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  • 12.06.2014
  • von Grit Weirauch

Auf Erfolg getrimmt

von Grit Weirauch

Welche Risiken bergen Eliteschulen des Sports? Ein Forschungsprojekt darüber wurde vom Ministerium beendet

Sportliche Höchstleistungen, effiziente Begabungsförderung und vorbildliche Schullaufbahnen – die Eliteschulen des Sports werden gern als Aushängeschild für Brandenburg gesehen. Erstmals wurden in den sechs vergangenen Jahren Schüler wissenschaftlich begleitet, um Aussagen etwa über ihre psychische Stabilität zu treffen. Am heutigen Donnerstag will das Bildungsministerium im Sportausschuss des Landtags seinen Bericht zu den Ergebnissen vorstellen. Doch bereits im Vorfeld regt sich Protest. „Das Projekt wurde für uns sehr überraschend beendet“, sagt Ralf Brand von der Universität Potsdam. Der Professor für Sportpsychologie leitete unter anderem die Studie zur Gesundheit von Schülern an den Spezialschulen. Innerhalb weniger Wochen seien die Forschungen Ende vergangenen Jahres eingestellt worden. Dabei sollten die Studien helfen, Risiken des Systems Eliteschulen im Blick zu behalten.

Die Spezialschulen Sport in Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) gehören mit ihren rund 1700 Schülern zu den erfolgreichsten, aber auch teuersten Bildungseinrichtungen des Landes. So wurden im Zuge der sogenannten Systemumstellung vor einigen Jahren rund 100 Lehrer neu eingestellt. Diese sollten als Lehrertrainer die sportlichen Begabungen der Kinder effektiver fördern. Gleichzeitig begleiteten Sportwissenschaftler und Psychologen Schüler der Klassen 7 bis 10, um herauszufinden, wie sportpsychologische Betreuung sich auf die Leistung der Kinder und Jugendlichen auswirkt.

Nach Meinung Brands wird gerade mit den Sportschulen „ein unglaublich hoher Aufwand an Leistungssportförderung in Brandenburg betrieben“. Mit Erfolg, wie der Sportwissenschaftler meint. „Es zeigen viele Veröffentlichungen und die Reaktionen von Fachkollegen, dass das System vorbildhaft ist. Trotzdem, oder gerade deswegen verdienen es Projekte solcher Größenordnung, dass ein kritisches Korrektiv beibehalten wird.“ So wüsste die Forschung bislang nichts über sogenannte Dropouts – Kinder, die aus dem Leistungssport-Programm ausscheiden.

Stephan Breiding vom Brandenburger Bildungsministerium hingegen betont, dass das Studienprojekt von Anfang an auf den Bereich der Sekundarstufe angelegt war, also bis zur 10. Klasse. Auch verweist der Pressesprecher darauf, dass es bereits um ein Jahr verlängert wurde, um den Übergang in die 11.Klasse mit in den Blick zu nehmen.

Für eine Fortführung der Forschungen hat Brand eine Reihe von Unterstützern gefunden. Der Sportwissenschaftler Albrecht Hummel von der TU Chemnitz fordert in einem Brief an die Ausschussmitglieder und Bildungsstaatssekretär Burkhard Jungkamp, die wissenschaftliche Forschung aufrechtzuerhalten - „auch im Interesse einer sensiblen Krisen- und Konfliktprävention“, wie es in dem Schreiben heißt. Außerdem gebe es bislang nicht genügend Erkenntnisse zum Doping an den Schulen. Nach Aussagen von Hummel nimmt trotz Angeboten zur Drogenprävention der Anteil der Schülerathleten zu, die einräumen, ohne ärztliche Bescheinigung Medikamente einzunehmen.

Ines Geipel, ehemalige Leistungssportlerin in der DDR und Vorsitzende des Vereins Doping-Opfer-Hilfe, findet es alarmierend, dass die wissenschaftliche Begleitung beendet wurde. Dabei würden heutige Trainer ihren Verein öfters darauf hinweisen, dass „in dem System Schule etwas schiefläuft“. Ihrer Meinung nach ist es zu sehr auf Effizienz angelegt. Es sei Aufgabe des Landes, ein System aufzubauen, das die Kinder maximal schützt. „Schließlich ist jeder, der da reingeht, ein einzigartiges Leben.“ Der Geschäftsführer des Landessportbundes, Andreas Gerlach, befürwortet ebenfalls das Projekt der wissenschaftlichen Begleitung. „Da ist wirklich viel geschehen, allein im Hinblick auf Verletzungs- und Dopingprophylaxe.“ Als Nächstes will er nun aber die Ergebnisse der Forschung analysieren, wie Gerlach erklärt.

Der Schulleiter der Potsdamer Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportschule, Rüdiger Ziemer, hingegen hält es für sinnvoll, die Forschung vorerst ruhen zu lassen. Allerdings nur mit Blick auf die Eliten: „Man sollte jetzt ein paar Jahre ins Land gehen lassen“, so Ziemer, „um sich dann die Erfolge anzuschauen, wenn die jungen Menschen das Alter ihrer möglichen Höchstleistungen erreicht haben“.

Das Bildungsministerium sieht als Nächstes den Bund in der Pflicht, weitere Forschungen zu finanzieren. Doch Brand hält dagegen: Er habe bereits drei Anträge auf Förderung gestellt – und Ablehnungen erhalten. Inhaltlich sei das Thema hoch relevant, hieß es vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft. Einzig das Bundesinteresse fehle. Schließlich ist Bildung Ländersache.

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