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  • 03.11.2010
  • von Von Erhart Hohenstein

Von Erhart Hohenstein: Vom „Folterkeller“ zum Speisesaal

von Von Erhart Hohenstein

Die historische Schulstube stand zur Jubiläumsgala der Dortuschule den Gästen offen (Foto o.). Dazu konnte Schulleiterin Gudrun Wurzler auch ehemalige Kollegen begrüßen (r.o.). An die DDR-Zeit erinnerten Puppen im FDJ-Hemd mit rotem und blauem Pionierhalstuch (r. u.). Fotos: M. Thomas

Jubiläumsgala zum 150-jährigen Bestehen der Grundschule „Max Dortu“

Eine Jubiläumsgala bildete den Abschluss der umfangreichen Feierlichkeiten zum 150-jährigen Bestehen der Grundschule „Max Dortu“. Den 150 geladenen Gästen, sämtlich Förderer und Unterstützer der Einrichtung, bot die hier seit 1986 tätige Schulleiterin Gudrun Wurzler einen Lichtbildervortrag der besonderen Art. Die 1860 begründete erste „Höhere Mädchenschule in Preußen“ sei schon immer eine fortschrittliche Schule gewesen, wies sie an seltenen historischen Fotos nach, die vor dem Jubiläum zusammengetragen worden waren. Schon 1880 wurde, damals ganz ungewöhnlich, für die Mädchen eine Turnhalle gebaut und eine Turnriege gebildet. Mit eigenen Booten ruderten die Schülerinnen auf dem Stadtkanal. Ab den 1930er Jahren besaßen sie ein Schullandheim – in einem heute in Polen gelegenen Dörfchen.

Dieser glanzvollen Vergangenheit folgten in Krieg und Nachkrieg schwierige, von Mangel und ideologischer Indoktrination geprägte Jahre. 1944 gab es noch ein Notabitur, nachdem die Schülerinnen durch mitgebrachte Briketts geheizte Unterrichtsräume gesichert hatten. Schon am 23. Mai 1945 wurde dann der Russisch-Unterricht eingeführt. Dass der Verfall der Gebäude so schlimm anwuchs, hatten selbst ehemalige Lehrer und Schüler nicht mehr in Erinnerung. Fotos aus den 1980er Jahren zeigen Klassenräume mit durchfeuchteten Wänden, eine einsturznahe Turnhalle und einen trostlos kahlen Schulhof. Die verwahrlosten Kellerräume allerdings setzten Schauspieler und Filmemacher Dean Reed in Begeisterung: Er fand hier 1977 die ideale Kulisse für die Folterszenen seines Films „El Cantor“ über den unter dem Pinochet-Regime ermordeten chilenischen Volkssänger Victor Jara.

Inzwischen haben sich die „Folterkeller“ in einen architektonisch bemerkenswert gestalteten Schulspeisesaal verwandelt, der 2009 übergeben wurde. Seit der Wiedervereinigung werden die ehrwürdigen Gemäuer, deren Herzstück das 1770 von Unger errichtete Wohnhaus des Justizrats Ludwig Dortu ist, mit Millionenaufwand Schritt für Schritt saniert und restauriert. Zahlreiche Klassenräume, Fachkabinette, Flure, die Turnhalle sind renoviert, energetisch und brandschutztechnisch auf den neuesten Stand gebracht worden. Für einen schicken „grünen“ Schulhof haben Personal und Schüler selbst gesorgt. Restarbeiten sind noch im Gartensaal zu bewältigen, in dem 1860 die Einweihungsfeier der Schule stattfand. Seine Gestaltung stammt von Künstlern des 18. Jahrhunderts, die auch den Schlössern von Sanssouci und Rheinsberg ihren Glanz verliehen haben. Ein Kreis um Hans-Joachim Giersberg, ein früherer Dortuschüler, hatte mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und anderer Stiftungen dafür Spenden gesammelt. Die prachtvollen Stuckornamente sind inzwischen restauriert, nur die Wände müssen noch ihre ursprüngliche Farbigkeit zurückerhalten. Überarbeitet worden ist das Programm für die historische Schulstube, auf deren harten Bänken Schulklassen Unterricht auf Altväterart, allerdings ohne Rohrstock, erleben können. Die Modernisierung und der weitere Ausbau des Schulmuseums stehen noch aus. Anfang des nächsten Jahres soll eine Broschüre zur Schulgeschichte vorgelegt werden. Dafür wurden das Schularchiv, die Erinnerungen ehemaliger Schüler und Lehrer, Fotos, Dokumente und auch die beiden Festschriften ausgewertet, die zum 50-jährigen Bestehen der Bildungseinrichtung 1910 und zum 75-Jährigen 1935 erschienen sind.

Gudrun Wurzler hofft, den Gesamtabschluss der Arbeiten noch vor ihrer Pensionierung mitfeiern zu können. In der von ihr geleiteten Schule lernen rund 330 Kinder, davon 15 Prozent mit Migrationshintergrund. Besonders gepflegt werden in der Ganztagsschule die Musen. Sie besitzt ein Ballett, ein Orchester, einen Chor, eine Theater- und Musicalgruppe und neuerdings auch eine Gitarrenklasse. Mit der Deutschen Oper Berlin besteht ein Kooperationsvertrag. Es gibt Sportgruppen im Fechten, im Judo und Hockey. Als Fremdsprachen werden Englisch, Französisch und Italienisch gelehrt. Als einzige Schule in Brandenburg hat die Dortuschule eine Schulkleidung eingeführt.

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