29.07.2016, 23°C
Themenschwerpunkt:

Klasse

  • 08.05.2014
  • von Grit Weirauch

Inklusion in der Warteschleife

von Grit Weirauch

Die Oberlinschule erlebt einen Ansturm an Anwärtern für einen Schulplatz. Doch einem Wachstum setzt die Politik Grenzen

Trotz – oder gerade wegen – der fortschreitenden Inklusion ist die Nachfrage nach der Oberlinschule ungebrochen. Auch in diesem Schuljahr habe die Förderschule wieder deutlich mehr Anmeldungen als Plätze, sagte Matthias Fichtmüller, Theologischer Vorstand des Oberlinhauses. „Wir erleben seit der Inklusionsdebatte einen Ansturm auf unsere Schule“, so Fichtmüller. Wie jedes Jahr könnten nur rund 20 Schüler in die erste Klasse aufgenommen werden, mehr als 100 Anmeldungen habe es aber gegeben. „Selbst mit unserem Neubau kommen wir schon wieder an unsere Kapazitätsgrenzen“, so Fichtmüller. Als einen möglichen Grund für den starken Andrang nannte Fichtmüller das mangelnde Vertrauen in den vom Land angestoßenen Inklusionsprozess.

An der Oberlinschule in Babelsberg lernen rund 280 Schüler mit vielfältigen motorischen und geistigen Entwicklungsstörungen – Körperbehinderte, Seh- und Hörbehinderte. Am Mittwoch stellte das Oberlinhaus als Träger in der Behindertenhilfe ein Zehn-Punkte-Programm für eine gelingende Inklusion vor. Dabei geht es nicht nur um die schulische Einbindung von behinderten und nichtbehinderten Kindern, sondern um einen gesamtgesellschaftlichen Prozess. Die Broschüre soll demnächst an Behörden und Sozialhilfeträger verteilt werden.

Als einen zentralen Punkt wird im Programm die Wahlfreiheit bei der Auswahl der Schule betont. Viele Eltern würden für ihre Kinder mit Behinderung einen Schutzraum suchen, sagt Frank Pagenkopf, Sekundarstufenlehrer an der Oberlinschule. „Es ist nun mal schwierig für einen Autisten in einer Klasse mit 25 Schülern.“ Das Recht, selbst zu wählen, ob eine Förderschule oder eine Regelschule besucht wird, sieht Pagenkopf durch die vom Land Brandenburg angekündigte Auflösung der Förderschulen bedroht. Allein das Oberlinhaus verfügt über ein breites Angebot an Therapeuten, sozialpädagogischer und ärztlicher Betreuung. „Ich kenne keine andere Einrichtung, die das leistet.“

In Kleinmachnow versuchte das Oberlinhaus zuletzt, die marode und von der Schließung bedrohte Förderschule für lernschwache Kinder zu übernehmen. Der dazu nötige Antrag auf Errichtung einer Förderschule sei vom Bildungsministerium abgelehnt worden, da keine Förderschulen mehr genehmigt würden, so Fichtmüller. Daraufhin wollte das Oberlinhaus an dem Standort im Schleusenweg eine Grundschule mit integrativer Förderklasse entwickeln. Doch dem Projekt verweigerte bislang der Landkreis Potsdam-Mittelmark seine Zustimmung und hat nach Aussagen von Fichtmüller den Pachtvertrag für das Schulgelände nicht unterzeichnet. „Die uns gemachte Zusage wurde nicht umgesetzt“, beklagt der Oberlin-Vorstand. Er hofft nun auf die Kommunal- und Landtagswahl. Schließlich sei die Nachfrage von Familien aus dem Umland groß. Die Eröffnung der Schule war für das kommende Schuljahr geplant, doch ohne ein Grundstück vorweisen zu können, ist der Antrag beim Ministerium nicht genehmigungsfähig. Fichtmüller warnte erneut davor, Förderschulen voreilig abzuschaffen „Es wiederholen sich Fehler aus dem europäischen Kontext.“ So wurden in Italien schon in den 70er-Jahren Förderschulen abgeschafft. Das Land gilt als Vorbild in der Inklusionsdebatte. Allerdings sei, so Fichtmüller, die Zahl der nicht beschulten Kinder gestiegen, da Regelschulen auch die Aufnahme verweigern konnten.

Social Media

Umfrage

Lösung für die defizitäre Tropenhalle gesucht: Soll das Naturkundemuseum in die Biosphäre ziehen? Stimmen Sie ab!