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  • 23.01.2010
  • von Henri Kramer

Links und rechts der Langen Brücke: In demokratischer Kultur

von Henri Kramer

Henri Kramer über die Zweifel an „Freiland“ – und warum das Votum der Stadtpolitik für das Jugendkultur-Zentrum trotzdem gerechtfertigt ist

Die nächste Jugendkultur-Pleite in Potsdam wird den Namen „Freiland“ tragen – so unken die Kritiker des umstrittenen Vorhabens. Denn obwohl in der Stadtverordnetenversammlung eine Mehrheit für das neue Jugendzentrum in der Friedrich-Engels-Straße als sicher gilt, lassen sich noch viele Zweifel an dem Projekt finden.

Das fängt damit an, dass der neue Standort für den Spartacus e.V. und andere Jugendprojekte zum größten Teil über die Stadtwerke bezahlt wird, deren Etat so einmal mehr – siehe Ausbau des Stadtkanals – zum Schattenhaushalt für Potsdam wird. Stadtwerke-Chef Peter Paffhausen erhält damit die Rolle eines Geldgebers, der so immer auch Druckmittel gegen die Stadtpolitik besitzt, die sein kommunales Unternehmen eigentlich kontrollieren soll. Fragwürdig ist auch der Umstand, dass am Donnerstag der voraussichtliche „Freiland“-Betreiber Dirk Harder im Jugendhilfeausschuss für sein Projekt mitstimmen durfte. Und natürlich lässt sich am Bedarf für neue Jugendkultur-Räume auch zweifeln, wenn man an manche schlecht besuchte Veranstaltung im „Lindenpark“ oder im „Waschhaus“ zurückdenkt.

Doch gerade der Vergleich mit diesen (alt-)etablierten Jugend-Einrichtungen greift zu kurz. Denn „Freiland“ soll gerade anders sein, einen innovativen Ansatz von Soziokultur bieten, bei dem Jugendliche aktiv mitmachen sollen. Der Spartacus e.V. hat bereits an seinem früheren Standort in der Schlossstraße bewiesen, dass dieses Konzept aufgehen kann. Deshalb ist das mehrheitliche Vertrauen der Stadtpolitik in eine Zukunft für „Freiland“ gerechtfertigt. Außerdem ist das Projekt ein wichtiges Signal an all jene, die sich in den vergangenen Jahren – in denen Potsdam wuchs und gedieh und immer schicker wurde – in der Stadtentwicklung nicht mehr wiederfinden konnten. Ihr Ruf nach alternativen „Freiräumen“ in Innenstadtnähe, unterlegt mit mehreren großen Demonstrationen, hat fast zwei Jahre lang wesentlich die Agenda der Stadtpolitik bestimmt. Insofern war die Kompromisssuche für „Freiland“ eine genutzte Chance, eine weitere Spaltung der Stadt zu verhindern. Nicht zuletzt ist die Entscheidung ein Gewinn für Potsdams demokratische Kultur, bei dem Dutzende engagierte Jugendliche über Monate hinweg den langen Weg durch Fachausschüsse und Diskussionen gegangen sind. Gerade junge Menschen in Potsdam haben so erfahren, wie Politik funktionieren kann – dieser Gewinn ist mit Geld nicht zu bezahlen. Angesichts dessen ist auch der mögliche Verlust bei einer „Freiland“-Pleite mit mehreren hunderttausend Euro noch überschaubar – und das Stadtwerke-Grundstück ließe sich immer noch verkaufen.

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