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  • 13.12.2010
  • von Erik Wenk

Unterwegs mit dem Glühweinexpress

von Erik Wenk

Fahrschein-Entwertung mit der Lochzange: Straßenbahn-Fans im Glück. Foto: Andreas Klaer

Tatra von 1972 steuert Weihnachtsmärkte an / Erste „Elektrische“ fast fertig

Ausnahmsweise ist der Verzehr von Speisen und Getränken im Fahrgastraum erlaubt: Am gestrigen Sonntagnachmittag konnten Straßenbahn-Fans mit dem „Glühweinexpress“ durch Potsdam fahren. Der historische Triebwagen Tatra 001 von 1972 steuert dabei die Weihnachtsmärkte auf der Brandenburger Straße sowie auf dem Krongut Bornstedt an. Fast halbvoll ist der beige- rote Wagen aus tschechoslowakischer Fertigung an diesem 3. Advent; das weihnachtlich geschmückte Fahrzeug verströmt gediegenes 70er Jahre-DDR-Flair. Eine Klingel schrillt, die Falttüren schließen sich, auf dem gummierten Boden kommt der Kellner mit dem ersten Glühwein. Vornehmlich ältere Semester ließen sich die Fahrt in dem Tatra-Prototypen nicht entgehen, unter ihnen der fünfundsechzigjährige Dietmar Scherf, der früher selbst Lokführer war: „Mich fasziniert einfach das Alter des Fahrzeugs. Ich bin damals noch regulär damit gefahren, als es gerade neu war.“ Neben dem Genuss von Glühwein und heißer Schokolade konnten die Tram-Liebhaber technische Fachsimpeleien austauschen, mit ihrem historischen Wissen brillieren oder einfach nostalgische Erinnerungen genießen.

Bis zur Wende fuhren die insgesamt zwei Prototypen der Tatra regulär durch Potsdam, danach wurde Fahrzeug 002 verschrottet. „Damit die 001 nicht auf dem Schrottplatz landet, habe ich sie damals persönlich übernommen und sozusagen vier Jahre besessen, bevor sie restauriert wurde“, erzählt Karsten Müller (45) vom „Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin e.V. – Arbeitsgruppe Potsdam“, der heute mit Schaffner-Uniform und Münzkassette am Gürtel die Fahrkarten mit der Lochzange löst.

Damit ist der Prototyp der letzte seiner Art, rollt aber dank Sponsoren und privatem Engagement regelmäßig für Sonderfahrten durch die Landeshauptstadt. Wer gestern mit wollte, konnte dies gegen eine Spende von zwei Euro tun. Der Erlös wird den alten Fahrzeugen zu Gute kommen, insbesondere aber einem: Potsdams erster elektrischen Straßenbahn von 1907. Obwohl diese Bahnen bis in die 1960er Jahre eingesetzt wurden, existiert heute kein Originalexemplar mehr. Der „Historische Straßenbahn Potsdam e.V.“ hat daher bereits 2007 – zum 100. Geburtstag des Fahrzeugs – begonnen, Spenden für einen Wiederaufbau zu sammeln. Einzelne Originalteile gibt es nämlich noch, so dass man als Tram-Pate etwa einen historischen Türgriff oder Schalthebel finanzieren kann. 440 000 Euro kostet das Ganze, aber ein Großteil des Wagens sind bereits fertig oder in Arbeit: Das Fahrgestell, der Bodenrahmen, die beiden Fahrschalter oder der hölzerne Wagenkasten etwa. Eigentlich fehlt nur noch die Verkabelung; 2011 soll die Endmontage beginnen.

Der Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin e.V., der die heutige Fahrt ehrenamtlich durchführt, verspricht sich davon unter anderem einen touristischen Gewinn für Potsdam, sowie die Möglichkeit, Geschichte hautnah zu erleben. Anders als heute waren in den historischen Wagen die Deckenverkleidungen kunstvoll mit Ornamenten bemalt, und auf den Sitzbezügen prangte das eingewebte Stadtwappen Potsdams.

Endstation Kirschallee: Etwa die Hälfte der Gäste steigt aus und geht Richtung Weihnachtsmarkt, der Rest bleibt lieber im geheizten Wagen und schaut sich das Schneetreiben im Trockenen an. Vielleicht werden sie nächstes Jahr wieder mitfahren – in Potsdams erster „Elektrischen“ aus der Kaiserzeit. Erik Wenk

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