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  • 18.10.2013
  • von J. Haase

Blinde Flecken

von J. Haase

Stadtansicht mit Hakenkreuzbeflaggung. Dieses Gemälde mit der Garnisonkirche ist in der neuen Dauerausstellung des Potsdam Museums zu sehen. Bei einer Fachtagung diskutieren Experten und Museumsmacher derzeit über den Umgang mit NS-Geschichte. Repro: A. Klaer

Sind märkische Regionalmuseen „Entnazifizierte Zone“? Der Frage nach dem Umgang mit der NS-Geschichte widmet sich eine Tagung am Potsdam Museum

Die Unsicherheit ist groß, bis heute. Uwe Koch vom brandenburgischen Kulturministerium berichtet von einem Anruf, der ihn vor einigen Wochen erreichte. Ein Journalist aus Westdeutschland wollte wissen, ob es stimmt, was eine aufgebrachte Touristin aus Brandenburg angesichts eines in einem dortigen Heimatmuseum ausgestellten Hitlerbildes behauptete: dass so etwas in den märkischen Museen verboten sei. Hitlerbilder verboten? Sicher nicht. Aber eine Rarität sind Alltagsgegenstände aus der Zeit des Nationalsozialismus tatsächlich in den Regionalmuseen. Mehr als 20 Jahre nach der Wende, diagnostiziert Koch, ist die Frage, wie man mit der NS-Zeit umgeht, vielerorts ungelöst. Zwar sind die offiziösen „antifaschistischen Traditionskabinette“ aus DDR-Zeiten beräumt worden. „Es gibt aber bis heute eine große Unsicherheit darüber, was an ihre Stelle treten könnte“, sagt Koch. Darf man Hitlerbilder zeigen oder provoziert man damit nicht vielleicht sogar Sympathie?

Der Brandenburgische Museumsverband nimmt sich des Themas auf seiner Herbsttagung an, die am gestrigen Donnerstag im Alten Rathaus am Alten Markt eröffnet wurde. Dabei wollen die mehr als 100 Wissenschaftler und Museumsmacher noch bis Samstag die Frage klären, welche Rolle der „verordnete Antifaschismus“ der DDR für die heutige Situation spielt, wie NS-Geschichte anschaulich ins Museum gebracht werden kann und welche Gefahren es gibt.

Im Eröffnungsvortrag beleuchtete Martin Sabrow, der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), Strategien der Vergangenheitsbewältigung nach 1945 in Ost und West. Auf beiden Seiten sei das Thema über Jahrzehnte hinweg in politischer Absicht benutzt worden – wenn auch aus verschiedenen Perspektiven. Während in der DDR die NS-Geschichte zur Rechtfertigung des Antifaschismus diente, war es in der BRD Argument für den Antitotalitarismus. Auf Ostseite seien mit dem Fokus auf den kommunistischen Widerstand sowohl der Holocaust als auch die Verstrickung der eigenen Bevölkerung weitgehend ausgeblendet worden. Auf Westseite konstatierte Sabrow bei der Tendenz zur Dämonisierung Hitlers eine „Persilschein-Mentalität“, die alten NS-Eliten teilweise noch jahrelange Karrieren möglich machte. In der westdeutschen Geschichtswissenschaft spielte der nationalsozialistische Alltag und die Frage nach der Verstrickung der breiten Bevölkerung erst ab den 1980er-Jahren eine Rolle.

Für die Ende September eröffnete neue Dauerstellung im Potsdam Museum wird der NS-Alltag nun im Rahmen des Ausstellungsbereiches „Weltbühne Potsdam – Potsdam in der Zeit zweier Diktaturen“ thematisiert. Zu sehen sind etwa Uniformen oder eine Kinderzeitung mit Kriegspropaganda, ein Gemälde zeigt eine Stadtansicht mit Hakenkreuz-Beflaggung. Ein Problem mit Lücken in der Sammlung gebe es nicht, sagte Museumsleiterin Jutta Götzmann den PNN: Die meisten Exponate aus der NS-Zeit seien bereits Teil der Ausstellung aus dem Jahr 1986 gewesen. Weitere Arbeit sei aber noch für die Erforschung einzelner Biografien nötig. Das Museum wolle schrittweise eine Datenbank zu Personen des 20. Jahrhunderts aufbauen.

Potsdam stehe im Brandenburgvergleich in Sachen Museen zur Zeitgeschichte gut da, sagte Susanne Köstering, die Geschäftsführerin des Museumsverbandes. Sie verwies auf das Potsdam Musem, Schloss Cecilienhof, die Villa Schöningen und die Gedenkstätten Leistikowstraße und Lindenstraße. Dass es, wie in beiden Gedenkstätten, zu Konflikten mit Zeitzeugen komme, sei auch andernorts immer wieder festzustellen. „Beiden Seiten gebührt Respekt – Historikern und Zeitzeugen“, sagt Köstering. J. Haase

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