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  • 05.10.2012
  • von Steffi Pyanoe

Anfütterpäckchen sind verboten

von Steffi Pyanoe

In der Weltstillwoche wollen Potsdamer Hebammen, Ärzte und Beraterinnen Mütter zum längeren Stillen ermutigen

Es sind manchmal die ersten Minuten zwischen Mutter und Kind, die entscheiden, ob das mit dem Stillen klappt, meint Stillberaterin Angela Schickhoff. Später kommt oft die Sorge dazu, ob das Kind auch satt wird, ob es genug trinkt: „Die Milchmenge sieht man eben nicht, wenn es von der Brust trinkt – bei einem Flaschenkind schon“, sagt Schickhoff. „Dann lassen sich die Frauen völlig unnötig verrückt machen und fangen womöglich an zuzufüttern“, sagt Schickhoff. Dabei könne keine Fertignahrung die Muttermilch mit den wichtigen Immunstoffen ersetzen, außerdem sei das Stillen so wichtig für die Mutter-Kind-Bindung.

Zum Aktionstag anlässlich der Weltstillwoche findet am heutigen Freitag von 10 bis 17 Uhr in der Heinrich-Mann-Apotheke eine Beratung des Netzwerks Stillen in Potsdam statt, auch Netzwerkmitbegründerin Schickhoff wird dort über Sinn und Unsinn von Gewichtskurven, Babywaagen und Milchpumpen reden.

Denn spätestens mit seiner Geburt wird ein Baby zum schwer umworbenen Konsumenten, auch von der Lebensmittelindustrie. Im Ernst-von-Bergmann-Klinikum werden Hersteller von Kindernahrung ihre Probetütchen seit etwa zehn Jahren nicht mehr los. „Diese Anfütter-Päckchen sind bei uns verboten“, sagt Michael Radke, Chef der Bergmann-Kinderklinik. Der Verzicht auf Werbung gehört zu den Maßnahmen, mit denen die Mütter motiviert werden sollen, ihre Kinder zu stillen – und das möglichst lange. „Im Idealfall mindestens vier bis sechs Monate ausschließlich mit Muttermilch“, sagt Radke.

Etwa 1800 Kinder kommen jedes Jahr im Bergmann-Klinikum zur Welt, fast 95 Prozent davon werden am Entlassungstag voll gestillt. Das sieht wenige Wochen oder Monate später erfahrungsgemäß aber ganz anders aus, sagt Kinderarzt Radke, im Alter von fünf Monaten werde nur noch die Hälfte aller Kinder voll gestillt. Die Potsdamer Stillberaterin Angela Schickhoff befürchtet, dass es noch viel weniger sind. Schickhoff ist selbst Mutter von vier Kindern und überzeugte Langzeit-Stillmutter. Sie gründete im Frühjahr gemeinsam mit zwei Potsdamer Hebammen und der als babyfreundlich zertifizierten Heinrich-Mann-Apotheke das Netzwerk Stillen in Potsdam. Schickhoff selbst arbeitet ehrenamtlich, nur Hebammen können ihre Beratung als Kassenleistung abrechnen.

Dabei sei eine gründliche und vertrauensvolle Beratung und Anleitung besonders wichtig, sagt Schickhoff. Dennoch gibt es immer noch Frauen, vor allem aus dem sozial schwachen Milieu, die das „einfach doof finden“ und ihr Kind nicht stillen wollen, sagt Hebamme Stephanie Albrecht vom Geburtshaus Apfelbaum in Babelsberg.

Auch Bergmann-Chefarzt Radke hat diesen Trend beobachtet. Natürlich gebe es Frauen, die aus medizinischen Gründen nicht stillen können oder dürfen, weil sie wichtige Medikamente einnehmen müssen, aufgrund anatomischer Fehlbildungen, wegen Brustwarzenpiercings oder Drogenmissbrauchs. Ebenso schließe eine HIV-Infektion das Stillen aus. „Aber das sind insgesamt sehr wenige Fälle“, so Radke.

Sehr froh ist der Chef-Kinderarzt des Bergmann-Klinikums, dass es gelungen ist, als eine der wenigen großen Kliniken Ostdeutschlands die Frauenmilchbank zu erhalten. Nach der Wende wurde die Einrichtung mit moderner Technik ausgestattet, heute ist man nach einem vorübergehendem Rückgang mit der Milchabgabemenge – also der gespendeten Muttermilch – wieder sehr zufrieden. „Wir brauchen diese Muttermilch dringend für die Frühchen“, sagt Michael Radke.

In der Potsdamer Heinrich-Mann-Apotheke in der Johannes-R.-Becher-Str. 65B wird am heutigen Freitag rund ums Stillen beraten und über Babyprodukte informiert. Um 15 Uhr wird der Sieger des Kreativwettbewerb zum Thema Stillen verkündet, es gibt Kaffee und Kuchen und Spiele für Kinder.

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