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  • 25.03.2011
  • von Von Guido Berg

Von Guido Berg: Abfuhr für Groths Speicherstadt-Pläne

von Von Guido Berg

„Wir müssten agieren“: Der Gestaltungsrat mit Mara Pinardi, Michael Bräuer, Ulla Luther, Regina Poly und Christian Rapp (v.l.n.r.) Martin Reichert als sechster im Bunde fehlt im Bild. Fotos (5): Andreas Klaer

Potsdams Gestaltungsrat kritisiert „massive Neubebauung“, geringe Gebäudeabstände und fehlende Gastronomie am Persius-Platz / Daumen hoch für Villa Hagen und Gemeindezentrum an der Pappelallee

Daumen runter: Der Berliner Investor Klaus Groth hat sich mit seinen Speicherstadt-Plänen eine deftige Abfuhr im Potsdamer Gestaltungsrat abgeholt. Der Rat renommierter Architekten, Stadt- und Landschaftsplaner um die Vorsitzende Prof. Ulla Luther sieht in den vorgestellten Fünf- und Sechsgeschossern für die mittlere Speicherstadt „eine zu massive Neubebauung“, wie Prof. Michael Bräuer sagte. Wenig schmeichelhaft für die von Groth beschäftigten hochkarätigen Architekten: Bräuer hegt den Verdacht, dass einzig die vorgeschriebenen fünf Meter Brandschutz-Abstand den Zwischenraum zwischen zwei Gebäuden definiere. Bräuers Urteil: „Ich bin nicht zufrieden.“ Ulla Luther ihrerseits legte mit höflichen Fragen schmerzhaft den Finger in die Wunde: „Wird es Stadt – oder Wohnstadt?“ Und: „Wird es nicht ein bisschen unlebendig?“

260 Wohnungen will Groth unterbringen – vom Dach bis zum Erdgeschoss. Selbst am entstehenden Persiusplatz – Luther zufolge einer der größten Plätze in Potsdam – soll im Erdgeschoss gewohnt, keinesfalls gastronomisch Café getrunken oder gar etwas gegessen werden. Dazu Groths Architekten Thomas Albrecht: Gegessen und getrunken werden könne auch am Hauptbahnhof. Die Gäste der Sitzung quittierten diese Erklärung mit rumorigen Unwillen.

Potsdams Baubeigeordneter Matthias Klipp (Bündnisgrüne), ahnend, dass die künftigen Wohnungseigentümer wohl lieber ihre Ruhe hätten, versuchte Groth diesen Zahn an Ort und Stelle zu ziehen: „Selbst ohne Café werden die Potsdamer diesen Platz in Besitz nehmen – und wenn die Leute selbst einen Kasten Bier mitbringen.“ Klipp stellte klar, dass es kein privater Platz sein wird. Der Beigeordnete schlug vor, zunächst Gastronomie im Erdgeschoss vorzusehen; sollten sich keine Betreiber finden, könne immer noch umgeplant werden. Dazu Ulla Luther: „Wir müssen Räume für die Zukunft zulassen.“

Groth gab sich zunächst unschuldig: „Wir stecken unsere Hände in Sagrotan.“ Er habe das 11500 Quadratmeter große Grundstück mit der Zusage für diese Baumassen von der Pro Potsdam erworben. Später sagte er eine weitere Gesprächsrunde zu: „Jede Qualitätssteigerung nehmen wir mit.“ Zusammenfassend reagierte Gestaltungsratschefin Luther ungehalten, erst spät in die Pläne einbezogen worden zu sein. Groth will früheren Aussagen zufolge schon Mitte 2011 mit dem Bauen beginnen. Dazu Ulla Luther: „Wir können nur reagieren, müssten aber agieren.“

Auf wenig Gegenliebe stieß auch der bayrische Architekt Stefan Maisch mit seinem Entwurf für ein Wohnhaus für die Firma Südhausbau in der Walter-Klausch- /Ecke Großbeerenstraße. Für 5,8 Millionen Euro sollen 40 Mietwohnungen gebaut werden – mit Garageneinfahrten im Erdgeschoss statt einer Tiefgarage. „Das wird für die Fußgänger keine Freude“, konstatierte Ratsmitglied Christian Rapp, der schon Rolltore vor seinem inneren Auge auf und zu gehen sieht. Zurückgewiesen – und das von Klipp – wird der Versuch, die Babelsberger Gestaltungssatzung zu ignorieren: „So geht es nicht.“ Einziger Lichtblick für Maisch, wenn auch nicht tröstend, kam von Ulla Luther: „Aber die bayrischen Fensterläden, die sollten Sie behalten!“

Ein Pro Potsdam-Bau mit 50 Wohnungen an der Friedhofsgasse 4, entworfen von Bernhard Schuster, konnte zwar nicht völlig überzeugen, kam aber vergleichsweise ungeschoren davon. Der U–förmige Baukörper sollte in Richtung Friedhof gedreht werden und die Bauhöhen variieren. Den überarbeiteten Entwurf will der Gestaltungsrat noch einmal sehen. Dass dieser auch loben kann, bewies er bei zwei Vorhaben. Zunächst hieß es Daumen hoch für das Büro Pott-Architekten, die für Bauherr Lars Dittrich die Villa Hagen an der Bertinistraße neu aufbauen – wobei keine Replik entstehen soll, sondern ein „radikal zeitgenössischer Bau“.

In Maß, Volumen und Grundfigur „sehr überzeugend“ findet Ratsmitglied Martin Reichert den Entwurf von Andreas Mayer-Winderlich für ein Gemeindezentrum der Siebenten-Tags-Adventisten an der Pappelallee. „Ein gutes Niveau“ attestierte auch Ulla Luther.

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