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  • 17.10.2012
  • von Günter Schenke

Keine Einbahnstraße

von Günter Schenke

Diskussion zur Integration in Potsdam: Lob für die Verwaltung, aber Probleme im Alltag

Am Schlaatz – Anke Michalske-Acioglu ist voll des Lobes über den Umgang der Potsdamer Verwaltung mit Migranten. „Der Unterschied zu manch anderen Kommunen ist wie Tag und Nacht“, sagte die SPD-Stadtverordnete bei einer Diskussion zur Integration Montagabend im Bürgerhaus am Schlaatz. Michalske-Acioglu, Jahrgang 1946, muss es wissen: Denn sie ist nicht nur langjährige Abgeordnete im Stadtparlament, sondern auch seit acht Jahren mit einem Türken verheiratet, wie sie berichtet. Michalske-Acioglu weiß aber auch: „Es gibt unter den Migranten Menschen, welche die Integration ablehnen und die deutsche Sprache nicht lernen wollen.“ Integration sei keine Einbahnstraße.

Die Potsdamer Jungsozialisten (Jusos) hatten die Stuttgarter Schauspielerin Ruhsar Aydogan eingeladen, zum Auftakt der Diskussion aus ihrem Buch „Das Radio mit dem Fenster – Kindheitserinnerungen“ zu lesen. Die 1967 in Deutschland geborene Tochter türkischer Gastarbeiter schildert ihr Hin- und Herpendeln zwischen der Türkei und Deutschland, das ihre Eltern bestimmten. „Du fühlst dich verlassen und einsam“, erzählt sie. In Deutschland war sie das Türkenkind, in der Türkei die „Deutschländerin“. Was bleibt, sind die Erinnerungen an das von der Oma gebackene frische Brot, die innere Bindung an die Kultur ihrer Angehörigen und Vorfahren und an das schöne Land mit seiner Kultur. „Wir freuen uns auf jede Reise in die Türkei.“

Aydogan und ihr türkischstämmiger Ehemann haben heute die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit ihrem tadellosen Deutsch, ihrer Arbeit am Stuttgarter Staatstheater und der Einbindung in die baden-württembergische Gesellschaft – ihre Schwester ist Ehefrau des Finanzministers Nils Schmid (SPD) – könnte sie als Musterbeispiel für gelungene Integration herhalten. Das bedeute aber nicht, dass sie ihre Bindung an die Türkei aufgegeben hat, betont sie: Die eigene Identität bleibe trotz Integration bestimmender Lebensinhalt.

Potsdams Juso-Vorsitzender David Kolesnyk hatte zum Podiumsgespräch die Vietnamesin Huyen Nguyen Thanh hinzugeladen. Sie war 1988 als Vertragsarbeiterin in die DDR gekommen. „Zu Hause mussten wir eine Aufnahmeprüfung machen, die Besten kamen in die Sowjetunion, in die Tschechoslowakei und in die DDR“, erzählte sie. Über die Anfangszeit in der DDR sagt sie: „Das war gar nicht so einfach für mich, das andere Essen, die großen Menschen.“ Und: „Dann kam die Wende...“

Die Vietnamesen wurden in Gruppen eingeteilt, viele gingen zurück in die Heimat. Thanh blieb in Potsdam. Mit ihren guten Deutsch-Kenntnissen schlug sie sich durch, arbeitete als Übersetzerin, gab anderen Migranten und ehemaligen Vertragsarbeitern Hilfestellungen, gründete eine Familie und eine Mädchengruppe am Schlaatz. Die 40-Jährige studierte Sozialarbeit an der Fachhochschule Potsdam – zwischen lauter jungen Menschen, „die kein Hochdeutsch sprachen, wie ich es an der Hochschule in Hanoi gelernt habe“. Die jungen Menschen seien nett gewesen, aber sie lebten in einer anderen Welt, erzählt sie: „Nur langsam wurde ich von ihnen akzeptiert.“

Heute gehört Thanh zum Team des Mädchentreffs „Zimtzicken“ im Zentrum Ost. Über Integration verliert die junge Frau kein Wort. Sie ist ihrer Darstellung zufolge ein Tatmensch mit optimistischer Grundeinstellung. Die Zugehörigkeit zur vietnamesischen Community ist offenbar fester Teil ihrer Existenz. Zur Situation in der Landeshauptstadt sagt sie: „Hier erhalten Migranten leicht den Zugang zu Hilfestellungen.“

Trotz eines Integrationskonzeptes und laufender Schulungen von Mitarbeitern der Ausländerbehörde, trotz Ausländerbeirat und hauptamtlicher Migrationsbeauftragten bleibe die Integrationsfrage aber weitgehend offen. Selbst die neue Flüchtlingsunterkunft für Frauen in der Hegelallee wirke wie eine Aktion des guten Willens. „Im alltäglichen Leben ist es sehr schwer, mit Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, in Kontakt zu kommen“, bemerkte ein Teilnehmer der Diskussion. Auch an diesem Abend drehte sich alles gleichsam im Kreise. Zwar hätten neun Prozent der Schlaatz-Bewohner ausländische Wurzeln, war zu hören. Über 70 Nationen sollen hier leben. Doch zum Gespräch im Bürgerhaus war niemand von ihnen gekommen. Günter Schenke

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