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  • 22.09.2012
  • von Guido Berg

Unhaltbare Zustände: Potsdamer Tafel kapituliert am Schlaatz

von Guido Berg

Die Ausgabestelle der Potsdamer Tafel im Bürgerhaus am Schlaatz wurde am Donnerstag wegen unhaltbarer Zustände geschlossen. Foto: Andreas Klaer

Eskalation im Wohngebiet am Schlaatz: Die Potsdamer Tafel, die dort einmal wöchentlich kostenlos Lebensmittel an rund 120 bedürftige Potsdamer verteilte, hat sich aus dem sozialen Brennpunkt zurückgezogen.

Potsdam -  Die Ausgabestelle im Bürgerhaus am Schlaatz wurde am Donnerstag wegen unhaltbarer Zustände geschlossen. Jetzt rechnet der Verein Potsdamer Tafel e.V. mit massiven Protesten: Jeder Tafel-Kunde habe mehrere Personen mitversorgt, so dass die Zahl der Betroffenen groß sei. Der Stadt Potsdam wirft der Verein Versagen vor: „Wir sind von der Stadt allein gelassen worden“, so Vereinschef Oliver Bohrisch. Die Tafelkunden „werden jetzt auf die Barrikaden gehen und vor das Rathaus ziehen“, kündigte er am Freitag vor Journalisten an.

Seit fünf Jahren verhandelt der Verein laut Bohrisch vergeblich mit der Stadt um Hilfe beim Finden funktionaler Räume für die Lebensmittelausgabe am Schlaatz. Außer Lippenbekenntnissen habe die Stadt jedoch „keine weiteren Anstalten gemacht, uns behilflich zu sein“. Gebraucht werden Räume mit insgesamt etwa 500 Quadratmeter Nutzfläche.

Zuletzt sei die Situation am Schlaatzer Bürgerhaus „nicht mehr beherrschbar“ gewesen, sagte Vereinssprecherin Maria Conze. Nun sei „der Endpunkt einer Entwicklung erreicht, auf die wir lange hingewiesen haben“. Letzter Anstoß für den Rückzug vom Schlaatz war eine körperliche Auseinandersetzung am 23. August. Ein Mann stürmte die Ausgabestelle, bediente sich selbst, es kam zu Rangeleien, die Polizei rückte mit einem Mannschaftswagen an, der Tafelkunde erhielt Hausverbot, so die Vereinssprecherin.

Eine Ursache ist, dass die Tafel die Räume im Bürgerhaus nur wenige Stunden nutzen kann. Bereits um 14.30 Uhr müssten sie wieder besenrein an den Jugendclub übergeben werden, so Tafel-Vereinschef Bohrisch. Da die ehrenamtlichen Fahrer der Tafel die Lebensmittel jedoch erst ab 11 Uhr von den Supermärkten abholen können, sei ein Beginn der Lebensausgabe nicht vor 12.30 Uhr möglich. Die Nahrungsmittel müssten vor Ort vorsortiert, schlechte Ware weggeworfen werden. Die Helfer verschafften sich zudem zunächst einen Überblick, welche Lebensmittel da sind und welche Anzahl an wartenden Kunden verteilt werden müsse.

Die kurze Ausgabezeit am Schlaatz führte dazu, dass „Menschen in psychisch schwieriger Situation sich schlecht behandelt fühlen“, erklärte die Vereinssprecherin. Die Bedürftigen hätten ihren Unmut oft an die Tafelmitarbeiter weitergegeben, die ehrenamtlich arbeiten und sich unberechtigt kritisiert sehen. Maria Conze: „Es schaukelte sich hoch.“ Tafelchef Bohrisch: „Wir können eine geordnete und menschenwürdige Ausgabe der Lebensmittel an unsere Kunden an dieser Ausgabestelle nicht mehr gewährleisten.“ Am Ende sei den drängenden Menschen „nur noch schnell irgendetwas in die Tüte gestopft worden“.

Wie es besser funktionieren kann zeige die Situation an der immer dienstags geöffneten Lebensmittel-Ausgabestelle in der Schopenhauerstraße 8. Diese Räume stellt die Evangelische Freikirchliche Baptisten-Gemeinde zur Verfügung. Dort befänden sich sogar Lager- und Kühlmöglichkeiten für die Lebensmittel. Eine weitere Ausgabe erfolgt mittwochs bei der Methodistischen Freikirche im Kirchsteigfeld. Auch dort verlaufe die Ausgabe entspannter. Allerdings werde „es auch dort zu Konflikten kommen“, warnt Conze. Denn Bedürftige vom Schlaatz, die mobil seien, würden jetzt in den anderen beiden Ausgabestellen erscheinen. Dort könnten aber nicht mehr Lebensmittel ausgeteilt werden. Mangels Lagermöglichkeiten könnten die sonst am Donnerstag für den Schlaatz gesammelten Lebensmittel nicht mehr bei den Märkten abgeholt werden.

Die Stadtverwaltung teilte mit, sie habe „kurzfristig erneut Vereine und Initiativen sowie Immobilienunternehmen um Hilfe gebeten, um die Suche nach geeigneten Räumen für die Tafel zu unterstützen.“ Brisanz sieht man im Rathaus offenbar nicht: Es gebe keinen Hinweis darauf, dass die Zahl der Sozialhilfeempfänger in Potsdam ansteige.

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