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  • 03.03.2011
  • von Von Henri Kramer

Von Henri Kramer: Wenn die Hecke des Nachbarn stört

von Von Henri Kramer

Konflikte lösen: Christiane Sander ist gelernte Streitschlichterin. Die Potsdamerin vermittelt bei Zoff in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz, aber auch zwischen Eltern und Kindern. Foto: Manfred Thomas

Christiane Sander schlichtet Streit: Die Mediatorin betreibt eine der sieben Landes-Gütestellen in Potsdam

An diesen Fall erinnert sich Christiane Sander noch heute. Ein 16-Jähriger und seine Eltern kamen zu ihr, weil sie erbittert über das Taschengeld für den Teenager stritten. Er fühlte sich unterbezahlt. „Er wollte sogar vor Gericht ziehen oder das Geld über das Jugendamt einklagen.“

Christiane Sander ist Streitexpertin. Die 41-jährige Potsdamerin arbeitet als Mediatorin und praktiziert in einer gesetzlich anerkannten Gütestelle für das Land Brandenburg. Solche Gütestellen sollen beispielsweise bei privaten Nachbarschaftsfehden vermitteln, bevor die örtlichen Gerichte mit einem weiteren Verfahren belastet werden. Sieben solcher Gütestellen gibt es in Potsdam – eine betreibt Sander.

Vor vier Jahren hat sie sich nach einer Ausbildung an der Potsdamer Fachhochschule als Mediatorin selbstständig gemacht – auch nach Dauerstreit bei ihrem vorigen Arbeitgeber, einem großen kirchlichen Sozialträger. „Da saß ich oft zwischen allen Stühlen“, erinnert sie sich. Nun sitzt sie vor den Streithähnen.

Was sie dabei erlebt: Streitereien um Hecken, die über den Zaun des Nachbarn hängen und ihn stören. Oder Unfrieden im Sommer, wenn ein Nachbar in einer engen Reihenhaussiedlung jeden Samstagnachmittag grillen möchte – während die Hausfrau nebenan immer am Samstag die frisch gewaschene Wäsche heraushängen will. „Wenn solche Konflikte eskalieren, hat es in den meisten Fällen einfach an Kommunikation gefehlt“, sagt Christiane Sander. Gerade Nachbarschaftskonflikte würden längere Zeit gären, bevor eine Seite mit Klage droht und eine Mediation nötig wird, ist ihre Erfahrung. „Oft häufen sich Vorwürfe aus der Vergangenheit an oder es steht Unausgesprochenes im Raum – obwohl es um die Zukunft gehen soll“, erklärt Christiane Sander das Problem.

Für eine Lösung holt sie die Parteien zu einer offiziellen Mediationsverhandlung in ihr Büro nach Bornim. Dort werden die Grundsätze für das weitere Verfahren geklärt, etwa das Tabu von Beleidigungen. „Alle müssen sich gegenseitig ausreden lassen.“ An einer Tafel werden zudem die Interessen, Themen und Positionen des Konflikts visualisiert. „Für eine Lösung müssen die Streitenden lernen, einander wirklich zuzuhören“, sagt Sander. Die Mediatorin nutzt dabei Techniken wie das Spiegeln: Gesprächsinhalte gibt sie mit ihren Worten kurz wieder, um zu zeigen, wie das Gesagte angekommen ist – und ob es richtig verstanden wurde. Ziel des Ganzen ist eine schriftliche Vereinbarung über einen gefundenen Kompromiss.

Laut Sander dauern diese Verfahren im Schnitt bis zu drei Sitzungen à 90 Minuten, hinzu kommen Vor- und Nachbereitung. Bezahlt wird die Mediatorin von beiden Streitparteien mit gesetzlich geregelten Honoraren, die mit dem Streitwert steigen: Rund 120 Euro pro Stunde kann das kosten. Sander sieht den Preis für den Frieden als gerechtfertigt an: „Wer für eine Mediation etwas bezahlt, wird einen gefundenen Kompromiss auch als wertvoll betrachten und ihn bewusster achten.“

Nicht immer klappt das: Ein Heckenstreit landete zuletzt doch am Amtsgericht. Anders endete laut Sander der Konflikt in einer Unternehmensmensa, in der die langjährige Küchenchefin plötzlich mit einer viel jüngeren Diätassistentin kochen sollte. „Das hat anfangs offensichtlich gar nicht funktioniert.“ Da prallten regelrecht Philosophien aufeinander: Sollte die seit Jahrzehnten nicht bemängelte Hausmannskost oder gesundes Wellness-Essen auf den Tisch kommen? Als der Streit immer unversöhnlicher wurde, holte der Betrieb die Mediatorin.

Sander erzählt, wie beide Frauen während der Treffen erstmals bereit waren, die Argumente der anderen zu hören. Am Ende kochten sie sogar die Speisen der jeweils anderen, als Zeichen gegenseitiger Achtung . „Inzwischen stellen sie den Speiseplan in der Firma gemeinsam auf.“

Übrigens: Auch in dem Taschengeld-Streit konnte Christiane Sander schließlich vermitteln: Der junge Mann erhielt etwas mehr Penunzen als zuvor, „ohne gleich seine Eltern zu ruinieren“ – musste sich aber auch „aktiver“ als bisher am Haushalt beteiligen.

Alle Gütestellen und ihre Adressen im Internet unter www.mdj.brandenburg.de

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