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Potsdamer Stadtentwicklung: Kritik an Speicherstadt ohne Uferweg

von Guido Berg

Pläne von Investor und Gestaltungsrat gefallen im Potsdamer Bauausschuss nicht jedem. Kein Wunder: Ein neuer Uferwege-Streit droht der Stadt.

Potsdam - An der städtebaulichen Gestaltung der Potsdamer Speicherstadt erhitzen sich die Gemüter. Dabei zeigte sich im Bauausschuss am Dienstagabend eine noch nie dagewesene Konstellation: Während sich der Investor, die Berliner Groth-Gruppe, und der Potsdamer Gestaltungsrat nach drei Sitzungen auf eine Architektur für die mittlere Speicherstadt einigen konnten, findet das Ergebnis dieser Einigung keinen Gefallen bei Mitgliedern des Bauausschusses. Und mehr noch: Kritische Nachfragen zogen sogar die Basis allen architektonischen Nachdenkens in Zweifel, den bislang allseits gelobten Masterplan von Christoph Kohl vom Architekturbüro Krier & Kohl. Der Stadtverordnete Wolfhard Kirsch (Bürgerbündnis), der wegen seines Privatgrundstücks am Griebnitzsee als Experte in Sachen Uferweg gelten darf, fragte am Dienstagabend angesichts der neuesten Grafiken von Investor Klaus Groth völlig irritiert: „Bin ich doof oder ist da gar kein Uferweg geplant?“

Stadtplanungschef Andreas Goetzmann erinnerte die Stadtverordneten an einen Workshop mit Vertretern aller Fraktionen, bei dem der bisherige Masterplan des Büros Hilmer & Sattler und Albrecht zugunsten des Plans von Kohl gekippt wurde. Kohl verzichtete auf den Uferweg und plante stattdessen einen Mittelweg entlang eines alten Schienenwegs innerhalb der Speicherstadt. Auf diesem Mittelweg gebe es „eine Blickrichtung direkt auf die Nikolaikirche, die damals sehr positiv aufgenommen wurde“, so Goetzmann. Thomas Albrecht von Hilmer & Sattler und Albrecht bestätigte gestern den Uferweg im eigenen Plan, zollte jedoch auch Kohls Idee Respekt. Der fast 18 Meter breite Kohlsche Mittelweg erschließe das Areal gut; mit einem zusätzlichen Uferweg wäre das Gebiet dagegen „übererschlossen“.

In der Frage der Bebauung einigte sich Groth mit dem Gestaltungsrat auf Gebäude am künftigen Persiusplatz, die über vier Vollgeschosse plus ein abgestaffeltes Dachgeschoss verfügen, wie Groth erläuterte. Kohls Masterplan ließ noch fünf Geschosse plus Staffelgeschoss zu. Jedoch gebe es noch einen Dissens mit dem Landesamt für Denkmalpflege, das in der Nähe des Persiusspeichers nur drei Vollgeschosse zulassen wolle. Dazu Groth: „Beide Lösungen gehen.“ Der Berliner Projektentwickler will am 20. Juni die Bauanträge für geplante 270 Wohnungen in der mittleren Speicherstadt stellen. „Am 15. August beginnen wir mit dem Bauen, im Juli 2013 sind wir komplett fertig“, sagte Groth zuversichtlich.

Allerdings grummelte es im Bauausschuss noch gewaltig, wenn auch derzeit völlig unklar ist, wie die Politik noch Einfluss nehmen kann. „Es wäre schon katastrophal, wenn das, was wir mit dem Gestaltungsrat ausgemacht haben, nun nicht mehr gelten würde“, fasste Kohl das Dilemma zusammen. Der Gestaltungsrat, der sich aus renommierten Architekten zusammensetzt, war eigens zur Hebung der architektonischen Qualität des Bauens in Potsdam ins Leben gerufen worden. Und nun das: „Es stimmt mich traurig, was der Gestaltungsrat da empfohlen hat“, erklärte Martina Engel-Fürstberger (FDP). Die gleichen Traufhöhen, die architektonische Ruhe „finde ich persönlich nicht notwendig“. Saskia Hüneke (Bündnisgrüne) erklärte, der Gestaltungsrat sei „der Gefahr zu großer monolithischer Strukturen durchaus erlegen“. Grundübel sei die stete „Ideenfindung im geschlossenen Raum“, erklärte Steffen Pfrogner (Die Linke). Der Gestaltungsrat sei „nicht das Allheilmittel“, er könne auch nur eine Lösung erarbeiten. Gebraucht würden offene Wettbewerbe für einen freien Prozess der Ideenfindung.

13 Kommentare

  • von Bürgersicht10.06.2011 11:44
    Es sollte einen öffentlichen Uferweg in der Speicherstadt geben.

    Die Gewässer Potsdams sind ein öffentliches Gut. Der Blick auf das Wasser und die Natur fördern das seelische Wohlbefinden. Dies sollte nicht einer Vermögenselite vorbehalten sein, insbesondere in der Innenstadt.

    Außerdem ist die Leipziger Str. ziemlich eng und und damit für Fußgänger und Radfahrer wegen ihrer Nähe zum Autoverkehr sehr unangenehm zu nutzen (Verkehrssicherheit, Lärm und Abgase). Es braucht für die ökologisch besseren Verkehrsteilnehmer auch gesunde Wege.
  • von deju 131010.06.2011 08:59
    Wenn man alles genauer betrachtet, nur Korruption rund um, da muss doch der brave Steuerzahkler Wutanfälle bekommen.
    JEden tag eine neuer Betrug und jeden Tag Baurecht für besonder Menschen.
    Das muss ein Ende haben, Baurceht für alle oder keinen!
  • von Berlina W.09.06.2011 22:34
    ich glaube unsere Potsdamer Politiker-Möchtegern-Elite weiß nicht was sie tut - der eine Uferwegstreit ist noch nicht mal geklärt - da basteln sie schon den nächsten Uferstreit. Politik ist nicht Probleme lösen - sondern Probleme schaffen!! In Potsdam sind darin hervorragend!
  • von * * *09.06.2011 20:16
    Haben wir mal wieder einen Aufreger? Schön. Nun mal alle losjammern und brüllen. Ach, Nachbar Florian, ich glaub, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen!
  • von Volksvertreter09.06.2011 17:23
    Gentrifizierung - auch und besonders in Potsdam. Da unsere "Volksvertreter" diese Vertreibung aus durchsichtigen Gründen verniedlichen, wird auch diese Losung der Wende "Endlich freies Ufer für freie Bürger" abgeschmettert.

    Was haben Potsdamer auf einem Uferweg an der Havel oder ihren Seen zu suchen? Die gehören doch jetzt gewollt den Wohlhabenden.
  • von Heulia Jammerlapp09.06.2011 15:18
    Die da oben essen Torte von goldenen Tellern und der kleine Mann, die Melkkuh der Nation, muss das alles mit seinem mühsam abgeknapsten Pfennigen bezahlen.
  • von Nachbar Florian09.06.2011 12:58
    Also ick weeß nich, für mich gibt das mehr als genug Uferwege hier in unserer schönen Stadt, immer wenn ich an einem Uferweg spazieren möchte, klappt es. Mach ich was falsch? Oder kann es sein, dass es hier um ganz andere Konflikte geht, die von ein paar Anwohnern instrumentalisiert werden? Kleine DDR, die Wessis sind nun mal da, und das sind nicht immer die schlechtesten... selbst wenn es in dieser Speicherstadt ein paar Lofts direkt am Wasser gibt, wird doch nicht das ganze Ufger abgesperrt, das ist doch alles Schwachsinn. Leute!
  • von roter Adler 09.06.2011 10:55
    Ja so funktioniert Potsdam,
    es ist so ein bischen wie Rummel- alles dreht sich alles bewegt sich und am Ende steht man wieder am Anfang.
    Ein Hoch an die Potsdamer Beamten ,deren einzige Aufgabe zu sein scheint, die Verantwortung an andere weiterzuleiten und deshalb brauchen wir immer mehr Ausschüsse,Initiativen und Beamten.
    Ist doch logisch,und gehen Investitionen nach Berlin, war es keiner, oder nur der böse Investor. Aber bekanntlich fängt der Fisch am Kopf an zu stinken, was kann man dazu sagen, wenn man es so vorgelebt bekommt. Vielleicht sollte der OB mal beim nächsten alternativen Filzkurs mal überlegen-ob das alles so richtig ist.
  • von mkd09.06.2011 10:33
    Ich fass es nicht. Kann man nicht endlich mal kapieren, dass bei der Privatisierung öffentlichen Eigentums nichts gutes herauskommt?
    Natürlich lassen sich Lofts mit privatem Wasserzugang ohne die lästige Öffentlichkeit teurer verhökern.
    Nun ja, vielleicht kann Potsdam, den Streifen dann in 10 Jahren zum Zehnfachen seines jetzigen Preises zurück-enteignen.
  • von baumeister09.06.2011 09:46
    warum wird für solche immens bedeutsamen projekte nicht ein freier städtebau- und architekturwettbewerb ausgeschrieben; da bekommt die stadt und der investor für wenig finanziellen aufwand in engem zeitraum eine fülle von ideen und konzepten, die dann zu diskutieren sind.
    wieder mal eine verpatzte chance, eine bedeutende bauaufgabe in der stadt auf eine vernüftige basis zu stellen. (wie schon zuvor mit dem wohnquatier am bahnhof, dem niemeyerbad u.a.m.)
    so wird unter der maßgabe "billiger gehts nicht" herumgedoktert, jeder darf mal was sagen, und am ende ist nicht mal der kelinste kompromiss befriedigend. traurig
  • von Kotzdam 2109.06.2011 09:00
    So funktioniert nun mal Demokratie in Potsdam: jeden Beschluss von allen immer wieder in Frage stellen und neu bewerten lassen, bis gar nichts mehr geht, öffentlich totdiskutieren, drei Bürgerinitiativen gründen, lustvoll drüber berichten und das noch schüren, bis viel Zeit und viel Geld verpulvert sind und die bösen Investoren mit den ganz schlimmen Privatinteressen woanders hingehen und eine hilflose oder sogar böswillige politische Führung daneben steht und zusieht. Cave Potsdam.
  • von Kotzdam 2109.06.2011 08:59
    So funktioniert nun mal Demokratie in Potsdam: jeden Beschluss von allen immer wieder in Frage stellen und neu bewerten lassen, bis gar nichts mehr geht, öffentlich totdiskutieren, drei Bürgerinitiativen gründen, lustvoll drüber berichten und das noch schüren, bis viel Zeit und viel Geld verpulvert sind und die bösen Investoren mit den ganz schlimmen Privatinteressen woanders hingehen und eine hilflose oder sogar böswillige politische Führung daneben steht und zusieht. Cave Potsdam.
  • von Juta09.06.2011 00:48
    "mit einem zusätzlichen Uferweg wäre das Gebiet dagegen „übererschlossen“."

    Und ich dachte immer, es geht um einen öffentlichen Uferweg, dem fehlenden Teilstück zwischen Nuthepark und Hermannswerder. Aber klar: Der Mittelweg wird den Blick zur Nikolaikirche ja viel besser freigeben. Den nennen wir dann zu Ehren der behumsten Stadtverordneten "Potsdamer Weg". Oder es bleibt einfach der goldene "Mittelweg"

Aktuellste Kommentare

  • von Bürgersicht10.06.2011 11:44
    Es sollte einen öffentlichen Uferweg in der Speicherstadt geben. Die Gewässer Potsdams sind ein öffentliches Gut. Der Blick auf das Wasser und die...
  • von deju 131010.06.2011 08:59
    Wenn man alles genauer betrachtet, nur Korruption rund um, da muss doch der brave Steuerzahkler Wutanfälle bekommen. JEden tag eine neuer Betrug und...
  • von Berlina W.09.06.2011 22:34
    ich glaube unsere Potsdamer Politiker-Möchtegern-Elite weiß nicht was sie tut - der eine Uferwegstreit ist noch nicht mal geklärt - da basteln sie schon...

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