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  • 11.11.2008
  • von Von Erhart Hohenstein

Von Erhart Hohenstein: Bäcker mit Titel

von Von Erhart Hohenstein

Rotarmisten ließen das letzte Hoflieferanten-Schild 1947 verschwinden

Ein Apotheker soll 1706 der erste Potsdamer gewesen sein, dem der Titel Königlicher Hoflieferant verliehen wurde. Am längsten, von 1781 - 1945, behauptete Bäcker Gericke in der Schlossstraße diese Auszeichnung. Letztmals wurde sie 1917 dem Wäschehändler Theodor Kayser in der Nauener Straße 14/15 verliehen. Bis ins Jahr 1947 hing das wappengeschmückte Hinweisschild in der Lindenstraße am Juweliergeschäft Gadebusch. Dann ließ es die sowjetische Besatzungsmacht entfernen.

Edeltraud Volkmann-Block, Historikerin am Potsdam-Museum, hat sich auf die Spur gemacht, um Fakten über das Hoflieferantenwesen zu sammeln. Die Ergebnisse präsentierte sie in einem Vortrag zur Ausstellung „Kaiserliche Geschenke“ im Museumshaus Benkertstraße 3. Der heiß begehrte Titel blieb Händlern und Handwerkern vorbehalten, die den Hof belieferten oder für ihn Arbeiten ausführten. Vor der Verleihung, über die der Herrscher persönlich entschied, wurden die Kandidaten vom Hofmarschallamt auf Herz und Nieren geprüft. Neben einer hohen Qualität der Lieferungen und Leistungen und längerfristiger Tätigkeit für den Hof spielten die politische Einstellung, moralische Unbescholtenheit und guter Leumund eine Rolle. So wurde 1866 das Gesuch des Pächters der Bahnhofsgaststätte abgelehnt, weil er wegen Beamtenbeleidigung vorbestraft war und angeblich in seinem Lokal Glücksspiele zuließ. Auch eine Ehescheidung, Liebschaften, uneheliche Kinder oder ungebührliches Benehmen der erwachsenen Nachkommen reichten, um den Bewerber von der Liste zu streichen. Dennoch wurden unter Wilhelm I. und II. zwischen 1860 und 1918 2300 Hoflieferantentitel verliehen, davon 135 in die Residenzstadt Potsdam. In der Nähe des Stadtschlosses häuften sich in der Schlossstraße, Hoheweg- oder Kaiserstraße die Wappenschilder. Ab 1846 hatten vergoldete Metallschilder ihre schlichten hölzernen Vorgänger abgelöst. Vom Apotheker bis zum Zimmermann waren die unterschiedlichsten Berufe vertreten. Volkmann-Block nannte auch die Hutmacherfamilie Zimmermann (1757), von der Nachfahren noch heute in der Stadt leben, den Delikatessenhändler Blankenstein (1890), dem Potsdam die Traditionsgaststätte „Klosterkeller“ verdankt, die seit 1750 hier ansässige Fischerfamilie Kockert (1892) oder den in Schlossnähe angesiedelten Gärtner Otto Hübner (1905), der den Hof mit Blumen, Obst und Gemüse belieferte. Auch Spediteure wie Hermann Schubotz zählten zu den so „Geadelten“, denn sie wurden für die jährlichen Umzüge des Hofes zwischen den Residenzen Berlin und Potsdam gebraucht.

Der Titel war für die Lieferanten von hoher Werbewirksamkeit, brachte aber auch der Krone, die damit preisgünstig Leistungen einkaufte, erhebliche finanzielle Vorteile. Deshalb wurde missbräuchliche Verwendung verfolgt. Hofapotheker Hoffmann wurde 1869 eine Geld- oder Haftstrafe angedroht, weil er das königliche Wappen in sein Privatsiegel eingearbeitet hatte. Der noch nicht als Hoflieferant bestätigte Schokoladenfabrikant Miethe erhielt 1830 eine Verwarnung, weil er seine Lebkuchen in mit dem Königswappen bedrucktes Papier einwickeln ließ. Da der Titel nicht an die Firma, sondern an den Inhaber gebunden war, lockte dessen Tod meist Konkurrenten auf den Plan.

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