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  • 21.03.2014
  • von Henri Kramer

ERINNERUNGSKULTUR Neues Konzept und ein alter Konflikt: Gedenken unter Vorbehalt

von Henri Kramer

Mauerrest in Babelsberg: Zum Umgang mit der wechselvollen Geschichte Potsdam hat die Stadtverwaltung nun ein Konzept zur Erinnerungskultur vorgelegt. Foto: Manfred Thomas

Das lang angekündigte Erinnerungskonzept der Stadt Potsdam ist fertig – doch viele Fragen bleiben offen

Die Stadtverwaltung will alle Gedenkorte in Potsdam im Internet auf einer Liste veröffentlichen – aber nur dann, wenn sich dafür ein Schülerprojekt findet und genug Geld vorhanden ist. Das ist einer der Handlungsvorschläge im nach monatelangen Debatten neuen Konzept zur Erinnerungskultur – dem ersten Plan dieser Art in einer deutschen Landeshauptstadt, wie es am Donnerstag bei der Vorstellung des 74-seitigen Papiers vor Journalisten hieß.

Kern des in Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) entstandenen Konzepts sind die Handlungsempfehlungen sowie Grundsätze einer Potsdamer Erinnerungskultur (siehe Kasten). Allerdings stehen konkrete Projekte – etwa der Erhalt von Gedenkorten, eine geplante Illumination der Glienicker Brücke oder das vom Zentralrat der Juden angemahnte Kenntlichmachen von Orten jüdischer Geschichte in Potsdam unter einem Finanzierungsvorbehalt. Der für das Konzept verantwortliche Kommunikationsdezernent Dieter Jetschmanegg (SPD) sagte, pro Jahr stünden 15 000 Euro für solche Projekte und sämtliche Gedenkveranstaltungen der Stadt zur Verfügung. Zudem solle im Rathaus ab 2015 ein Koordinator für Erinnerungskultur arbeiten. Die Umsetzung des Konzepts werde künftig nicht mehr vom Fachbereich des Oberbürgermeisters begleitet, sondern vom Kulturbereich von Dezernentin Iris Jana Magdowski (CDU).

In Potsdam wird seit Jahren über die Gedenkkultur gestritten. Um für künftige Debatten eine Grundlage zu haben, hatte die Stadtverwaltung vor einem Jahr mit der Arbeit am Gedenkkonzept begonnen und dazu Stellungnahmen von Vereinen und Einzelpersonen eingeholt. Geplant war eine Art Richtschnur für die Frage, welchen Ereignissen an welchen Standorten gedacht werden kann oder soll. Nun soll es künftig mindestens vier Veranstaltungen pro Jahr unter städtischer Regie geben – und zwar am 27. Januar zum Holocaust-Gedenktag, am 14. April zur Bombardierung und Zerstörung der Potsdamer Innenstadt 1945, am 13. August zum Tag des Mauerbaus 1961 und am 9. November zur Pogromnacht 1938 und zum Mauerfall 1989. Zu diesen Veranstaltungen soll sich die Stadt jeweils geeignete Partner suchen, heißt es in dem Papier – genauere Vorgaben gibt es nicht.

Nicht zuletzt um das Holocaust-Gedenken hatte es in den vergangenen Jahren stets Streit gegeben, weil dieses in der Gedenkstätte Lindenstraße stattfand. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BDA) lehnt das Holocaustgedenken an diesem Ort ab, weil dort nach 1945 auch Nazifunktionäre inhaftiert waren – das Konzept einer Sammelgedenkstätte für Opfer verschiedener politischer Herrschaftssysteme sei mit der Singularität des Holocausts unvereinbar, hieß es.

Lutz Boede von der VVN-BDA kritisierte am Donnerstag, das Konzept greife derlei offene Fragen gar nicht auf, obwohl das Papier doch zu deren Klärung beitragen sollte.

Im Rathaus ist man sich des Konfliktes allerdings bewusst: Im Konzept heißt es, das Gedenken an die nach 1945 begangenen Verbrechen bei der Durchsetzung der kommunistischen Diktatur und ihrer Absicherung durch das SED-Regime dürfe die Singularität der NS-Verbrechen nicht infrage stellen. Diese Formulierung lobte am Donnerstag Linke-Kreischef Sascha Krämer: Damit werde eine totalitaristische Gleichsetzung von Faschismus und DDR-Geschichte vermieden. Allerdings sagte auch er, dass er sich in dem Konzept klarere Formulierungen gewünscht hätte. Über das Papier müssen noch die Stadtverordneten entscheiden.

Neben den vier Gedenkterminen will die Stadt Veranstaltungen zu besonderen Jahrestagen laut Konzept langfristig planen. In diesem Jahr geht es dabei um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren und den 70. Jahrestag des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944. Dazu sollen in der nächsten Woche erste Termine im Internet veröffentlicht werden – geplant hat die Stadt unter anderem eine Veranstaltung mit der Bundeswehr für Henning von Tresckow, der zu den Verschwörern des 20. Juli gehörte.


GEDENKEN IN POTSDAM

Grundsätze der Erinnerungskultur

In dem Konzept zur Erinnerungskultur, das im Internet unter www.potsdam.de/content/erinnerungskultur veröffentlicht werden soll, sind acht Grundsätze zur Potsdamer Gedenkkultur formuliert. Die PNN dokumentieren Auszüge.

„Eine vielfältige Stadtgesellschaft muss unterschiedliche Deutungen bzw. das jeweils eigene Gedenken und Erinnern des anderen aushalten und tolerieren, solange die allgemein anerkannten Maßstäbe eines toleranten und respektvollen Umgangs miteinander beachtet werden.“

„Die Akteure im Themenfeld Erinnern und Gedenken treten für eine stärkere Beteiligung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen an der Erinnerungskultur ein.“

„Die städtische Erinnerungskultur leistet einen Beitrag dazu, Spuren verschiedener Zeitschichten im Stadtbild zu erhalten und durch temporäre und dauerhafte Installationen im öffentlichen Raum die Stadt als Gedächtnisort sichtbar zu machen.“ (PNN)


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