Erlebnisse weitertragen, die Zeitzeugen irgenwann ersetzen, wie sie sagte. „Ich möchte der jungen Generation keine Schuldgefühle für etwas geben, das sie nicht getan haben“, betonte sie. „Aber ich möchte, dass sie Menschen sind, die dafür sorgen, dass so etwas Ungeheuerliches, so etwas Unmenschliches wie damals nie wieder passiert.“

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