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  • 03.03.2014
  • von Marco Zschieck

Flashmob der bedrohten Künstler: Zwei Minuten

von Marco Zschieck

Protestmusik. Gespielt wurde ein Bob-Marley-Klassiker mit neuem Text. Foto: A. Klaer

Mehr als 100 Künstler machten mit einem Flashmob auf der Brandenburger Straße auf den drohenden Mangel an Räumen aufmerksam.

Innenstadt - Es ging schnell. Um Punkt 15 Uhr am Samstag stellten sich mehr als 100 Potsdamer Künstler in einen vorher auf das Pflaster gemalten Kreis an der Kreuzung von Brandenburger und Dortustraße. Fast jeder hatte ein Instrument mitgebracht. Zur Melodie von Bob Marleys Klassiker „Exodus“ sangen sie „Schick essen gehen und teuer wohn', das ist uns zu monoton“. Nach etwa zwei Minuten war es plötzlich still. Die Instrumente wurden noch einmal kurz in den sonnigen Nachmittagshimmel gehoben. Dann zerstreute sich die Menge wieder.

Was zwischen Handyshop, Cafés und Apotheke wie ein spaßiger Flashmob daherkam, hat für die Beteiligten einen ernsten Hintergrund. „Für uns geht es um die Existenz“, sagt die Sängerin Anja Engel. Anlass für die Aktion war die Kündigung von mehr als 100 Kreativen und über 25 Bands aus der Alten Brauerei am Brauhausberg. Ende April sollen alle Nutzer das Gebäude räumen. Denn dann will die Nürnberger Immobiliengesellschaft Terraplan die Alte Brauerei sanieren.

Die öffentliche Aktion soll für die Künstler der Auftakt einer Kampagne werden. In den nächsten Wochen sollen Musiker auf der Straße proben oder Maler ihre Staffeleien in der Fußgängerzone aufstellen, hieß es. Außerdem sollen sich die Potsdamer die Alte Brauerei bei einem Tag der offenen Tür selbst ansehen können – ein Termin steht noch nicht fest. „Wir wollen niemandem auf der Tasche liegen“, erklärt Engel. Es gehe nicht darum, den Kulturfördertopf der Stadt anzuzapfen. Aber die Raumnot müsse ernst genommen werden.

Im Januar hatten die Künstler die Kündigungen bekommen. Zunächst sollte sogar ein Teil von ihnen Ende Februar ausziehen. Das ist mittlerweile vom Tisch. Der Investor stimmte zu, dass alle bis Ende April bleiben können. Unterdessen haben sich die Betroffenen organisiert. „Ich war überrascht, wie viele wir sind“, sagt André Tomczak, der Sprecher der vom Rauswurf bedrohten Musiker. Das Problem gehe über die Räumung der Brauerei hinaus. Mit ihr verliere man die letzte große Bastion bezahlbarer Kreativwerkstätten in der Potsdamer Innenstadt. Und ausweichen könne man nicht mehr, weil auch Projekte in anderen Teilen der Stadt in diesem Jahr ihre Plätze räumen müssen. Dem unabhängigen Musik-, Kunst- und Kreativangebot drohe eine Krise.

Die Politik nimmt sich des Themas bislang nur zögerlich an. Der städtische Kulturausschuss beschloss in der vorletzten Woche, prüfen zu lassen, ob sechs Bandproberäume in einem Jugendkulturzentrum eingerichtet werden können. Doch die nötigen 50 000 Euro werden wegen einer geltenden Haushaltssperre wohl ohnehin nicht bewilligt, machte das Kulturamt unverzüglich klar.

Aus der CDU kam der Vorschlag, die Künstler doch zumindest vorübergehend im ehemaligen Landtag gleich nebenan unterzubringen. Doch die rot-rote Landesregierung erteilte sogleich eine Absage. Für das wegen seiner Vorgeschichte als Bezirksleitung der SED „Kreml“ genannte Gebäude soll ein Investor gesucht werden. Linke-Kreischef Sascha Krämer wiederum brachte am gestrigen Sonntag das seit Jahren leer stehende frühere Terrassenrestaurant „Minsk“ am Brauhausberg ins Spiel: „Im Zuge der Bebauung und Neugestaltung kann auch eine neue Nutzung des Minsk vorangetrieben und somit ein Kultur- und Freizeitquartier mitten in der Innenstadt errichtet werden“, so Krämer. Wie berichtet ist ein Erhalt des Minsk nach dem neuen Bebauungsplan für den Brauhausberg, den die Stadtverordneten an diesem Mittwoch diskutieren, möglich – allerdings müsste ein Investor gefunden werden. Zudem würde sich die Zahl der neuen Wohnungen auf dem Areal verringern.

Die Initiative der Kreativen aus der Alten Brauerei hat Kontakt zum neuen Büro für Bürgerbeteiligung aufgenommen, um sich bei der Suche nach einer Lösung besser zu vernetzen. Die Stadtverwaltung arbeitet unterdessen an der Beantwortung einer kleinen Anfrage der Fraktion Die Andere. Sie wollte wissen, welche städtischen Gebäude mögliche Alternativen für die Künstler sein könnten. Eine Antwort erwarte die Fraktion in der kommenden Woche, so der Stadtverordnete Nicolas Bauer.

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