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  • 03.01.2014
  • von Henri Kramer

Gedenken an Hitler-Attentat und Weltkriegsausbruch

von Henri Kramer

Das lang erwartete Konzept für Erinnerungskultur ist fertig – nun sollen die Stadtverordneten über das Papier diskutieren

Es geht um politisch äußerst sensible Termine: Die Stadtverwaltung bereitet sich auf zentrale Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 und zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren vor. Das bestätigte Stadtsprecherin Christine Weber.

Unter anderem sei zum Jahrestag des Hitlerattentats eine Veranstaltung geplant, bei der auch die Bundeswehr einbezogen werden soll, so Weber. Bekanntlich stammten mehrere Verschwörer, die damals versuchten, Hitler umzubringen, aus der Gemeinde der Garnisonkirche. Für das Gedenken an den ersten Weltkrieg werden laut Weber ebenso erste Gespräche geführt – am 31. Juli 1914 hatte der deutsche Kaiser Wilhelm II. im Neuen Palais die Kriegserklärung gegen die Entente-Mächte unterzeichnet.

In Potsdam wird seit Jahren über den Umgang mit solchen sensiblen Terminen und die Gedenkkultur in der Stadt allgemein gestritten. So hatte es im vergangenen März beim offiziellen Gedenkspaziergang der Stadtverwaltung und der Potsdamer Kirchen zum sogenannten Tag von Potsdam am 21. März 1933 einen Eklat gegeben: Linke Aktivisten, teilweise bekleidet mit Nazi-ähnlichen Uniformen, störten die Veranstaltung mit einem Fackelzug, um gegen den umstrittenen Wiederaufbau der 1968 gesprengten Garnisonkirche zu demonstrieren.

Um für künftige Debatten eine Grundlage zu besitze, lässt die Stadtverwaltung seit Monaten ein Gedenkkonzept erarbeiten – dessen Entwurf ist laut Weber nun fertig und soll den Stadtverordneten in ihrer nächsten Sitzung am 29. Januar vorgelegt werden. „Über diesen Entwurf eines Konzeptes zur Erinnerungskultur in Potsdam soll dann weiterdiskutiert werden.“ Dann müssen die Stadtverordneten ihn noch beschließen.

Das Papier ist laut Weber Ende Dezember fertig geworden. Geplant war eine Art Richtschnur für die Frage, an welchen Tagen wo gedacht werden kann oder soll. Weber sagte, als ein Ziel der städtischen Erinnerungskultur sei unter anderem formuliert, dass die Stadt jährlich offizielle Veranstaltungen zum Beispiel zum Holocaust-Gedenken, zum Bombenangriff auf die Stadt 1945 oder zur Reichspogromnacht plant und dabei diverse gesellschaftliche Gruppen einbezieht: „Wir wollen erreichen, dass die Initiativen das Gedenken mit Leben erfüllen“, sagte sie. Das komplette Konzept solle der Öffentlichkeit noch im Januar präsentiert werden.

Wie berichtet hatte die Stadtverwaltung im vergangenen Februar mehr als 100 Initiativen und interessierte Bürger aufgerufen, an den Leitlinien zum Gedenken mitzuarbeiten. Dazu wurde auch ein entsprechender Fragenkatalog verschickt. Nicht alle waren dem gefolgt – so hatte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN) früh klargemacht, nicht an einem Konzept mitarbeiten zu wollen, an dem auch der Bund der Vertriebenen und die Garnisonkirchenstiftung mitarbeite. Zudem gab es viel Kritik an der bisherigen Erinnerungspolitik in Potsdam. So hatte der Zentralrat der Juden kritisiert, in Potsdam würden Ursachen und Wirkungen des Nationalsozialismus „höchstens relativ abgeschwächt im Verhältnis zur preußisch-königlichen Geschichte und der Zeit nach 1945 thematisiert“. Dies führe zu „ziemlicher Einseitigkeit“. „Die Erinnerung an jüdisches Leben in der Landeshauptstadt ist deutlich unterrepräsentiert, gerade auch im Vergleich zu Berlin“, hieß es auch in der Stellungnahme des Moses-Mendelssohn-Zentrums (MMZ). Ein weiteres Ergebnis dieser ersten Phase der Debatte: Eine breite Mehrheit der Initiativen lehnte einen zentralen Gedenkort in der Landeshauptstadt ab.

Neben der Umfrage zum Gedenkkonzept veranstaltete die Stadtverwaltung im März und im Juni zwei öffentliche Diskussionen – dann wurde es ruhig um das Thema. Weber sagte, in den vergangenen Monaten seien unter anderem der Potsdamer Politologe Heinz Kleger und der Historiker Martin Sabrow vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in die Arbeit an dem Konzept eingebunden gewesen. Kleger hatte vor fünf Jahren bereits das neue Potsdamer Toleranzedikt erarbeitet, Sabrow war 2005 der Vorsitzende der von der Bundesregierung eingesetzten Expertenkommission, die den Auftrag hatte, ein Konzept für einen dezentral organisierten Geschichtsverbund zur Aufarbeitung der SED-Diktatur auszuarbeiten. Außerdem habe man mit anderen Kommunen wie Dresden gesprochen, wie diese mit Erinnerungskultur umgehen, sagte Weber.

Mit dem Konzept kündigt sich möglicherweise auch die Befriedung eines jahrelangen Konflikts an – die Auseinandersetzungen zur Ehrung des 1826 in Potsdam geborenen Max Dortu: Jahr für Jahr hatten vor allem linke Stadtpolitiker kritisiert, dass Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) den Freiheitskämpfer nicht genügend würdige. Weber sagte, es fänden derzeit Gespräche mit dem Potsdam Museum über Gedenkveranstaltungen für Dortu statt. Henri Kramer

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