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  • 03.04.2014
  • von Peter Könnicke

Verlorene Goldkinder

von Peter Könnicke

Ein Kapitel erzählt die Geschichte des in Belgrad geflohenen Fußballers Falko Götz.

Die Ausstellung über „Sportverräter“, aus der DDR geflohene Spitzenathleten, macht Station im Landtag

Mit der Begegnung, bei der Vergangenheit auf Kunst trifft, wird häufig das neue Landtagsgebäude beschrieben: Eine barocke Fassade umhüllt moderne Baukunst. Seit Dienstag gibt es an gleicher Stelle ein weiteres Beispiel für das Aufeinandertreffen dieser Art. Auf ihrer zehnten Station ist die Wanderausstellung „ZOV Sportverräter. Spitzenathleten auf der Flucht“ ins Foyer des Landtags gezogen, wo sie wochentags bis Ende Mai zu sehen sein wird. Die Vergangenheit, die hier durch Videoinstallationen kunstvoll in Szene gesetzt und erzählt wird, ist die von 15 Spitzensportlern der einstigen DDR, die in den Westen geflohen sind.

Ihre Geschichte hat sich in den 40 Jahren der DDR millionenfach wiederholt. Drei Millionen Menschen flohen über die innerdeutsche Grenze von Ost nach West. Und doch war die Republikflucht der 600 Ost-Athleten in den Westen Deutschlands etwas Besonderes. Die verlorenen Goldkinder taten den Staats- und Parteiobersten besonders weh. Schließlich hatte sie ihre Sportler zu „Diplomaten im Trainingsanzug“ erhoben. „Der Imageverlust schmerzte“, sagt die Historikerin Jutta Braun vom Zentrum deutsche Sportgeschichte, eine der Kuratoren der Ausstellung. Denn jeder Sportler, der sich abgesetzt hatte, war wie eine verlorene Schlacht im Kalten Krieg – oder eine gewonnene, je nach Sichtweise. Eines war jede Flucht für beide Seiten: Material für den Propagandakrieg. Für die einen waren es Verräter, für die anderen „Zonenflüchtlinge“, die nicht selten zum Spielball im Wettstreit der westdeutschen Presse um Exklusivrechte wurden.

Die Ausstellung dokumentiert 15 verschiedene ZOV-Kapitel – „zentraler operativer Vorgang“ wie die DDR-Staatssicherheit die systematische Überwachung der Sportler nannte. Es sind die persönlichen Schicksale von Leichtathleten, Schwimmern, Fußballern, Eiskunstläufern, Kanuten oder Turnern. Als Besucher tritt man den einstigen Republikflüchtlingen gegenüber: Sie sind heute zwischen 50 und 60 Jahre alt und erzählen, was damals passiert ist, warum sie es nicht mehr ausgehalten haben in der DDR und geflohen sind. Es sind zum Teil abenteuerliche Geschichten, wie die des Schwimmers Axel Mitbauer, der 22 Kilometer durch die Ostsee von Boltenhagen bis Lübeck schwamm. 1963 war das. Es sind skurrile Episoden wie die von Frank Hoffmeister. Der Schwimmer wollte sich 1984 bei einem Wettkampf in Rom in die bundesdeutsche Botschaft absetzen, stand aber vor verschlossenen Türen und wurde mit den Worten weggeschickt, er solle doch zu den geregelten Öffnungszeiten wiederkommen. Der zweite Versuch war dann erfolgreich.

Und es ist die Geschichte des einstigen Potsdamer Turners Wolfgang Thüne, der am Dienstagabend gemeinsam mit seinem damaligen Fluchthelfer Eberhard Gienger zur Ausstellungseröffnung gekommen war. Thüne und Gienger waren in den 1970er-Jahren die besten Turner der Welt und sportliche Rivalen. Bei den Weltmeisterschaften 1973 gewann Gienger Gold und Thüne Silber. „Gegen den Klassenfeind Nummer eins zu verlieren, wurde als große Schande empfunden“, erzählte Thüne. Die Folge: Das Training wurde härter, die Übungen immer riskanter und schwieriger. „Der Druck wurde brutal erhöht, ich habe mir zweimal fast das Genick gebrochen“, so Thüne. Auch das verordnete Doping wurde zum Problem. Offen erzählte Thüne, dass auch im Turnen „gezielt mit Tabletten gearbeitet“ und dies mit einer schnelleren Regeneration begründet wurde. „Die Nebenwirkungen aber wurden verschwiegen“, sagte Thüne. Ein Problem, das durch die Dopingmittel schnell deutlich wurde: „Ich bekam den Kraftzuwachs nicht mehr koordiniert, habe bei einfachen Übungen einfach daneben gegriffen.“

Der sportliche Druck und das verordnete Doping waren nur zwei Motive, die Thüne zur Flucht bewogen. Die eigene geistig-politische Entwicklung, die Einschränkungen und Überwachungen – all das konnte er nicht mehr ertragen trotz der Privilegien, die er als erfolgreicher Sportler hatte. Und schonungslos ehrlich antwortete Thüne auf Frage, ob seine Frau nicht ein Grund zum Bleiben gewesen sei: „Wenn die Ehe so gut gewesen wäre, wäre ich geblieben.“

1974, bei einem Turnwettkampf in Bern, fragte Thüne seinen Konkurrenten Gienger, ob er ihm helfen könne und ihn mit dem Auto über die Grenze fahre. „Er war der Einzige, den ich etwas näher kannte“, erklärte Thüne. „Ich habe nicht lange überlegt und es gemacht“, erzählte Gienger. Mögliche Konsequenzen wurden ihm schnell bewusst. Die Olympischen Spiele in Moskau, die später vom Westen boykottiert wurden, wären für ihn vielleicht ein Risiko geworden, wenn seine Rolle als Fluchthelfer publik geworden wäre. Also vereinbarten beide Stillschweigen, das 25 Jahre hielt: Offiziell hieß es, Thüne wäre per Anhalter geflohen.

Erst nach Mauerfall und Wende erzählte Gienger einem Journalisten in einem Nebensatz, wie es tatsächlich war. „Die Tatsache, dass wir beide Risiken eingegangen waren, hatte sich durch das Schweigen nicht geändert“, sagt Gienger heute. Dass er – wie am Dienstag – so ausgiebig davon erzählt, sei auch ein Verdienst der Ausstellung. „Es ist eine tolle Leistung, uns zum Nachdenken zu veranlassen“, sagte Gienger.

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