• 07.07.2012

PNN-INTERVIEW: „Lust am fast Unmöglichen“

Ein Parlament im Schloss? Für Peter Kulka, Architekt des Potsdamer Landtags, liegt diese Nutzung auf einer Linie seit der Französischen Revolution.

Herr Professor Kulka, vor Jahren war das noch nicht einmal denkbar, was wir jetzt in der Potsdamer Mitte bauen. Was ist passiert? Warum genießen wir das plötzlich, das Stadtschloss?

Die Demokratie ist heute in die Krise geraten und solche Krisen sind immer Zeiten der Rückbesinnung. Und dann gibt es das Geschichtsgedächtnis, über Generationen hinweg. Besonders die im Krieg stark zerstörten Städte wie Dresden, Frankfurt am Main oder Potsdam besinnen sich zurück. Auch in Potsdam entwickelte sich nach der Wende eine kontroverse Diskussion. Damit war das Thema Rekonstruktion und Nachbau auf der Tagesordnung. Im Zusammenhang mit diesen Rekonstruktionen stellt sich die Frage, wie authentisch dies geschieht – zumal dies heute fast immer mit radikalen Funktionsänderungen und Anpassung an veränderte Bedürfnisse der Menschen verbunden ist. Andererseits bietet die in die Jahre gekommene Moderne, die mit ihren pragmatischen Strukturen und glatten Kisten unsere Städte mehr und mehr prägt, den Bewohnern wenig Raum für Herz und Gefühl. So sind die Rekonstruktionen und Wiederaufbauten eine Folge. Sie sind wieder salonfähig.

Wir haben jetzt das Gefühl: Wir dürfen das. Wir dürfen uns zurückgeben, was wir selbstverschuldet verloren haben.

Deutschland ist heute ein Land, das bei allen Problemen als ein demokratisches Land verstanden werden kann. Da das Ganze ja auf Geschichte basiert – im Negativen wie im Positiven – ist es selbstverständlich, dass die positiven Aspekte wieder stärker in den Fokus rücken. Wir können auch auf Teile unserer Vergangenheit stolz sein. Es gibt sehr interessante Persönlichkeiten und Hinterlassenschaften aus der Vergangenheit, denken wir zum Beispiel an Friedrich und seine Bauten.

Aber ein Schloss als Parlament, geht das?

Schlossrekonstruktionen sind mit Nutzungsänderungen verbunden. Betrachten wir Braunschweig – hinter der Schlossfassade ein Kaufhaus. In Berlin wird es ein Haus der Weltkulturen hinter den Fassaden des ehemaligen Residenzschlosses der Preußen. In Potsdam: ein Landtag. Landtage in Schlössern gibt es ja bereits, wie zum Beispiel in Wiesbaden und in Schwerin. Wir haben gute Beispiele in Deutschland. Ein Landtag hinter den zerstörten, abgetragenen und wiedererrichteten Mauern – die Verwandlung der Preußenresidenz Friedrichs mit ihrer beeindruckenden Geschichte als Sitz eines demokratischen Parlaments halte ich für interessant und möglich.

Besteht nicht der Zwang, ein lichtes, transparentes Haus zu bauen …?

Doch, doch! Aber die Zeiten wandeln sich. Und Häuser müssen sich anpassen. Sehen Sie, in Dresden habe ich nach der Wende eines der transparentesten Parlamente in Deutschland gebaut. 20 Jahre später haben sich die Bedürfnisse und Anforderungen stark verändert. Das spiegelt bereits das Wettbewerbsverfahren für den Neubau des brandenburgischen Landtags wider. In Potsdam war man sich zunächst überhaupt nicht einig, was man wollte. Es gab mehrere Anläufe über zwanzig Jahre verteilt – verschiedene Standorte, unterschiedliche Größen, bis letztlich der Alte Markt ins Spiel kam. Anfangs haben alle modern angefangen, wobei die historischen Grundrisslinien als Vorgabe dienen und die Platzfronten am Alten Markt als historische Teile rekonstruiert werden sollten. Dann kam mitten in das Verfahren hinein die Spende von Hasso Plattner für die Rekonstruktion der äußeren und inneren Schlossfassaden – etwa zu Dreiviertel. Das bedeutete, dass im Zentrum der Vier-Flügel-Anlage ein kleiner Teil hätte auch modern sein können. Ich habe in meinem Entwurf die Rekonstruktion der Fassade auf das gesamte Schloss ausgeweitet und die Grenze zwischen Historie und Moderne auf das Innere verlegt. Heute, wo das Gebäude sich bereits jetzt teilweise wieder in seinem historischen Kleid an historischer Stelle zeigt, können die Potsdamer erleben, welche Kraft und Initialzündung von diesem Ort ausgehen. Insofern wird das neue alte Schloss erneut zu einer Art Keimzelle für die Stadt.

Wenn wir beim Städtebau sind: Die Fachhochschule und das Hotel Mercure sind nicht mehr haltbar?

Ich will nicht so furchtbar schlau sein, weil ich so oft erlebt habe, dass man sich auch irren kann. Ich habe anfangs immer gefragt: Kann man diesen Gebäuden aus der DDR-Zeit, wenn man sie gut umbaut, nicht neues Leben einhauchen? Ich weiß nicht, ob ein Hotel das leisten kann, aber wäre eine Hochschule hier an dieser Stelle nicht gut – junge Leute im Stadtzentrum? Aber die Fachhochschule liegt doch zu dicht am Schloss dran und bedrängt es. Das Mercure-Hochhaus ist nicht ganz ohne Tragik-Komik, wie es da hinter dem Hof aufragt. Wenn man es sich schön sieht, könnte man es auch als Campanile nehmen, aber das ist natürlich sehr geschmeichelt. Ich kann die Potsdamer verstehen, die sagen, das muss jetzt weg. Aber wenn man heute das modern umgebaute Bibliotheksgebäude am Kanal sieht – dagegen war die DDR-Architektur gar nicht so schlecht.

Zurück zum Landtagsschloss: Kann sich Brandenburg das überhaupt leisten?

Das weiß ich nicht. Das muss das Land beantworten. Das ist nicht mein Thema. Ich habe so einen Gedanken dazu, aber der geht in eine andere Richtung …

Nur zu.

Natürlich muss sich ein Land wie Brandenburg, das genug andere Probleme und auch nicht genug Geld hat, fragen: Steht das in Relation? Ich sage: Es handelt sich um eine ungeheure Anstrengung und auch um einen kulturellen Akt. Das Zeichen, den Landtag in die Innenstadt zu bauen und zwar an diese Stelle am Markt, finde ich sehr gut. Manchmal muss man solche Anstrengungen machen, um überhaupt einen Anfang zu finden. Da ist dieses Thema Initialzündung nochmal. Es zieht ja auch Investoren an. Es musste hier etwas geschehen auf dieser Brache. Das Loch zwischen Bahnhof und Stadt war wie ein Niemandsland. Ich glaube, dass das Landtagsschloss im Zusammenspiel mit Nikolaikirche und Rathaus diese Zusammenführung schaffen kann.

Es ist eine gute Investition?

Es ist eine gute Investition in die Zukunft der Stadt, aber ein schwieriges Verfahren. Das Projekt ist finanziell per Vertrag gedeckelt. Durch die Öffentliche-Private-Partnerschaft braucht das Land 30 Jahre, ehe es überhaupt Besitzer des Hauses wird. Jedes Projekt braucht eine Entwicklung, jedes Projekt entwickelt sich im Kopf des Bauherrn und im Kopf des Architekten nach Vertragsabschluss weiter – ein Lernen im Gehen. Und Bauen ist immer ein Stück Abbild des Lebens. Je größer und öffentlicher die Projekte sind, umso schwieriger … Die Entwicklung führt oft dazu, dass solche Projekte dann auf dem Weg, durch welche Wünsche auch immer, teurer werden. Das können wir in Hamburg bei der Elbphilharmonie sehen. Verdopplungen oder Verdreifachungen sind mir nicht unbekannt, kamen allerdings bei meinen bisherigen Projekten nicht vor. Beim Potsdamer Landtag gibt es einen klaren Vertrag, bei dem die veranschlagte Summe bei 120 Millionen Euro liegt. Natürlich gibt es Nachforderungen und Wünsche im Prozess – vom Bauherrn, vom Landtag, von den Bürgern und auch von uns. Diese Wünsche werden bewertet und sie erhalten eine Zustimmung oder nicht. Nehmen Sie zum Beispiel die Fundstücke, die wir in die Fassade integrieren wollten – diese konnten wir am Anfang alle gar nicht kennen. Oder nehmen Sie das Geländer im Knobelsdorffschen Treppenhaus. Leider gibt es nur selten so großzügige private Spenden wie die für das Kupferdach.

Das Geländer ist ein Stichwort. Da ist ein Streit im Gange. Die Bürgerinitiative Mitteschön hätte es gerne wieder.

Die Entscheidung für einen modernen Treppenentwurf ist das Ergebnis einer Entwicklung. Ich respektiere die Kritik. Ich habe selber im Wettbewerb die Hoffnung gehabt, dass das originale Geländer wieder zusammenbaubar ist und dann auch als ein historischer Teil so wie die historischen Fassaden am Markt seine Wirkung erzielen kann. Ich muss ganz deutlich sagen: Das Geländer ist so, wie es damals war, nicht genehmigungsfähig. Das heißt, auch ein Nachbau wäre das nicht, weil wir heute neue Baubestimmungen haben. Es geht auch darum, dass wir an diesem Hauptzugang zum Landtag mit Schulklassen rechnen müssen, dass sie gerade an diesem Ort auf der Treppe sitzen werden. Es ist, glaube ich, der Wunsch vieler Potsdamer und auch meiner, dass der Hof und das Treppenhaus einen Raum darstellen, der öffentlich begehbar ist. Wo keiner einen Aufpasser haben möchte, der da steht und dauernd ruft: Nicht ans Geländer lehnen! Keiner könnte hierfür die Verantwortung übernehmen. Und in diesem Sinne musste noch einmal nachgedacht werden: Was sind die Alternativen?

Wobei es auch ästhetische Gründe für Ihre Variante gibt?

Dieses Treppenhaus ist für mich so etwas wie ein transformatorischer Raum. Er ist konzeptionell so etwas wie der Vermittler zwischen dem wiederaufgebauten historischen Schloss außen und dem modernen Parlament innen – so etwas wie die ,Lust am fast Unmöglichen’ – ein Versuch, Tradition und Moderne zu versöhnen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir mit den originalen Torsi der Atlanten und anderen gusseisernen Teilen im Zustand der Zerstörung einen Raum schaffen können, der die Geschichte der Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkriegs dokumentiert. Dieses Treppenhaus wird zu einem Ausstellungsraum von Geschichte. Und dazu passte ein nachgebautes verfälschtes historisch anmutendes Geländer nicht. Wir hätten das Geländer verdichten müssen. Oder es mit Glas oder Gewebe hinterfüllen müssen. Wir hätten es damit verunstaltet und den Künstlern der damaligen Zeit Gewalt angetan. So sind wir in diesem Prozess immer mehr vom Geländer abgekommen, auch weil wir diese wunderbaren Atlanten und diese Teile haben, die wirklich authentisch sind.

Als Gewinn ist zu verbuchen, dass das historische Treppengewölbe wiederentsteht.

Ja, wir sind jetzt beauftragt, es zu planen. Wenn nun das Gewölbe wiederentsteht, ist es an der Zeit, dass wir diesem Raum auch die moderne Sprache geben. Die Treppe hat den originalen Grundriss. Der Raum hat in seiner Anmutung die originale Form, abgesehen davon, dass die Kuppel durch das zusätzlich eingezogene Geschoss ein klein wenig in der Höhe verändert ist. Durch die moderne skulpturale Lösung hat dieser Raum nun gleichzeitig etwas historisch Erinnerndes und etwas in die Zukunft blickendes Modernes. Treppe und Kuppel – das hat es im Barock ja auch gegeben – haben etwas muschelförmig Anmutendes, einladend und beschützend. Beide Elemente sprechen miteinander durch ihre Form und die edle Oberflächenbehandlung – durch Stuck beziehungsweise stuccolustrogleiche Oberflächen wirken sie als gewölbte Schalen. Glauben Sie mir, an dieser Stelle ist weniger mehr, weil so die Konzentration auf die historischen Teile stärker ist.

Wie ist es denn in Potsdam im Vergleich mit Dresden, wo Sie ein Architekturbüro haben: Was und wie debattiert die Dresdner Öffentlichkeit?

Selbstverständlich haben wir in Dresden die gleichen Debatten. Es scheint Zeitgeist zu sein. Zudem finde ich es auch richtig, dass in einer Demokratie Dinge durch Gespräch und Diskussion formuliert und bis zur ,Geburt’ ausgetragen werden. Es kann keiner immer Recht bekommen. Der nicht immer gelungene Wiederaufbau unserer Städte nach 1945 hat zu einem größeren Mitsprachebedürfnis der Bewohner geführt. Dieses Landtagsschloss ist ein Experiment. Experimente sind nötig, weil immer gleiche Wiederholungen uns auch nicht weiter bringen. Es sind mitunter die Details, die eine ganzheitliche Idee stützen. Deswegen musste ich bei der Treppenhausdiskussion so energisch auftreten. An diesem Ort wird man verstehen, warum wir es so gemacht haben und nicht anders. Es ist meine Hoffnung, dass man diesen Ort genauso verstehen wird, wie wir ihn gedacht haben, aber auch anders interpretieren kann. Er soll zeigen, dass Architekten heute genauso schöne Räume schaffen können wie Knobelsdorff zu seiner Zeit. Sie haben mich ganz am Anfang gefragt, kann sich denn das Land überhaupt so ein Schloss leisten? Und da habe ich positiv geantwortet. Das ist eine herausfordernde Aufgabe. Ich meine hiermit den kulturellen Akt und die Auseinandersetzung, die sich jede Zivilgesellschaft auch neben den alltäglichen Aufgaben leisten muss. Ich glaube, der Wiederaufbau des Schlosses steht dann als ein Zeichen der Zeit, erst die Zukunft wird es zeigen. Hier in Potsdam liegt die Nutzung des Stadtschlosses als Landtag eigentlich folgerichtig auf dem geschichtlichen Weg, der ab der Französischen Revolution über 1848 und bis zur Abdankung der preußischen Könige 1918 gegangen wurde. In der Demokratie finden demokratische Institutionen wie ein Parlament ihren Platz in funktionslos gewordenen Gebäuden wie etwa einem Schloss. Das ist eine Linie, eine Zeitschiene – und doch ist es mutig von uns, dass wir das gemacht haben. Ganz sicher war ich von Anfang an nicht. Es bleibt immer auch ein Fragen und ein Scheitern ist möglich.

Die Rekonstruktion zu wagen, dazu war mehr Mut nötig, als modern zu bauen?

Ja! Ich habe es mir sehr genau überlegt. Ich habe es wissentlich getan, ohne jede Sentimentalität, als alter Hase. Letztlich rekonstruiere ich hier Teile aus Überzeugung und Respekt, auch vor dem alten Meister Knobelsdorff.

In der ersten Wettbewerbsausschreibung war noch ein moderner Landtagsentwurf gefordert. Wäre das die schlechtere Lösung für die Mitte gewesen?

Nicht unbedingt. Aber die Moderne ist, wie unsere Städte heute zeigen, nicht fähig, alles zu leisten. Das gläserne Parlament von Dresden mit seinem in die Stadtlandschaft und in Flussrichtung transparenten Plenarsaal würde so heute nicht mehr gebaut. Neue Sicherheitsbestimmungen, die Energiewende und steigende Baukosten würden solch ein Bauwerk heute verhindern. Dennoch verkörpert der Bau die damalige Zeit voll Aufbruch und Zuversicht. Ich ahne es: Vielleicht machen wir hier mit dem Landtagsschloss etwas, was gar nicht so rückwärtsgewandt ist – man bedenke, dass es zumindest technisch auf dem neuesten Stand aller Landtage in Deutschland ist.

In welchem Jahr, in welcher Jahreszeit, werden Sie die Eröffnungsrede halten bei der Einweihung des Landtags?

Nur eins ist klar: Ich werde in wenigen Tagen 75 Jahre alt. Nur das ist sicher.

Wann die Eröffnung des Landtages sein wird, ist nicht sicher?

Ich hoffe, nicht viel später als geplant. Ich denke, wenn man heute den Fortschritt der Baustelle sieht, stehen doch alle Beteiligten im Vergleich zu anderen Beispielen ganz gut da …

Das Interview führte Guido Berg

Peter Kulka wurde am 20. Juli 1937 in Dresden geboren. Er absolvierte zunächst eine Maurerlehre und studierte dann Architektur an den Baugewerkschulen in Görlitz und in Gotha. Von 1959 bis 1964 studierte er Architektur an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. 1969 verließ Kulka die DDR. Kurze Zeit arbeitete er im Architekturbüro von Hans Scharoun in Berlin. 1979 eröffnete er sein eigenes Büro in Köln. 1986 bis 1992 war er als Professor für konstruktives Entwerfen an der TH Aachen tätig. Nach 1990 gründete er ein zweites Büro in Dresden. Zu seinen wichtigsten Bauten gehört der Plenarsaal des Landtags in Dresden.

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