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  • 27.06.2012
  • von Tobias Reichelt

Protest: Trillern gegen Umzugspläne

von Tobias Reichelt

Lautstarker Protest. Rund 900 Potsdamer Studierende haben am Dienstagmittag in der Innenstadt protestiert. Sie wollen, dass die Jura- und Informatikstudiengänge in der Landeshauptstadt erhalten bleiben. Foto: A. Klaer

900 Juristen und Informatiker der Universsität Potsdam gingen am Dienstag für den Erhalt ihrer wissenschaftlichen Einrichtungen auf die Straße. Sie fordern ein Bekenntnis von Regierungschef Matthias Platzeck.

Blaue Trillerpfeifen, knallrote Luftballons, viele Plakate und heisere Professoren: Gegen die mögliche Schließung der Juristischen Fakultät und gegen das Ende des Informatikstudiengangs an der Potsdamer Universität haben am Dienstagmittag etwa 900 Studenten und Lehrende in der Potsdamer Innenstadt lautstark demonstriert. Der Zug führte vom Hauptbahnhof bis zum Wissenschaftsministerium in der Dortustraße. Die Demonstranten forderten die rot-rote Landesregierung auf, die Empfehlungen der vom Land eingesetzten Hochschulstrukturkommission schnellstmöglich zu begraben. Sie fürchten den Abbau von fast 3000 Studienplätzen in Potsdam.

„Wir fordern ein klares Bekenntnis von Ministerpräsident Matthias Platzeck und seinem Kabinett, die Schließungspläne aufzugeben“, sagte Hartmut Bauer, Dekan der Juristischen Fakultät. Der Bericht der Strukturkommission habe Schaden verursacht. Bewerber seien verunsichert und Potsdamer Jura-Studenten würden Zukunftschancen verbaut. Die Stimmung an der Einrichtung habe sich verändert, Lehrkräfte werden umworben. „Man kommt sich vor wie in einem Tollhaus.“ Es sei misslich, dass sich die Landesregierung bislang nicht positioniert habe: „Wir müssen wissen, wo es hingeht.“

Die Hochschulstrukturkommission hatte vorgeschlagen, dass es in Brandenburg künftig nur noch an der Europa-Universität in Frankfurt (Oder) möglich sein soll, das erste juristische Staatsexamen abzulegen. In Potsdam würde der Studiengang Rechtswissenschaften zugunsten einer neuen Fakultät für Rechts-, Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften aufgegeben. Über sämtliche Parteigrenzen hinweg gibt es Vorbehalte gegen die Pläne. Etwa 2000 Studierende zählt die Juristische Fakultät. Zuletzt bewarben sich rund 1900 Abiturienten auf 400 freie Plätze, sagte Bauer. In Frankfurt würden es weniger sein. Zu unattraktiv sei der Standort fernab von Berlin.

Von den Umzugsplänen betroffen wäre auch die deutsch-französische Juristenausbildung in Zusammenarbeit mit der Universität Paris-Nanterre. Andreas Zimmermann lehrt in Potsdam und spricht fließend Französisch: „Wer glaubt, die Pariser Studenten würden nach Frankfurt gehen, der täuscht sich.“ Die Potsdamer Einrichtung rangiere in ihrem Ansehen in Berlin und Brandenburg an Platz zwei hinter der Humboldt-Universität. „Wir müssten uns keine Sorgen machen, wenn Politik vernünftig wäre.“

Studentin Danielle Yousseu lernt bereits seit einem Jahr in Potsdam. „Ich habe mich wegen des guten Rufes und der Nähe zu Berlin dafür entschieden“, sagt die Französin. Auch Stella von Mezynski kann sich ein Umzug an die Oder nicht vorstellen: „Frankfurt, nein danke.“ Gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Alex Berger war sie deshalb auf die Straße gegangen. Sie fürchten, das Ende der Fakultät würde sie wie ein Fluch in künftigen Bewerbungsgesprächen verfolgen. „Wir haben Angst, dass Lehrkräfte abwandern und das Niveau sinkt“, sagte Alex Berger. Das spreche sich herum und schmälere die Jobchancen.

Auch Studenten und Lehrkräfte des Instituts für Informatik hatten sich an der Demonstration beteiligt. Wie berichtet könnte die Einrichtung in zwei spezifische Institute – „Science Informatics“ sowie Wirtschaftsinformatik – aufgeteilt werden. Im Gegenzug würde das grundständige Informatikstudium aufgegeben. Für Professor Andreas Schwill ist das unvorstellbar: „Informatik ist eine Zukunftswissenschaft, wir füllen keine Tabellenkalkulationen für Unternehmen aus.“ Schlage die Neuausrichtung fehl, könnte es zu einer schleichenden Schließung des Instituts kommen. Der Studiengang könnte schon zum Wintersemester 2013/14 geschlossen werde, so Schwill. Die Einrichtung zählt rund 900 Studierende. Tobias Reichelt

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