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  • 18.12.2010
  • von Von Guido Berg

Von Guido Berg: Haus mit Zukunft

von Von Guido Berg

„Die Maßstäbe seiner Zeit überwunden“: Die Wirkungsstätte des Humanisten Johannes Lepsius (l.) in der Großen Weinmeisterstraße wird voraussichtlich in der zweiten Februar-Hälfte 2011 offiziell als Forschungs- und Begegnungsstätte eingeweiht. Fotos: PNN-Archiv

Der Tod von Hermann Goltz trifft das Projekt Lepsius-Forschung in Potsdam schwer, beendet es aber nicht

Das besonders tragische Moment: Irgendwann im Januar 2011 wird der Innenausbau des Lepsiushauses an der Großen Weinmeisterstraße beendet sein. „Dann gibt es einen Lichtschalter, den man betätigen kann“, sagte der Geschäftsführer des Vereins Lepsius-Haus, Peter Leinemann. Tragisch ist dies deshalb, weil die Person, die der „Hauptmotor“ war für das Lepsius-Haus – für eine Begegnungs- und Forschungsstätte am ehemaligen Wohnsitz des Theologen und Humanisten Johannes Lepsius (1858-1926) – nicht mehr dabei sein wird: Prof. Hermann Goltz. Der Hallenser Theologe, Lepsius-Experte und profunde Kenner der osteuropäischen Kirchen ist am Donnerstag, den 9. Dezember 2010, im Alter von 64 Jahren verstorben (PNN berichteten). Die offizielle Einweihung des Lepsius-Hauses ist für die zweite Februar-Hälfte kommenden Jahres vorgesehen, im Beisein von Kulturstaatsminister Bernd Neumann.

Goltz’ Tod fällt in eine Phase intensiver Arbeit; lange schon war geplant, dass am Donnerstag der zurückliegenden Woche die Bibliothek des seiner Emeritierung entgegensehenden Professors in Kisten verladen und nach Potsdams transportiert wird. Als also Leinemann und weitere Vereinsmitglieder die 5000 Bücher in 200 Kartons verpackten, da geschah dies mit dem ungewollten Gefühl, sich schon eine Woche nach dem Tod des Forschers seiner Habe zu bemächtigen. Dabei, so Leinemann, war es der Wunsch von Hermann Goltz, seinen Arbeitsschwerpunkt in das Potsdamer Lepsius-Haus zu verlegen, samt seiner in 40-jähriger Forschungstätigkeit zusammengetragenen Bibliothek und der Sammlung originaler Handschriften von Johannes Lepsius. 7000 Blatt Papier sind das, „viel Korrespondenz“, so Leinemann, aber auch Originalberichte, die Lepsius als Gutachter des Auswärtigen Amtes über den Völkermord an den Armeniern 1915/16 anfertigte. Genug Stoff für die Lepsius-Forschung, die es auch ohne Hermann Goltz in der Großen Weinmeisterstraße geben wird. Leinemann: „Da ist noch viel zu heben.“ Ein Großteil der Papiere hatte noch Veronika Aschke, geborene Lepsius und Nachfahrin des berühmten Humanisten, dem nun verstorbenen Theologen übergeben.

„Hermann Goltz ist nicht zu ersetzen“, sagt Leinemann auch. Aber der Lepsius- Haus habe über 100 Mitglieder. „Wir nehmen die Verantwortung wahr, das Projekt in seinem Sinne weiterzuführen.“ Das Lepsius-Haus sei „eine Herzensangelegenheit“ von Goltz gewesen. Geplant ist, im kommenden Jahr eine wissenschaftliche Leitungsstelle für das im Entstehen begriffene Institut hauptberuflich auszuschreiben. Es soll eine Person gefunden werden, die sowohl über Kenntnisse in der Lepsius-Forschung als auch in der Geschichte und Gegenwart Armeniens verfügt. Für 2011 fördert der Staatsminister für Kultur das Lepsius-Haus noch mit 100 000 Euro. „Ab 1. Januar 2012 muss es einen anderen Träger geben“, so der Vereinsgeschäftsführer. Denkbar ist eine kirchliche Einrichtung, „als Garant für politische Unabhängigkeit“. Das Wirken von Johannes Lepsius ist in der Gegenwart hochbrisant, da er mit seinem 1916 von der deutschen Zensur verbotenen „Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“ die Welt auf den Völkermord an den Armeniern aufmerksam machte. Von offizieller türkischer Seite wird der Genozid, dem bis zu 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen, aber bis heute geleugnet.

Die Kirche befördere die Lepsius-Forschung nicht deshalb, weil sie „Helden“ brauche. „Als Christenmensch sage ich: Wir haben schon ein Beispiel und das ist Jesus Christus.“ Leinemann sieht Johannes Lepsius vielmehr in der Bedeutung eines Dietrich Bonhoeffer oder Albert Schweitzer und zitiert den ehemaligen Generalsuperintendenten Hans-Ulrich Schulz: „Die Kirche hat an dem Mann etwas gut zu machen.“ Als ihn die Evangelische Kirche für sein Armenisches Hilfswerk – Vorläufer der Menschenrechts- und Flüchtlingsarbeit der Vereinten Nationen – von seiner Pfarrarbeit nicht freistellen wollte, verließ Lepsius die Kirche. „Er ist als Sohn aus großbürgerlichem Haus ein Kind seiner Zeit“, so Leinemann und ergänzt, „einer schwierigen Zeit“. Aber er habe sich angesichts der Leiden der Armenier „zum Außenseiter der Gesellschaft gemacht“. Oder, wie Hermann Goltz in einem PNN-Interview sagte: „Lepsius war ein Mann, der in preußisch-deutschem Denken erzogen worden ist, der jedoch sich selbst durch seine christliche Einstellung bekämpft hat.“ An anderer Stelle sagte Goltz: Lepsius hat „an bestimmten Punkten die Maßstäbe seiner Zeit überwunden“.

„Im oder am Lepsius-Haus“, kündigt Leinemann an, werde eine Plakette auch an Hermann Goltz erinnern.

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