Kritik in den USA an Babelsberger Hiroshima-Denkmal
Zeitung aus Boston: US-Präsident Harry S. Truman nicht einseitig bewerten / Einweihung am 25. Juli (25.02.10)
Von Guido Berg
Babelsberg - Amerika schaut auf diese Stadt: Potsdam liefert den Anlass für eine neue Debatte über die historische Einordnung des ehemaligen US-Präsidenten Harry S. Truman (1884-1972) und den von ihm angeordneten Abwurf von Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Monate vor der Einweihung eines Hiroshima-Denkmals in Babelsberg erschien jetzt in der renommierten nicht-religiösen Bostoner Tageszeitung „Christian Science Monitor“ ein Artikel von Robert Marquand mit der Überschrift „Is Hiroshima memorial a fair legacy for Harry Truman?“ – Ist das Hiroshima-Denkmal ein faires Vermächtnis für Harry Truman?
Tenor des Artikels: Truman könne nicht allein auf seinen in Potsdam gegebenen Befehl zum Abwurf der Atombombe auf Hiroshima reduziert werden. Der US-Präsident der Jahre 1945 bis 1953 stehe auch für die Berliner Luftbrücke, für den Marshallplan zum Wiederaufbau Westdeutschlands und auch dafür, dass die Vereinigten Nationen ihren Hauptsitz in New York nahmen. Auch habe Truman sich nach 1945 gegen Bestrebungen gewandt, Deutschland in ein Agrarland zurückzuentwickeln. Robert Mackay, Gründer der „Freunde des Truman-Hauses“, nennt das Denkmal dem Artikel zufolge eine „bad idea“, eine schlechte Idee.
Stein des Anstoßes liefert der Verein Hiroshima-Platz Potsdam e.V., der die Installation eines Hiroshima-Denkmals auf dem gleichnamigen Platz in Babelsberg vorbereitet. Am 25. Juli dieses Jahres soll es laut Vereinschef Uwe Fröhlich (Bündnisgrüne) eingeweiht werden. An diesem Tag vor 65 Jahren gab Truman den Befehl zum Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945. Die auf den Namen „Little Boy“, kleiner Junge, getaufte Uran-235-Bombe tötete bis zu 90 000 Menschen sofort. Motiv für den Ort des Hiroshima-Denkmals: Truman gab sein Okay für die Bombe von Potsdam aus, wo er sich vom 16. Juli bis zum 2. August 1945 aufhielt, um an der Potsdamer Konferenz der Siegermächte teilzunehmen. Uwe Fröhlich: Am 25. Juli 1945 bestätigte Truman im „Little White House“ – damals die Villa Müller-Grote, Kaiserstraße 2 – den aus Washington kommenden, von Militärs verfassten Befehl zum Atombombenabwurf. „Die Manhattan-Leute wollten es schriftlich“, erläutert Fröhlich, von Potsdam aus sei ein Telex nach Washington geschickt worden.
Das Manhattan-Projekt zum Bau der Bombe wurde durch deutsche Anstrengungen zum Atombombenbau ausgelöst. Die USA begründeten den Abwurf auf Hiroshima und später auf Nagasaki mit einer dadurch erfolgten schnellen Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg, wodurch den US-Soldaten eine verlustreiche Invasion erspart blieb.
Das Hiroshima-Denkmal auf dem Platz gegenüber der Truman-Villa, heute Karl-Marx-Straße 2, soll laut Fröhlich aus drei Steinen bestehen. Ende April werde je ein Stein aus Hiroshima und Nagasaki in Potsdam eintreffen und an den Oberbürgermeister übergeben. Der Stein aus Hiroshima war zurzeit des Abwurfs in einem Straßenbahngleis verlegt; der aus Nagasaki stammt aus dem zerstörten Shinto-Schrein. Die 100 Kilogramm schweren Steine werden in einem Glaskasten unter der Erde gezeigt. Ein dritter mehrere Tonnen schwerer Stein soll oberirdisch auf den Gedenkort aufmerksam machen. Er trifft im Juni aus Norwegen kommend in Potsdam ein. 50 bis 60000 Euro wird das Denkmal kosten, schätzt Fröhlich. 16 000 Euro habe der Verein erst zusammen. Fröhlich: Zur Einweihung sei der japanische Botschafter eingeladen – und auch der amerikanische. Schließlich setze sich US-Präsident Barack Obama für die Abschaffung von Atomwaffen ein.
Kommentare
Ich meine, es soll doch wohl keine Truman-Gedenkstätte werden, sondern ein Mahnmal gegen Atomwaffen.
Reinhard Herman (26.02.2010)Uns als Deutschen steht es überhaupt nicht zu die Amerikaner in dieser Sache zu kritisieren. Die beiden Bomben haben,so grotesk es auch klingen mag,viele Leben gerettet.Den Amerikanern wurde es erspart, eine sehr verlustreiche Landinvasion zu starten ,die viele hunderttausend Leben gekostet hätte. Eine Woche später lenkten die Japaner ein und kapitulierten.
York Müller (26.02.2010)Ich denke schon, dass der Abwurf von Atombomben kritisiert werden darf. Und es ist ja nicht so, dass die Verluste gering waren - es waren eben Zivilisten.
Rita Helbig (26.02.2010)Die Mahnung gilt doch nicht allein den Amerikanern sondern allen, die den Einsatz von Atomwaffen in Erwägung ziehen.
Sind den US-Eliten Jubel-Akte von einst (siehe z.B. die damaligen Wochenschauen) heute tatsächlich peinlich ? Das spräche für einen Entwicklungsgang, der stattgefunden hat. Oder will man einfach nur das seit 1949 typische Spiel mit der Weltöffentlichkeit, Wohltaten (oder scheinbare Wohltaten) großspurig und permanent herauszuposaunen und offenkundige Missetaten schnell dem Vergessen anheim fallen zu lassen, beibehalten ??
Dr.Bernd-R.Paulke (26.02.2010)Ich denke, Letzteres ist der Fall. Ich würde auch überhaupt nicht - wie Guido Berg - allein den Atombomben-Abwurfbefehl der Negativseite von H.Truman zuordnen. Aus meiner Sicht gehört die Luftbrücken-Show, im Kontext mit dem Plan zur wirtschaftlichen Spaltung Deutschlands mittels der DM-Einführung im Westen, auch dorthin. Und selbst der stets so gerühmte Marshallplan gehörte zum US-Anliegen, die Rote Armee möglichst rasch aus Mitteleuropa zurückzudrängen. Sie nannten ihre Strategie 'roll back' und investierten Milliarden.
(s. Tim Weiner, "CIA - die ganze Geschichte")
So, damit hat Harry S.Truman wieder eine einheitliche Gestalt und ein einheitliches Auftreten. Ganz so, wie das in der Geschichte schließlich auch tatsächlich war. Und nicht so, wie es Westmedien seitdem meinungsmanipulativ zu 'korrigieren' versuchen.
Ich bin sehr dafür, dass dieses Hiroshima-Denkmal nach Potsdam-Babelsberg kommt. Damit wird ein authentischer Ort gekennzeichnet, der mit dem ungeheuren, schrecklichen Geschehen auf der anderen Erdhalbkugel in Beziehung stand.
Wir Ostdeutschen haben m.E. noch mehr Grund, das Gedenken an Hiroshima und Nagasaki wachzuhalten. Wenn man sich für die Geschichte des 20.Jahrhunderts interessiert und sich dabei die Geschehnisse, Abläufe und die Dynamik des 2.Weltkrieges immer wieder vor Augen geführt hat, dann kommt man in diesem Kontext auf Folgendes: Im Mai 1945 war in Mitteleuropa der Krieg zu Ende. Das ging weniger auf die Westalliierten zurück, die nach Stalingrad noch fast anderthalb Jahre brauchten, um wirklich eine 2.Front gegen Hitler in Europa aufzubauen. Vor allem resultierte das aus dem opferreichen Vormarsch der Roten Armee von der Wolga bis zur Oder. Und jetzt der entscheidendec Punkt: Wäre im August 1945 in Mitteleuropa noch Krieg gewesen und die alliierten Truppen hätten noch weit genug von Berlin und Dresden entfernt gestanden, dann hätte ohne Frage aus Berlin Hiroshima und aus Dresden Nagasaki werden können.
Und daher ist es gut, dass so ein Denkmal in Babelsberg stehen wird.
P.S. 'Little Boy' - einen derartig abstoßenden, inhumanen Zynismus darf und muss einfach jeder Menschen kritisieren dürfen und tatsächlich auch kritisieren. An so einer Stelle wirkt auf mich jegliche Zurückhaltung äußerst befremdlich.
Der Abwurf (das testen) der ersten Atombombe im II. Weltkrieg war eine Katastrophe, die es auch heute noch zu beklagen gilt.
Zeitzeuge (26.02.2010)Nachdem die Bombe, unter Hilfe von deutschem 'know how', entwickelt worden war, wollten die Besitzer dieser furchtbaren Waffe eine Möglichkeit finden, diese "auszuprobieren", um sich von deren Wirksamkeit zu überzeugen.
Zu dem Erfolg der Weltgeschichte nach 1945 gehört deshalb auch, dass es die bittere Erfahrung dieses ersten Atombombenabwurfes war, zu verinnerlichen, dass diese Waffe doch kein anwendbares Mittel des Krieges sein könne, sondern nur noch als politische Waffe (mit dem Ziel der Kriegsverhinderung, wie im 'Kalten Krieg' praktiziert) taugte.
Zum Glück der Mitteleuropäer geschah diese erste Anwendung jedoch in Asien, und traf zwei japanische Großstädte.
Wäre der Krieg um Deutschland, nach der Landung der Alliierten in der Normandie, für diese nicht so erfolgreich gelaufen, wie dies nach 1944 geschehen ist, dann wäre, aus Sicht der Amerikaner, wohl Deutschland eines der möglichen Ziele gewesen, um die Atom-Bombe zu testen.
Dies wäre eher im Westen des damaligen Deutschlands geschehen, denn die Amerikaner wußten, dass im Osten die Konzentrationslager lagen, deren unschuldige Gefangene nicht gefährdet werden durften.
Wenn nicht Hiroshima und Nagasaki als Ziele ausgesucht worden wären, dann müßte man heute vielleicht Gedenksteine aus den zerstörten Domen von Köln, Worms und Speyer, sowie von den Felsen der Loreley, den unterfränkischen Sandsteinbergen und den Steinformationen des Pfälzer-Waldes als Gedenksteine betrauern.
Wir Deutsche hatten Glück gehabt, dass der Krieg, nach Niederlagen an allen Fronten, relativ rasch zu Ende ging. Amerika - durch viele Einwanderer verwandschaftlich mit diesem Land verwoben - war bereit, trotz aller deutscher Kriegsgräuel, dieses Deutschland zu schonen.
Und Amerika hat schließlich dieses Land wieder aufgebaut.
Das alles darf man nicht vergessen, wenn man sich in Potsdam einem Erinnerungskult hingibt.
Die Atombombe war nach dem ersten Entschluss sie einzusetzen, k e i n anwendbares Mittel des Krieges mehr gewesen, sondern hatte verhindert, dass es zum Atomkrieg kam.
Ist das ganze Salbadern nicht überflüssig? Es geht doch nur kurz und knapp darum, ob die Gedenkstätte gegen Atomwaffen erstellt wird oder heutige Amerikaner dies verhindern könnten, weil es ihnen nicht gefällt.
wirklicher Zeitzeuge (27.02.2010)HIROSHIMA UND NAGASAKI SIND HEUTE MAHNMALE GEGEN KRIEG UND BARBAREI
Jörn Dargel,stadplaner,berlin/potsdam (im hs.einstein-forum + moses mendelsohn centrum) (27.02.2010)Ich finde das Denk-mal gehört gerade zur Truman Villa eben als Bespiel der Ambivalenz der Weltgeschichte und der Einzigartigkeit dieser Spielart der unmenschlichen Barbarei.
Ich hätte auch nichts dagegen, wenn man im Hause die positiven Verdienste
des einstigen 'warlords' und Us-Präsidenten Harry Truman für den deutschen Wiederaufbau angemessen würdigte.
Diese ganze Diskussion ist doch sehr abgehoben und zynisch:
M. Braun (27.02.2010)Einem Kriegsopfer ist es ziemlich egal, ob Schmerz und Tod von einer Atombombe oder von einer Tretmine oder von einer Kugel oder einem Bajonett herrühren. Scheinbar ist hier die eigene Angst vor einer Atombombe größer als das Mitgefühl für die eigentlichen Opfer.
Was soll dieses Denkmal bezwecken, dass sich aus der Riesenbarbarei durch Teile der Menschheit an Teilen der Menschheit dieses singuläre Ereignis herausgreift, während weltweit Jahr für Jahr immer neue zivile Opfer zu beklagen sind? Wo bleibt das wirkliche Mitgefühl mit den zivilen Opfern?
Wahrscheinlich wäre es ein ambivalenter Segen für Deutschland, Europa und den Rest der Welt gewesen, wenn bereits 1939 eine Atombombe auf das Führerhauptquartier und den halben Machtapparat gefallen wäre - es hätte hunderttausende unschuldige Opfer bedeutet, aber ca. 40 Millionen andere Europäer vor dem Tod bewahrt.
Ihr Potsdamer, warum setzt Ihr Euch nicht lieber gegen die anhaltende menschliche Barbarei und auch für die Wiedergutmachung entstandenen Leids ein, statt eine neue "Sehenswürdigkeit" mit Allein-Bezug auf die zerstörerischste aller Waffen zu konstruieren, weil Truman möglicherweise in diesem Babelsberger Haus ein Dokument unterschrieben hat? "In der Hoffnung auf eine atomwaffenfreie Welt." ist in meinen Augen nicht genug, zumal der ganze Text auf der vom Verein angedachten Gedenktafel den historischen Zusammenhang, der zur tragischen Entscheidung führte, komplett ausser Acht lässt ....
Mein Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Hinterbliebenen - egal, ob es ein einzelnes Opfer oder Tausende oder Hunderttausende oder Millionen sind. Der Schmerz des Einzelnen lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken - und auch nicht in Denkmälern.