20.11.2017, 5°C
  • 17.08.2013
  • von Hella Dittfeld

Etwas HELLA: Übungssache Integration

von Hella Dittfeld

Hin und wieder muss man sich outen. Das entlastet das eigene Innenleben und macht in den meisten Fällen den Umgang mit anderen leichter. Also jetzt mein Bekenntnis: Ich bin nicht nur laut Geburt und Personalausweis eine Deutsche, ich fühle und benehme mich auch noch so, nämlich typisch deutsch. Ich liebe Ordnung, verlasse mich gern auf Absprachen und ich passe mich an die deutsche Gesetzgebung an, auch wenn es manchmal schwerfällt. Ich finde sogar, dass bei uns lebende Ausländer Deutsch lernen sollten. Das nennt man dann Integration. Verständnis für einander ist natürlich keine Einbahnstraße. Zum Beispiel verzeihe ich Südländern grundsätzlich, dass sie dazu neigen, zu spät zu kommen. Es müssen ja nicht gleich mehrere Tage sein.

Auch das Freundschaftsinselfest „Feuer und Wasser“ will fremde Lebensart und Kultur transportieren. Das klappte deutsch-chinesisch mehrfach schon ganz gut, 2013 sollte es einen vietnamesischen Touch bekommen. Nicht geplant war, die Insel zu vermieten, sei es auch nur für einen Tag. Die vietnamesische Community sah das jedoch anders. Sie nahm die Organisation des Festes kraftvoll in die eigenen Hände, machte vorwiegend Eigenreklame, lud landauf, landab vietnamesische Landsleute ein und stellte schließlich erfreut fest, dass man fast unter sich war. Streckenweise wurde die Landessprache (der anderen) nicht einmal mehr ins Deutsche übersetzt.

Ich will nicht herummiesepetern. Die Insel war sehr vietnamesisch hübsch geschmückt, das Programm gelungen und die Einsatzfreude unserer neudeutschen Freunde enorm. Trotzdem hielt sich die Anerkennung solch ungeahnten Engagements auf Seiten der Inselfreunde ein wenig in Grenzen, zumal es schon im Vorfeld jede Menge Verständigungsschwierigkeiten gab. Und das lag nicht an den unterschiedlichen Sprachen. Die Ansage der Vietnamesen, sich ob des gelungenen Festes um den Integrationspreis zu bewerben, stieß deshalb beim Inselfreunde-Verein eher auf Unverständnis. Er fühlte sich als eigentlicher Veranstalter nämlich nicht besonders gut integriert. Auch mein aufgepeppter deutscher Anpassungswille sagt mir: Egal, wer mit wem die Integration versucht, man muss miteinander reden. Und sich auch zuhören. Zur Not per Dolmetscher.

Dabei habe ich schon erfreut erlebt, wie und wo Integration klappt, zum Beispiel beim Semljaki e.V. Potsdam, der die Kunstschule Integrazia betreibt. Ich will jetzt nicht aufzählen, wo deutsche und russische Lebensart sehr gut miteinander kooperieren und das deutsche Zackzack durch die Zugabe russischer Seele gewonnen hat, ich will nur auf das Jolka-Fest zur Jahreswende verweisen, das längst ein Liebling vieler Potsdamer geworden ist.

Aber auch das hat natürlich gedauert. Deshalb bringe ich jetzt mal einen Spruch meiner Nachbarin ins Spiel, den ich leider nicht ins Vietnamesische übersetzen kann, auf den ich aber trotzdem große Hoffnung setze. Er heißt: üben, üben, üben. Auch beim einander Zuhören. Wer will, der schafft das. Und Dolmetscher fürs unterschiedliche deutsch-vietnamesische Naturell haben schließlich nicht immer Pause.

Unsere Autorin ist langjährige Redakteurin und jetzt freie Mitarbeiterin der PNN. Sie ist Mitglied des Vereins Freunde der Freundschaftsinsel und lebt in Potsdam.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!