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  • 15.10.2013

„Wir wären gern gekommen“

Erinnerungsort. Die Gedenkstätte Lindenstraße 54/55. Foto: M. Thomas

Seit September wird in der Gedenkstätte Lindenstraße an die NS-Zeit erinnert – Opferverbände fühlen sich dabei übergangen

Innenstadt - Die Eröffnung liegt erst wenige Wochen zurück – jetzt wird scharfe Kritik an der Entwicklung des neuen Austellungsbereiches zur NS-Zeit in der Gedenkstätte Lindenstraße 54/55 laut. Das sogenannte NS-Modul war nach jahrelangem Ringen im September als letzter Ausstellungsteil der Gedenkstätte eröffnet worden. Eine Einladung dazu für Vertreter der NS-Opferverbände habe es aber nicht gegeben, heißt es nun von verschiedenen Seiten. Opfervertreter werfen der Stadt außerdem fehlende Zusammenarbeit bei der Entwicklung vor. Die Stadt weist die Vorwürfe zurück.

Kritik kommt unter anderem von Lutz Boede aus dem Landesvorstand der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und Bund der Antifaschisten (VVN-BdA). Weder seien die Anregungen der Opferverbände in die Konzeption aufgenommen worden noch hätten diese Einladungen zur Eröffnung erhalten: „Ich bin fassungslos, mit welcher Ignoranz hier gegenüber den Opferverbänden agiert wird“, so Boede.

Kommunikationsschwierigkeiten mit der Stadt bestätigt auch Günther Knebel, der Geschäftsführer der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz. Zwar habe man im Vorfeld gelegentlich Mail-Kontakt mit der Historikerin Annemone Christians gehabt, die das Ausstellungskonzept seit Sommer 2012 nach mehrjähriger ehrenamtlicher Vorarbeit unter anderem von Gedenkstätten-Mitarbeiterin Gabriele Schnell entwickelte. Aus dem Potsdamer Rathaus habe es aber keine Einladung zur Eröffnung gegeben: „Wir wären als überregionaler Opferverband gern gekommen“, sagte Knebel den PNN. Die Vereinigung vertrete die Familien von rund 40 NS-Opfern.

Kritik hatte der Verband bereits im vergangenen Jahr im Rahmen der von der Stadtspitze angestoßenen Diskussion zur Gedenkstättenkonzeption geäußert: Als „völlig unakzeptabel“ angesichts der äußerst betagten Zeitzeugen hatte der Verband in einer Stellungnahme die häufigen Verschiebungen für das NS-Modul bezeichnet und gleichzeitig kritisiert, dass man bei der Konzeption nicht beteiligt wurde. Der Opferverband stößt sich auch an der Bezeichnung „Gedenkstätte für die Opfer politischer Gewalt im 20. Jahrhundert“. Er betone die Gemeinsamkeiten von zwei Diktaturen – zulasten notwendiger Differenzierungen: „Die das NS-System prägende rassistische Verfolgung wird im Namen der Gedenkstätte nicht einmal erwähnt.“

Scharfe Worte fand auch die Arbeitsgemeinschaft Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten (BEZ): Die Kommunikation mit den Verantwortlichen für den Gedenk- und Erinnerungsort sei „keineswegs als geglückt“ zu betrachten, hieß es in einer Stellungsnahme des BEZ. Das Projekt sei nach einer ersten an die Vereinigung gerichteten und von dieser positiv beantworteten Anfrage „über Jahre hinweg“ ohne Einbeziehung des BEZ vorangetrieben worden.

Inhaltlich kritisiert das BEZ unter anderem einen „allgemeinen, von der Geschichte abgelösten Opferbegriff“ in der Ausstellung: Die Problematik der NS-„Euthanasie“-Opfer erhalte so nicht den nötigen Stellenwert. Mehrere Opferverbände fordern zudem einen Erinnerungsort speziell an die NS-Opfer in der Gedenkstätte.

Stadtsprecher Markus Klier wies die Vorwürfe auf PNN-Anfrage „ausdrücklich zurück“. Die Opferverbände seien zur Eröffnung angeschrieben und eingeladen worden. In der Antwort der Stadt auf eine Kleine Anfrage von Lutz Boede zum Einladungsprozedere klang das noch anders: „Leider war es dem letzten uns bekannten lebenden Opfer aus der NS-Zeit der Gedenkstätte nicht möglich, an diesem Abend an der Eröffnung dabei sein zu können.“ Klier verwies gegenüber den PNN auch auf „zentrale Änderungen am ,Drehbuch’“ der Ausstellung nach Anhörung der Opferverbände – ohne aber einzelne Beispiele zu nennen.

Der Gebäudekomplex in der Lindenstraße war zwischen 1933 und 1945 Sitz des Erbgesundheitsgerichts, das auf Basis des rassenideologischen „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ mindestens 3300 Frauen, Männer und Jugendliche zur Zwangssterilisation verurteilte. Zudem hatte dort der berüchtigte Volksgerichtshof vorübergehend seinen Sitz, mindestens 55 inhaftierte Oppositionelle wurden zum Tode verurteilt. Nach 1945 war die Lindenstraße zunächst Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes, seit 1952 Untersuchungsgefängnis des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Historiker gehen von beinahe 7000 Insassen bis 1989 aus. jaha/HK

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