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  • 04.10.2011
  • von Holger Catenhusen

Knast für zwei Briefe an den „Rias“

von Holger Catenhusen

Erlebtes Unrecht: Dieter Drewitz saß über Monate in einer Zelle im früheren Stasi-Gefängnis in der jetzigen Lindenstraße. Foto: A. Klaer

Führungen und Lesung im Potsdamer Stasi-Gefängnis / Andrang zumTag der offenen Tür am 3. Oktober

Das Stahltor wird geschlossen. Ein Gitter knallt herunter. Dieter Drewitz steigt aus dem Wartburg, der ihn gerade von Berlin nach Potsdam gebracht hat. Jetzt wird er in ein Haus geführt. Dort muss sich der junge Mann splitternackt ausziehen und erhält andere Kleidung. Die Unterhose passt ihm nicht. Sie ist viel zu breit. Drewitz muss die Hose verknoten, damit sie nicht herunterrutscht. Auch die Oberbekleidung, eine alte Armeeuniform, schlackert an seinem Körper herab. Drewitz hält die Hose mit den Händen fest. Einen Gürtel bekommt er nicht. Damit könnte er sich ja etwas antun.

So beschrieb Dieter Drewitz am gestrigen Tag der Deutschen Einheit den Beginn seiner Haftzeit im Stasi-Untersuchungsgefängnis in der Potsdamer Otto-Nuschke-Stra-ße 54. Im Jahre 1966 saß Drewitz hier für fast fünf Monate ein. Zurückgekehrt an den Ort seiner Pein, in der heutigen Lindenstraße, las Drewitz gestern aus seinem Buch „Kennwort ,Alpenveilchen’“. Die Buchlesung fand im Rahmen des Tages der offenen Tür statt, zu dem das in Potsdam ansässige Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und das Potsdam Museum eingeladen hatten. In Führungen durch das ehemalige Gefängnis sahen die Besucher eine der hässlichsten Fratzen gleich zweier Diktaturen: In der NS-Zeit verurteilte hier ein Erbgesundheitsgericht Menschen zu Zwangssterilisationen. Auch der Volksgerichtshof fällte an diesem Ort inmitten der barocken Innenstadt seine Todesurteile. Gleich nachdem das Grauen der Nationalsozialisten ein Ende nahm, richtete der sowjetische Geheimdienst hier ein Gefängnis ein. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte Menschen zu langen Jahren Zwangsarbeit oder gar zum Tode. In die Fänge der neuen Häscher konnte man aus nichtigstem Anlass geraten. So sind Fälle mehrerer Schüler dokumentiert, die von den Sowjets wegen ihrer Weigerung, am Russischunterricht teilzunehmen, hier zum Tode verurteilt wurden.

Im Jahre 1952 übergaben die Sowjets das Haus an die DDR. Bis zum Jahre 1989 betrieb nun der DDR-Staatssicherheitsdienst auf diesem Gelände ein Untersuchungsgefängnis. Die „Vergehen“ der Inhaftierten: „staatsfeindliche Hetze“, „ungesetzliche Verbindungsaufnahme“, versuchte Republikflucht oder andere politische Straftaten. Die Verdächtigen wurden entweder ganz offen verhaftet oder aber gebeten, „zur Klärung eines Sachverhalts“ mitzukommen. Dieter Drewitz zum Beispiel nahm man unter dem Vorwand mit, er möge eine Zeugenaussage machen. Dass er jedoch inhaftiert werden sollte, sagte man ihm zunächst nicht. Drewitz, Jahrgang 1943, war wegen zweier Briefe in das Visier der Stasi geraten, die er als DDR-Bürger an den Westberliner Radiosender „Rias“ geschickt hatte.

„Warum sind Sie hier?“, brüllte ihm ein Stasi-Mann in der ersten Vernehmung zu. Erst allmählich wurde Drewitz klar, warum er verhaftet wurde. Wie er heute weiß, hatte ihn die Stasi bereits als 17-Jährigen in einer Handschriftenkartei erfasst. Dadurch konnte er als Verfasser der eigentlich anonymen Briefe an den „Rias“ identifiziert werden. Drewitz erhielt anderthalb Jahre Haft.

Wenn Drewitz heute von seiner Potsdamer Haftzeit berichtet, wirkt er souverän und ruhig. Doch seine Frau sagt: „Das ist wie eine alte Schallplatte, die einen Kratzer hat – den kriegen sie nie wieder weg“. Die Buchlesungen seien für ihren Mann auch eine Art Aufarbeitung des erlittenen Unrechts.

In der Gedenkstätte „Lindenstraße 54“ ist diese Aufarbeitung des Unrechts quasi institutionalisiert. Laut Adelheid Pupka, freie Mitarbeiterin der Gedenkstätte, wolle man zukünftig die NS-Zeit des Hauses stärker in den Blick nehmen. Das Haus sei „ein Ort, der noch im Werden ist“, so Pupka. Hilfe für die Erinnerungsarbeit am authentischen Ort kommt nun wohl auch von der Brandenburger Landesregierung: Sie hat eine stärkere finanzielle Beteiligung des Landes an der Gedenkstättenarbeit in Aussicht gestellt.

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