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  • 12.07.2013
  • von Ingmar Höfgen

Ärchäologischer Fund in Potsdam: Frische Fische für den Kurfürsten

von Ingmar Höfgen

Stadtgeschichte. Der Einbaum, teilweise zerstört vom Fischkasten. Die Maßstöcke sind jeweils 1,50 Meter lang. Fotos: Andreas Klaer

Bei Ausgrabungen am Havelufer wurde ein alter Fischkasten gefunden – und ein noch älterer Einbaum.

Kleine Wellen schlagen, die Fische zappeln unruhig. Es herrscht Aufregung, Zander um Zander zieht der Küchenjunge aus dem Fischkasten am Ufer der Havel. Die große Gesellschaft, zu der der Kurfürst mal wieder eingeladen hat, sie wird hungrig kommen und den Überfluss schätzen. Entsprechend gefüllt ist der Frischfischbehälter, der im Havelwasser steht. Der Junge geht zurück in Richtung Schloss. Gleich können sich die Köche der Zubereitung widmen.

So oder so ähnlich könnte es sich im 17. Jahrhundert am Hofe von Friedrich Wilhelm (1620 - 1688), dem Großen Kurfürst, zugetragen haben. Auf dem Grundstück am Ufer, das später zum Palazzo Pompei gehörte, haben Archäologen in der vergangenen Woche zwei seltene Funde gemacht. Das große Foto zeigt einen Fischkasten, aufgesetzt am Ufer, auf einen vermutlich versandeten Einbaum – ein Boot, das aus dem Längsschnitt eines dicken Baumes herausgehauen oder herausgebrannt wird.

Joachim Wacker, Gebietsreferent beim Landesdenkmalamt, hat die Funde am 4. Juli, einen Tag nach der Entdeckung, erstmals begutachtet. „Das ist wirklich eine Seltenheit“, sagte er. Fischkästen werden kaum gefunden, Einbäume gebe es in Brandenburg weniger als zehn, schätzt er. Das liegt auch daran, dass in Uferbereichen und Flusssegmenten selten archäologische Forschung stattfindet.

Überrascht ist Wacker allerdings nicht, wie er den PNN sagte. Die Gegend sei jahrtausendelang besiedelt gewesen, beim Landesamt habe man immer damit gerechnet, dass solche Funde wieder auftauchen. Auf „mindestens mittelalterlich“ schätzt Wacker den Einbaum – also 15. Jahrhundert oder älter. Er könnte aber auch urgeschichtlichen Ursprungs sein. Aufklärung darüber soll eine Untersuchung der Jahresringe im Holz bringen, die nach der Bergung des Sschatzes ansteht.

Der Fischkasten aus Weichholz, vermutlich Kiefer, wurde vermutlich im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts genutzt. Als dessen spitz zulaufende Pfosten in den Boden gerammt wurden, war das Boot, vermutlich Eiche, darunter wohl schon lange nicht mehr zu sehen und vom Uferschlamm verdeckt. Die Arbeiter könnten sich gewundert haben, dass sich ein Pfahl so schwer in den Boden rammen lässt.

Dass es sich um ein Fischreservoir des Kurfürsten handelt, schließt Wacker aus der Nähe zum Schloss und der aufwändigen Verarbeitung. Der Behälter, ursprünglich wesentlich breiter als auf dem Foto zu sehen, sei aus Bohlen und nicht aus Abfallholz hergestellt. Es sehe nach Auftragsarbeit aus, so Wacker. Entdeckt wurden darin auch zahlreiche Glasmarken, wie sie an Flaschen angebracht waren. Und der Fischkasten stand strategisch günstig: Im sauberen Havelwasser tummelten sich die Fische, erst wenige Meter dahinter leitete ein Kanal aus Holz die Abwässer in den Fluss.

Um die beiden Funde zu erhalten, läuft einiges auf der Baustelle derzeit im Rückwärtsgang. Statt wie zuletzt den Uferbereich zu entwässern, geht es jetzt um die Konservierung. Die Fundstelle wurde wieder aufgefüllt, das Holz wieder unter Wasser gesetzt. Alles wird in den Zustand versetzt, in dem es sich über mehrere Jahrhunderte erhielt. Bis zur Bergung soll möglichst wenig Schaden entstehen. In den kommenden Wochen soll dann Platz geschaffen und das Areal weiträumig freigelegt werden, um das sehr weiche Holz zu bergen. Wann genau dies geschehen wird, ist offen – es muss in den Bauablauf eingepasst werden.

Erst dann ist auch klar, wie viel von dem Einbaum übrig geblieben ist. Nur rund zwei Meter lang war er bisher zu sehen, eingezäunt von den Rändern des Fischkastens – alles Weitere ist durch darüber liegende Schichten verdeckt. Christof Krauskopf, Pressesprecher beim Landesdenkmalamt, deutet an, welche Ausmaße ein solches Boot haben könnte: Aus Ziesar stammt ein Einbaum von etwa acht Metern Länge, entstanden um das Jahr 1025 herum – plusminus 20 Jahre.

Die Potsdamer Stadt-Archäologin Gundula Christl war hocherfreut über die neuen Zeugnisse der Siedlungsgeschichte. Die Grabungen in der Nähe des Schlosses seien sehr ergebnisreich. „Jetzt wurde eine Stelle untersucht, wo man bisher nicht herankam. Es ist toll, dass noch mal so ein wunderbarer Fund gelingt“, sagte sie den PNN.

Ob auch der Fischkasten geborgen wird, hängt dabei nicht nur vom Interesse ab. Große Mengen Holz seien zu konservieren und zu lagern, so Krauskopf. Eines aber wollen die Forscher auf jeden Fall herausfinden: zu welcher Zeit das Lebendlager entstand – und welche Kurfürsten sich den Fisch-Luxus gönnten.

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