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  • 04.06.2012
  • von Hella Dittfeld

Potsdamer Wohnungspolitik: Umzug gegen den Umzug

von Hella Dittfeld

Etwa 2600 Menschen haben am Samstag nach Veranstalterangaben in Potsdam für bezahlbaren Wohnraum demonstriert. Foto: Manfred Thomas

Rund 2600 Potsdamer gingen nach Veranstalterangaben am Samstag gegen hohe Mieten in der Landeshauptstadt auf die Straße

Potsdam - „Hopp, hopp, hopp - Mietenstopp“ und „Kirsch und Drechsler in den Häcksler“ skandierten Demonstranten, als sich am Samstag kurz nach 13 Uhr in Babelsberg das „Demobündnis Mietenstopp Jetzt“ in Bewegung setzte. Jeweils rund 1000 Menschen liefen von dort und von Potsdam-West aus in Richtung Bassinplatz, um gegen steigende Mieten in der Landeshauptstadt zu protestieren. Die Demonstration verlief friedlich und endete kurz nach 16 Uhr auf dem Bassinplatz. Dort hatten Redner noch einmal lautstark einen Stopp der Mieterhöhungen und Wohnmöglichkeiten auch für finanzschwache Potsdamer gefordert.

Auf dem Marsch durch Zentrum-Ost und die Innenstadtstraßen hatten sich immer mehr auch ältere Menschen und vor allem junge Familien dem Demonstrationszug angeschlossen. Während der Veranstalter „Demobündnis Mietenstopp Jetzt“, dem mehr als 40 Verbände, Vereine, Organisationen und Initiativen beitraten, von 2600 Teilnehmern sprach, hat die Polizei laut einem Agenturbericht 650 Menschen gezählt.

Als „Klassenfeind Nr. 1“ hatten speziell Babelsberger den Immobilienentwickler Wolfhard Kirsch ausgemacht, der für das Bürgerbündnis in der Stadtverordnetenversammlung sitzt. Das Unternehmen Kirsch & Drechsler stand bei der Demonstration für einen angeblich harten Umgang mit Mietern bei Sanierungen in der Kritik. Befürchtungen, sich ihre Wohnung nach Sanierung nicht mehr leisten zu können, beschäftigen offenbar viele Potsdamer: So war die 37-jährige Angela Kaiser zur Demo gekommen, weil ihr Haus saniert werden soll. Modernisierungen und Sanierungen sollten grundsätzlich mit den Mietern abgesprochen werden, forderte nicht nur sie. Und: Potsdam brauche mehr preiswerten Wohnraum. „Ich habe bei einer Ein-Raum-Wohnung kein Angebot unter 400 Euro bekommen“, sagte ein Student. Jetzt sei er bei Bekannten untergeschlüpft. Solches Sofahopping, so der Stadtjugendring, könne keine Lösung sein. Mindestens 20 junge Potsdamer pro Jahr seien dem Verein bekannt, die wegen der hohen Wohnkosten verdeckt obdachlos seien und sich wechselnd bei Freunden einquartierten. Oft gäben die jungen Leute dann aus Geldnot ihre Ausbildung auf. Ebenfalls problematisch seien die hohen Mieten für Frauen, so Kirsten Mahlert vom Projekt „Prima Donna“ des Frauenzentrums. Um einer Vertreibung finanzschwacher Mieter aus dem Zentrum oder sogar aus der Stadt vorzubeugen, müsse man die „Kräfte gegen Mietpreistreiberei bündeln“, erklärte Arthur Dreikluft von der Initiative „Recht auf Stadt“. Auch Umzüge sind in Potsdam wegen der Mietpreisspirale problematisch: Das Ehepaar Engel wollte eigentlich eine kleinere Wohnung beziehen. Die aber sei nach dem Freiwerden nun teurer als die jetzige, weil die städtische Gewoba die Miete erhöht habe, sagte der 64-jährige Bernd Engel.

Horst Müller-Zinsius, Geschäftsführer der Pro Potsdam, zu der auch die Gewoba gehört, hält die Mieterhöhungen dagegen für moderat. „Bei 50 Prozent unserer Wohnungen liegt die Quadratmetermiete unter 5,50 Euro und nur bei sieben Prozent über sieben Euro“, erklärte er am Sonntag auf Nachfrage. Die Erhöhungen bewegten sich im Rahmen des Mietspiegels. Die Pro Potsdam brauche das Geld für Investitionen. Wolle man eine Änderung, müsse man über Instrumente der öffentlichen Förderung nachdenken.

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