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  • 13.08.2013
  • von Erik Wenk

Von Krimis bis Esoterik

von Erik Wenk

Beim Projekt „Schmökerhöker“ verkaufen Behinderten-Werkstätten gebrauchte Bücher: In Potsdam sind die Organisatoren noch auf Raumsuche

Vorsichtig nimmt Daniela Hoffmann ein Buch in die Hand und blättert durch die Seiten: „Das sieht eigentlich noch sehr gut aus“, sagt die 39-jährige Brandenburgerin über den gebrauchten Schmöker: „Die Seiten sind zeitbedingt etwas nachgedunkelt, aber das vermerken wir auf der Artikelseite.“ Hoffmann will nicht etwa ihre alten Bücher vom Dachboden im Internet bei Ebay anbieten, sondern arbeitet im professionellen Buchhandel: „Schmökerhöker“ lautet der Name des Anfang Juni gestarteten Onlinebuchversandhandels, in dem ausschließlich Mitarbeiter der Behinderten-Werkstatt des Vereins Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung arbeiten.

Derzeit ist Schmökerhöker nur in Brandenburg/Havel ansässig, doch der Lebenshilfe-Verein mit drei Mitarbeitern plant die Expansion nach Potsdam. Das Prinzip ist einfach: Schmökerhöker sammelt Buchspenden von Privatpersonen, verkauft sie über den Online-Händler Amazon weiter und schafft damit Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen. Die Software dafür hat der Verein von der Schleswig-Holsteiner Firma „De Böökerhööker“ übernommen, die bundesweit bereits sechs weitere Behindertenwerkstätten für die Idee gewinnen konnte.

Gerade hat Daniela Hoffmann den Titel des Buches eintippt: „Nachts weint die Sampaguita“ von Harry Thürk, 1980 erschienen im Militärverlag der DDR. Hoffmann legt den Wälzer auf eine Waage: „Wegen des Portos für den Versand.“ Nach Eingabe aller Daten erscheint auf dem Bildschirm eine Ampel in grün, gelb oder rot, die jeweils anzeigt, wie verkäuflich ein Buch noch ist. „Das hängt von Faktoren wie dem Zustand des Buches sowie der Verbreitung und Gefragtheit des Titels ab“, sagt Dirk Michler, Vorstand des Vereins Lebenshilfe. Ähnliche Faktoren bestimmen auch den Preis: Dieser wird von Amazon automatisch errechnet. Zum Schluss kommt das Buch mit dem Rücken nach oben in eine Kiste, bis es einen Käufer gefunden hat.

50 bis 100 Bücher schaffen die drei Mitarbeiter von Schmökerhöker auf diese Weise an einem Tag. „Sie können in dem Tempo arbeiten, das sie brauchen“, sagt Michler. Um realistisch wirtschaften zu können, ist Schmökerhöker allerdings auf viele Buchspenden angewiesen, damit es eine große Auswahl an Titeln gibt: Etwa 9000 Bücher wurden bislang gespendet, rund 2600 davon sind bereits online eingestellt und über 200 verkauft worden. „Gern genommen werden Esoterik, Kochbücher, Kinderbücher und Krimis“, sagt Michler. Bücher können direkt bei der Geschäftsstelle vorbeigebracht werden, bei größeren Mengen fährt Schmökerhöker auch selbst vorbei.

Gebraucht werden insgesamt 30 000 Bücher. Um beim Erreichen dieses Zieles zu helfen, gaben vor Kurzem auch Potsdamer Politiker „Startkapital“: Die Potsdamer Bundestagsabgeordnete Andrea Wicklein (SPD) spendierte zwei Bücherkisten mit ausgelesenen Titeln wie „Im Krebsgang“ von Günter Grass, „Stupid White Men“ von Michael Moore und „Bis(s) zum Morgengrauen“ von Stephenie Meyer. Auch Potsdams Linkspartei füllte eine Kiste mit Büchern von Daniel Defoe, Pablo Neruda oder Jules Vernes.

Ginge es nach dem Verein Lebenshilfe, würde noch dieses Jahr in Potsdam eine Schmökerhöker-Filiale eröffnen, doch bislang konnte noch keine passende Immobilie gefunden werden. „Ideal wäre eine leer stehende Kaufhalle“, so Michler. Der meiste Platz wird für das Lager benötigt, die Regale in Brandenburg an der Havel wurden von der Lebenshilfe-Werkstatt selbst aus Dachlatten hergestellt. Für Daniela Hoffmann ist die neue Arbeit ein Geschenk: „Bücher sind mein Leben, ich bin eine echte Leseratte.“ Vorher habe sie unter anderem als Wirtschaftsgehilfin gearbeitet und durchlief diverse Trainingsmaßnahmen. „Das hier ist eine Verbesserung.“ Erik Wenk

www.lebenshilfe-brb.de

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