Die Bollhagen-Frage

Ob das Museum nach Potsdam oder Velten kommt, hat mit der Rolle der Keramikerin in NS-Zeit zu tun (04.02.10)

Von Alexander Fröhlich und Sabine Schicketanz

Potsdam/Velten – Die Landeshauptstadt oder die märkische Ofen-Kommune? Seit Tagen ist vor und hinter den Kulissen ein Tauziehen im Gange, wo das künftige Hedwig-Bollhagen-Museum seinen Standort haben soll. Potsdam galt als gesetzt. Bislang blieb unklar, warum plötzlich Velten überhaupt ins Rennen kam und sogar ernsthafte Chancen hat. Nun nähren PNN-Recherchen den Verdacht, dass es bei der Standortentscheidung auch um die Frage geht, ob und wie kritisch die Rolle der berühmten Keramikerin während der NS-Zeit dargestellt wird.
Die „Ofen-Stadt“ Velten liegt wenige Kilometer entfernt von Bollhagens Wirkungsstätte, dem Ort Marwitz, und beherbergt bereits ein Ofen- und Keramikmuseum. Den Ausschlag für Velten könnte aber vor allem die Ausstellungskonzeption geben. Veltens Bürgermeisterin Ines Hübner (SPD) hat laut Medienberichten gesagt, eine Bollhagen-Schau in Velten werde „Bollhagens Rolle beim Kauf ihrer Firma zu Nazi-Zeiten nicht beleuchten“. Dies schwächte Hübner gestern auf PNN-Anfrage ab. Sie sehe vor allem inhaltlich, also wegen des Ofenmuseums und der Nähe zu den HB-Werkstätten, „sehr gute Chancen“ für ein Museum in ihrer Stadt. Dabei solle „das künstlerische Werk“ Bollhagens im Vordergrund stehen. Potsdam dagegen bleibt bei seiner Haltung, wonach die NS-Zeit in einer Bollhagen-Schau deutlich präsent sein müsse. „Ich führe keine Diskussion darüber, ob Bollhagens Rolle in der NS-Zeit Gegenstand der Ausstellung sein muss“, sagte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Dies sei eine Notwendigkeit. Für kommende Woche hat er die Beteiligten zum Gespräch gebeten.
Unter Jakobs hatte die Stadt vor zwei Jahren entschieden, Bollhagens Vergangenheit aufzuarbeiten, und damit das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) beauftragt. Die Politologin Dr. Simone Ladwig-Winters hatte im Auftrag des ZZF eine Studie erarbeitet, die zu dem Schluss kam, dass Bollhagen „Nutznießerin“ des Systems und der Kauf der Marwitzer „HB-Werkstätten“ von der jüdischen Vorbesitzerin Margarete Heymann-Loebenstein ein Fall von „Arisierung“ gewesen sei (siehe Kasten).
Für Ladwig-Winters ist eine Darstellung der Ergebnisse ihrer Studie in einer Bollhagen-Ausstellung „wünschenswert“, sagte die Wissenschaftlerin auf PNN-Anfrage. Bereits bei der Arbeit an der Studie habe sie den Eindruck gewonnen, dass die „Positionen ziemlich festgemeißelt“ seien. Nach Veröffentlichung der Studie habe es von den Bollmann-Erben oder der Bollmann-Stiftung „kein Interesse an Kommunikation“ gegeben, so Ladwig-Winters. Dies sei ungewöhnlich und habe sie „gewundert“. Auch das ZZF sei nicht um eine Begleitung bei der Konzeption der Ausstellung gebeten worden, sagte Irmgard Zündorf, Referentin für Wissenstransfer im ZZF, gestern auf Anfrage. Die „Macher“ der Schau hätten anfangs eine „rein künstlerische“ Ausstellung erstellen und politische Bereiche ausklammern wollen, so Zündorf. Die öffentliche Debatte hätte aber schnell gezeigt, dass dies nicht möglich sein werde. Es habe auch keine „Überlegungen gegeben, die Studie zu ignorieren“.
Erbost reagierte gestern Silke Resch, Bollhagens Nichte und Verwalterin des Nachlasses, auf die aktuelle Debatte. Wie die in Hannover, dem Geburtsort Bollhagens, lebende Erbin den PNN sagte, habe es bei den Gesprächen zwischen dem Potsdamer Rathaus und der Bollhagen-Stiftung, die unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz geführt wird, keine Differenzen zur museale Darstellung der Keramikerin in der NS-Zeit gegeben. „Es gibt keinen Dissenz“, erklärte Resch. „Durch das Gutachten ist alles geklärt.“ Noch im Jahr 2003 – bevor bekannt geworden war, dass Bollhagen von der Arisierung der Hael-Werkstätten der Jüdin Heymann-Loebenstein im Jahr 1934 profitierte – hatte Resch weitreichende Pläne verkündet. Den Nachlass der 2001 verstorbenen Bollhagen wollte sie Brandenburg überlassen, dazu sollte es eine dauerhafte Präsentation in Potsdam geben. Befeuert wurde die Pläne durch eine große Aufmerksamkeit für Bollhagen, nachdem im Jahr 2001 die Trauerfeier für die Keramikerin fast staatstragend in der Friedenskirche abgehalten wurde. Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) hatte damals die Trauerrede gehalten. Die Potsdamer Stadtverordneten hatten 2007 beschlossen, den Nachlass Bollhagens dauerhaft in Potsdam auszustellen.
„Bollhagen wurde nach 1990 zur Identitätsfigur hochstilisiert – für die Mitläufer der verschiedenen Systeme“, sagte die britischen Wissenschaftlerin Ursula Hudson gestern den PNN. Sie hatte die Debatte um das Verhalten Bollhagens im Dritten Reich durch ihrer Recherchen zu der nach Großbritannien geflohenen Margarete Heymann-Loebenstein ins Rollen gebracht. Hudson sprach sich gestern gegen ein Museum für Bollhagen in Potsdam aus – Velten sei „der richtige Standort“. Dort gebe es bereits eine umfangreiche Bollhagen-Sammlung, auch habe das Museum eine Ausstellung zur Hael-Keramik gezeigt, bei der die NS-Geschichte beleuchtet worden sei. Auch die Politologin Ladwig-Winters betonte, dass sie dem Ofen- und Keramikmuseum eine differenzierte Ausstellung zutrauen würde.

Kommentare

  • Potsdam und Velten sollten Orte mit Erinnerungsstätten an die Keramikkünstlerin Hedwig Bollhagen sein: in der Landeshauptstadt Potsdam
    ein Museum vor allem zum Anschauen Ihrer Werke sowie aller Facetten, einer typisch deutschen Biographie.
    In Velten die authentischen Werke und Produktionsstätten.
    Wo ist das Problem ?

    Jörn Dargel, Stadtplaner, Berlin/Potsdam (05.02.2010)
  • Gute Idee, nach Velten... Das passt zur geamten Förderpolitik Schwimmbäder, Museen und ähnliches in Regionen zu bauen, wo kaum Menschen leben... sehr sinnvoll!

    Potsdamer (05.02.2010)
  • Wenn die Erben ein Problem damit haben, dass die Biografie hinsichtlich der Rolle Bollhagens in der NS-Zeit in Potsdam kritisch beleuchtet wird, kann es hier halt keine Bollhagenausstellung geben. Dass ausgerechnet die Linke mit Frau Tack an der Spitze da gleich den immer zur Schau getragenen Antifaschismus hinten runter fallen lässt, wenn es gegen den OB zu schießen gilt, zeigt mal wieder deren wahren Geist in Potsdam.

    Wahrsager (05.02.2010)
  • Wie sieht denn der 'wahre Geist von Potsdam' aus ? Wie ist er denn so, und wo findet man ihn ?

    Der alte Geist der Kriegsschule auf dem Brauhausberg, der Geist des preußischen Militarismus und der permanenten Expansionsgelüste zu Lasten unserer europäischen Nachbarvölker, der Geist des kaiserteuen Kadavergehorsams, der war 45 Jahre lang aus Potsdam vertrieben. Wir bodenständigen Nachkriegs-Potsdamer haben ihn nicht vermisst. Wirklich nicht.

    Nach der Wende ist er nun irgendwie spürbar zurückgekehrt. Das Einrücken der Riege Kapuste - Schönbohm & Co. in unsere Stadt hat mit Sicherheit dazu beigetragen. Sie trugen ihn zwar nicht offen vor sich her, aber er war unverkennbar wieder da. Genauso, wie die vielen kriegerischen Symbole, künstlerisch in Formen gegossen, wie z.B. die Raubkatzen an der Baumgartenbrücke oder der Beute schlagende Adler in der Eichener Bundeswehr-Kaserne. (Mit diesen, netten Accessoires einer kriegsbestimmten Weltanschauung wurde unverkennbar bei Generationen von Rekruten die Hemmschwelle gesenkt, Schwächere mit Waffengewalt zu überfallen.)

    Die Beschäftigung mit den vielen, authentischen Zeitzeugen-Berichten zum Thema Potsdam ab 1990 hat bei mir zu der erschreckenden Erkenntnis geführt, in welch' starkem Maße 'mein Potsdam' doch über die Zeitspanne von 200 Jahren eine Stadt des Krieges (in Vorbereitung + Ausführung) gewesen ist. Von Potsdam aus wurde der 7-jährige Krieg begonnen, wurden die schlesischen Kriege geführt. .... Am 1.August 1914 untzerzeichnete der letzte Kaiser die Kriegserklärung zum 1.Weltkrieg im Neuen Palais von Sanssouci. -- Das sind bedrückende Fakten, die keinesfalls verklärt werden dürfen. Dies jedenfalls ist aus meiner Sicht der Geist von Potsdam, den es im Zaume zu halten gilt.

    Über 200 - 250 Jahre war also der Geist des Militärs, des Militarismus und des Krieges in unserer Stadt der bestimmende. Das lässt sich heute nicht mehr ändern, man kann nur auf die Reflexionen dessen Einfluss zu nehmen versuchen (wie hier jetzt).

    Es gab aber in Potsdam m.E. auch über längere Zeit einen anders ausgerichteten Geist. Den Geist z.B. von Max Dortu, gespeist u.a. durch das Leben in der Weber-Kolonie Nowawes. Das führt in beinahe gerader Linie weiter zu Karl-Liebknecht und Hans Otto. Karl-Liebknecht - der rote Advokat, der zweimal den 'Kaiser-Wahlkreis' gewann und im Reichstag als Einziger gegen die Kriegskredite stimmte. (Wären es nur mehr gewesen ....)

    Ich denke, wir dürfen davon ausgehen, dass vom letztgenannten Geist von Potsdam auch in Frau Tack noch etwas weiterwirkt, - auch wenn das mundartlich nicht erkennbar ist. Aber dass dieser Geist hier und heute (in Potsdam) noch da ist, das ist doch wohl gut so.

    Dr.Bernd-R.Paulke (05.02.2010)
  • Wenn Dr. Paulke von "bodenständigen Nachkriegspotsdamern" schreibt, dann sind damit doch hoffentlich nicht die vielen "staatsnahen" zuverlässigen Parteimitglieder gemeint, welche der SED-Staat nach 1945 aus allen Teilen, aber vorwiegend aus Sachsen, in die Bezirkshauptstadt Potsdam versetzt hatte.
    Diese Nachkriegspotsdamer, welche in Pateihochschulen, in Militär und Grenztruppen ihr Wesen trieben haben ein sozialistisch geprägtes rotes Potsdam geschaffen, welches vor allem kulturlos war und nur vordergründig pazifistisch erscheint.
    Die Auswirkungen dieses unseligen Einflusses der SED nach 1945 sind ja bis heute in Potsdam leidvoll zu spüren und müssen im Stadtbild und in der Gesellschaft mühsam abgebaut werden.
    Da sind mir die echten Potsdamer mit ihrem Verständnis für kulturelle Werte und in der Tradition preußischer Tugenden lebend doch lieber.
    Der Faschismus in Deutschland, der überall sonst richtigerweise National-Sozialismus genannt wird, hat mit dem aufgeklärten und toleranten Staat Preußen nichts gemein. Das sollte an dieser Stelle auch einmal wieder gesagt werden.

    Ein Brandenburg-Preuße (05.02.2010)
  • Die Attraktivität für Besucher der Keramikwerkstätten in Velten sind selbige einschließlich der Öfen.
    Da muß überhaupt nix gebaut werden, das wäre nur Geldverschwendung - um Mißverständnis 1 auszuräumen.
    Jede einer typisch deutschen Bio-graphie in allen Facetten schließt selbstverständlich die 30er,40er,50er bis 90er Jahre mit ein. Inzwischen wissen doch wohl alle, daß Hedwig Bollhagen mit Sicherheit keine Widerstandskämpferin gegen den NS war. Sie hat auch keine Liste wie Schindler geführt oder unter dem Vorwand kriegswichtiger Produktion
    Mitatbeiter geschützt wie Julius Leber das tat.
    Aber sie hat als Keramikkünstlerin der Moderne weltweite Anerkennung erhalten - und ist dennoch auf dem
    Teppich geblieben. Und das in einem
    traditionell militaristisch durchsetzten Potsdamer Umfeld wie Leser Paulke uns oben mit Recht vor
    Augen führt.Also bitte die 'Kirche im
    Dorf' lassen und NS-Facette ebenso-wenig wie die DDR-Facette über-strapazieren wie in dem Artikel. Wer so etwas tut, von dem hätten wir zugern gewußt, wie er sich in der konkreten Situation verhalten hätte, wenn auf die Probe gestellt!Hier moralisch den Finger heben zu wollen,
    hat eine fatal totalitäre Attitüde -
    wie sähe denn dann die moralische Verurteilung eines Spitzels a la Ex-IM "Hans-Jürgen" aus ?
    Ein anderes Beispiel: Karl-Friedrich Schinkel, als genialer Baumeister des deutschen Klassizismus - und eben darum auch gefeierter Künstler wie Bollhagen in ihrer Zeit- heute ein Mythos,dem man deshalb Mißratenes nicht vorhält - wie z.B. die absolut deplazierte, monströse und völlig überdimensionierte Nikolaikirche als " klerikale Herrschafts-architektur" , die er in der historischen Potsdamer Mitte als 'foot-prints'("= Leitbau"(?)) in seiner Allmacht als Genehmigungsinstanz als schwerver-daulichen städtebaulichen Fremdkörper uns hinterlassen hat. Es ist historisch belegt, daß Schinkel bei allen Verdiensten eben andererseits auch kein 'behutsamer Stadterneuerer' war. - im persönlichen Umgang wird ihm von Zeitgenossen attestiert, daß er ein ziemliches "Scheusal" war ! Und dennoch ehrt die Nachwelt eben zugleich das Denkmal Schinkel, seine positive Seite betreffend.
    mittels den Mitmenschen wird

    Für Velten reichen die Öfen u. Werkstätten (06.02.2010)
  • Für Velten reichen die Öfen und die Werkstätten

    Jörn Dargel, Stadtplaner, Berlin/Potsdam II Nachtrag (06.02.2010)