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  • 08.12.2012
  • von Henri Kramer

„Archiv“ vor dem Aus

von Henri Kramer

Der letzte Winter? Dem alternativen „Archiv“-Kulturzentrum in der Leipziger Straße droht Ende des Jahres das Aus. Ob eine Rettung gelingen kann, ist fraglich. Foto: A. Klaer

Der jahrelange Existenzkampf droht zu scheitern: Das alternative Kulturzentrum muss zum Jahresende schließen – wenn dem Verein nicht noch eine Lösung einfällt

Templiner Vorstadt - Dem alternativen Jugend- und Kulturzentrum „Archiv“ in der Leipziger Straße droht das Aus zum Jahresende. Nur noch bis Ende Dezember gilt die Übergangserlaubnis der Bauaufsicht für Veranstaltungen und den Kneipen-Betrieb in dem maroden Haus. Dem Archiv-Trägerverein stehen nun dramatische Stunden bevor: Um weitermachen zu können, muss er schnell einen Plan ausarbeiten, wie er 400 000 Euro zur Sanierung des Gebäudes aufbringen will. Dabei geht es auch um das Selbstverständnis als gänzlich unkommerzielles Kulturhaus – zu dessen Rettung nun aber dringend mehr Einnahmen erwirtschaftet werden müssten.

Wie groß die Schwierigkeiten sind, vor denen das „Archiv“ steht, wurde am Freitag bei einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz im Stadthaus deutlich. Eine weitere Genehmigung für die öffentliche Nutzung des Gebäudes könne die Bauaufsicht nur gewähren, wenn der „Archiv“- Betreiberverein erkennbar zeige, wie bestehende Mängel beim Brandschutz abgestellt werden können. Das sagte Bernd Richter, Chef des Kommunalen Immobilienservice (KIS). Der KIS verwaltet die zur Stadt gehörenden Gebäude, auch das „Archiv“. Stadtjustiziarin Karin Krusemark sagte, vom „Archiv“-Verein werden vertraglich belastbare Zusagen benötigt.

Wie berichtet befindet sich das „Archiv“ seit 2008 in Existenznöten. Damals hatte die Bauaufsicht gravierende Sicherheitsmängel festgestellt. Seitdem wurden zwar unter anderem Feuerschutztüren eingebaut, eine grundlegende Sanierung aber nicht vorgenommen – der Verein hangelte sich von Übergangsgenehmigung zu Übergangsgenehmigung. 2010 war der Erhalt des Hauses der Siegervorschlag beim Bürgerhaushalt der Stadt, auch in den Jahren danach belegte diese Forderung die vorderen Plätze. Zugleich hat eine Mehrheit der Stadtverordneten mehrfach ihren Willen betont, dass „Archiv“ erhalten zu wollen: Inzwischen sind im Stadthaushalt sogar 625 000 Euro für die Sanierung reserviert. Doch kosten die nötigen Brandschutzmaßnahmen und eine bloße Substanzsicherung des Gebäudes rund 1,15 Millionen Euro. Der Verein will selbst 100 000 Euro über Eigenleistungen erbringen – doch wie die restlichen 400 000 Euro beschafft werden können, ist offen.

Die Stadt könne kein zusätzliches Geld ausgeben, sagte Kulturamtschefin Birgit-Katharine Seemann und erinnerte daran, dass in den nächsten Jahren die Zuweisungen des Landes für Investitionen in der Stadt weiter sinken würden. Auch beim KIS sei kein Geld vorhanden, sagte Richter – es sei denn, an anderer Stelle würde auf die Sanierung von Kitas oder Schulen verzichtet. Selbst das Modell, dass der KIS das Haus kreditfinanziert saniert und es dem Verein zur Miete überlässt, lehnt Richter ab. Schon jetzt habe der KIS annähernd 200 Millionen Euro Schulden. Aus seiner Sicht sei nur vorstellbar, der Verein nehme einen Kredit auf und kaufe noch das zugehörige Grundstück für 280 000 Euro extra. Eine kostenlose Übertragung sei rechtlich nicht möglich, habe die Kommunalaufsicht gewarnt, so Richter.

Damit ist jetzt der basisdemokratisch organisierte „Archiv“-Verein mit derzeit rund 50 aktiven Mitgliedern am Zug. Am Samstag soll bei einer Mitgliederversammlung debattiert werden, wie es weitergehen kann – ob etwa künftig Zwangsbeiträge erhoben oder die bislang günstigen Preise für Konzerte angehoben werden müssen. Bisher sieht sich der Verein nach eigenen Angaben in der Lage, bis zu 917 Euro pro Monat zu erwirtschaften. Für das Abbezahlen eines Kredits sind aber mindestens 3000 Euro nötig. Um diese Lücke zu schließen, müsse es eine grundlegende Konzeptänderung geben, sagte „Archiv“-Sprecher Kay-Uwe Kärsten, der spontan zu der Pressekonferenz erschienen war. „Wir sind gezwungen uns anzupassen“, sagte er. Aus seiner Sicht sei aber ungewiss, ob eine Mehrheit im Verein diesen Schritt mitgehen werde. Befürchtet wird, dass sich die Abkehr vom völlig unkommerziellen Grundgedanken zu Entwicklungen wie im Waschhaus in der Schiffbauergasse führt, dass für sein früheres Publikum als totsaniert gilt.

Zudem setzt der Verein darauf, dass sein Stammpublikum hilft: Auf der „Archiv“-Internetseite wird bereits um Spenden zur Rettung des Hauses gebeten. Zudem bestätigte Kärsten Gespräche mit Stiftungen, um langfristig einen Partner für die Sanierung zu finden. Allerdings seien die ersten Verhandlungsrunden nicht so hoffnungsvoll verlaufen wie anfangs erwartet – selbst Stiftungen würden sich an Marktmechanismen orientieren, so die Erkenntnis von Kärsten. Er betonte, der Verein wolle auch nicht, dass für das „Archiv“ an anderer Stelle in den Bereichen Kultur oder Bildung gespart werde.

Und noch etwas ist klar: Sollte Ende des Jahres tatsächlich der Veranstaltungsbetrieb eingestellt werden müssen, werde das Folgen haben, warnte Kärsten. Denn die laufenden Kosten müsse der Verein weiter tragen – und das ohne Einnahmen. Zugleich sinke ohne Veranstaltungen die Motivation aller Beteiligten. Kärsten sagte: „Das ist eine große Bedrohung.“

 

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