26.05.2016, 17°C
  • 05.05.2014
  • von Holger Catenhusen

Festliches Erwachsenwerden

von Holger Catenhusen

Vorfreude auf das Wochenende. Alesja und Viktor Wolf feiern am Samstag gemeinsam mit vielen anderen Jugendlichen im Nikolaisaal ihre Jugendweihe. Längst hat sich dieses Fest vom Ruch der Ostalgie-Veranstaltung befreit. Mehr als 800 Jugendliche nehmen in diesem Jahr an den Jugendweihefeiern in Potsdam teil. Foto: Manfred Thomas

Die Geschwister Wolf feiern in ein paar Tagen Jugendweihe. Das Fest wird in Potsdam immer beliebter

Früher wollte Alesja Wolf immer eine Patentante und einen Patenonkel haben. Doch dafür hätte sie sich taufen lassen müssen, obwohl sie gar nicht gläubig war. Für die heute 14-jährige Potsdamerin war klar: Ohne den nötigen Glauben lasse ich mich nicht taufen. Vor einigen Monaten stand das Mädchen mit dem brünetten Haar wieder vor so einer Entscheidung: Sie wünschte sich ein fröhliches Fest – so etwas wie die Feier der Konfirmation. „Ich wollte auch so eine Feier haben“, erinnert sich die Schülerin. Weil sie nicht dem evangelischen Glauben angehört, kam eine Konfirmation nicht infrage.

Am kommenden Samstag soll Alesjas Wunsch nach einer würdigen Feier trotzdem in Erfüllung gehen. Sie wird dann zu ihrer Jugendweihefeier im Nikolaisaal sitzen, gemeinsam mit vielen Gleichaltrigen, darunter ihr Bruder Viktor, und gebannt zur Bühne schauen. Eine Show soll dort gezeigt werden. So viel weiß das Geschwisterpaar bereits. Was die Erwachsenen ihnen bei dieser Feierstunde mit auf den Weg geben werden, das wissen die beiden aber noch nicht.

Vermutlich werden es stärkende Worte sein, vielleicht Lebensweisheiten, Medizin für den Weg durch die Zeiten. Schließlich gehe es bei der Jugendweihe um nichts weniger als den Einstieg in das Erwachsenenleben, erläutert Alesja. Das sei für sie der tiefere Sinn dieses Initiationsritus. Also nicht etwa eine Feier um des Feierns willen. Deswegen heißt für Alesja die Jugendweihe auch nicht Jugendfeier, wie der traditionsreiche Ritus ebenfalls gern bezeichnet wird. „Feier ist so ein alltägliches Wort“, sagt die Schülerin.

Martina Winkler vom Humanistischen Verband in Potsdam verzichtet hingegen auf den Begriff Jugendweihe. Ihre Vereinigung als einer der großen Ausrichter jener Feiern weihe schließlich nichts. Dieser religiöse Begriff sei daher unpassend. In ihrem Verband spricht man lieber von Jugendfeiern. Winkler verweist auf den Ursprung des Ritus. Vor mehr als 150 Jahren hatten freireligiöse Gemeinden diese Feiern erfunden und sich damit von den religiösen Festen wie Firmung oder Konfirmation abgegrenzt. Damals sei es häufig darum gegangen, den Abschied aus dem elterlichen Haushalt zu begehen, sagt Winkler. Die Schule war für viele Kinder mit 14 Jahren bereits beendet, die Lehrzeit begann. Ein solches Abschiedszeremoniell sind die Jugendfeiern heute nicht mehr, räumt Winkler ein. Aber was sich in einer zunehmend säkularen Welt bis in die Gegenwart erhalten hat: das Bedürfnis nach einer schönen Feier. „Ein wichtiges Fest“ sei es für die Jugendlichen, sagt Winkler. Ein Fest, mit dem man den Abschied von der Kindheit und den Übergang zur Jugend feiere.

Dass sich Veranstaltungen dieser Art keineswegs überlebt haben, zeigt die Statistik: Für ungefähr 620 junge Potsdamer richte man in diesem Jahr die Feierlichkeiten aus, berichtet Winkler. Im Vorjahr seien es zwar rund 140 Jugendliche mehr gewesen, insgesamt aber zeige der Trend der letzten Jahre in Potsdam nach oben. Beim Verein Jugendweihe Berlin-Brandenburg, der ebenfalls derartige Feiern ausrichtet, spricht man von gleichbleibend hohen Teilnehmerzahlen über die letzten Jahre hinweg. In Potsdam veranstalte man in diesem Jahr die Jugendweihe für zirka 180 Jugendliche. Bei der Arbeiterwohlfahrt nehmen nach eigenen Angaben in diesem Jahr 35 Potsdamer an der Jugendweihe teil. 15 waren es im vergangenen Jahr.

Trotz des beständigen Zuzugs nach Potsdam, auch von christlich geprägten Familien, hält die Jugendweihe in ihrer Beliebtheit damit die Feiern der kirchlichen Konkurrenz deutlich auf Abstand: Im evangelischen Kirchenkreis Potsdam, zu dem auch Werder und Bergholz-Rehbrücke, nicht jedoch einige Ortsteile im Norden wie Groß Glienicke und Marquardt gehören, wurden im vergangenen Jahr etwa 210 Jugendliche konfirmiert. Eine Gesamtzahl für 2014 konnte die Kirche noch nicht nennen. Und in den zwei Potsdamer katholischen Gemeinden wird in diesem Jahr nach Angaben der beiden Pfarrbüros voraussichtlich 70 Jugendlichen die Firmung gespendet.

Den Ruch der Ostalgie-Veranstaltung, der ihr noch viele Jahre nach der Wende anhaftete, hat die Jugendweihe längst abgelegt. Zu DDR-Zeiten war die Teilnahme zwar offiziell freiwillig. Wer aber die Karriereleiter wenigstens ein bisschen erklimmen wollte, kam um die Jugendweihe nicht herum. Ohne das damals mit der Feier verbundene Bekenntnis zum sozialistischen Staat war ein Studienplatz kaum zu bekommen.

Inzwischen interessieren sich auch immer mehr Eltern mit einer westdeutschen Vita für die Jugendweihe, sagt Winkler. So wie die Mutter von Alesja und Viktor. „Mir war das erst suspekt“, sagt Beate Wolf. Sie war in der alten Bundesrepublik mit einem kirchlichen Hintergrund aufgewachsen. Der Wunsch ihrer Kinder zwang sie nun, sich auf Neuland zu begeben. Und so erfuhr Wolf von den Kursen, die der Humanistische Verband zur Vorbereitung auf die Jugendfeier anbietet: Benimm-Unterricht im Knigge-Kurs etwa oder auch ein Besuch im Konzentrationslager Sachsenhausen standen für ihre Kinder unter anderem auf dem Programm. „Das fand ich wirklich alles sehr überzeugend“, sagt Beate Wolf.

Social Media

Umfrage

Soll das Rechenzentrum auch nach 2018 als Künstlerzentrum erhalten bleiben? Stimmen Sie ab!