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  • 15.08.2009
  • von Von Jana Haase

Von Jana Haase: Ende eines Lebenstraums

von Von Jana Haase

Konkurrentinnen. Die Hauptrollen im Drama „Berlin ’36“ spielen HFF-Absolvent Sebastian Urzendowsky und Karoline Herfurth (v.l.). Kinostart ist am 10. September. Foto: promo

Der Film „Berlin ’36“ erzählt vom Schicksal einer jüdischen Sportlerin und dem Geheimnis ihrer Konkurrentin

Jahrelang hat sie Kampfrichter, Trainer, Teamkolleginnen und sogar Ärzte getäuscht und mit ihren Rekordsprüngen Titel um Titel abgeräumt. Dann endet die Karriere von Dora Ratjen abrupt, 1938, auf dem Bahnhof von Magdeburg: Auf der Rückreise von der EM in Wien sind Passagiere aufmerksam geworden, als sie im Gesicht der frisch gekürten Hochsprung-Europameisterin Bartstoppeln entdeckten. Auf dem Bahnhof wird die junge Frau von Polizisten aus dem Zug geholt, die ihr Geheimnis schnell lüften: Dora Ratjen ist ein Mann.

Was ihn dazu brachte, sich als Frau auszugeben und die Maskerade auf der Höhe des sportlichen Erfolges aufzugeben, ist auch für den Potsdamer Sporthistoriker Berno Bahro ein Rätsel. Steckten die Nazis dahinter, die Ratjen 1936 gegen die jüdische Konkurrentin Gretel Bergmann in Stellung bringen wollten, um den Olympia-Antritt der Jüdin zu verhindern? So jedenfalls erzählt es der Film „Berlin ’36“, der in der kommenden Woche in Berlin Premiere feiert. In den Hauptrollen der X-Filme-Produktion sind Karoline Herfurth („Das Parfüm“) als Gretel Bergmann und HFF-Absolvent Sebastian Urzendowsky als ihre „Konkurrentin“ zu sehen. Regisseur Kaspar Heidelbach („Das Wunder von Lengede“) erzählt „die wahre Geschichte einer Siegerin“, wie der Untertitel des Films verspricht. Berno Bahro schrieb gemeinsam mit seiner Kollegin Jutta Braun von der Universität Potsdam das Buch zum Film.

Berufsgemäß ist der Wissenschaftler mit Deutungen zum Schicksal von Gretel Bergmann und Dora Ratjen jedoch vorsichtiger als es Drehbuchschreiber Lothar Kurzawa sein durfte. Während die Geschichte von Gretel Bergmann gut bekannt ist – Bahro und Braun haben sie auch für die Ausstellung „Vergessene Rekorde“ über jüdische Leichtathletinnen dokumentiert, die momentan im Centrum Judaicum der Neuen Synagoge Berlin in der Oranienburger Straße zu sehen ist –, bleiben bei Dora Ratjen viele Leerstellen. Doch selbst die wenigen Fakten lesen sich nicht nur wie ein Krimi, sondern sind auch Lehrstück zur Sportpolitik im „Dritten Reich“ – und in internationalen Sportgremien dieser Zeit.

Denn dass mit Gretel Bergmann überhaupt eine Jüdin an den Vorbereitungen zur Berliner Olympiade teilnahm, ist ausgerechnet der Ignoranz des damaligen Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zu verdanken, erklärt Bahro. Der Sporthistoriker spricht sogar von der „profaschistischen Periode des IOC“: Um der US-Boykottbewegung gegen die Spiele in Nazideutschland den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat das amerikanische IOC-Mitglied Charles H. Sherill den deutschen Funktionären zur Nominierung von „Alibi-Juden“ geraten.

Bergmann wurde dafür sogar aus dem englischen Exil zurückgeholt. Tatsächlich war sie nämlich schon 1933 aus ihrem Ulmer Sportverein geflogen. In voraus eilendem Gehorsam hatten damals eine ganze Reihe von Sportvereinen und -verbänden „Arierparagrafen“ eingeführt – lange vor den „Nürnberger Gesetzen“, wie Berno Bahro betont: „Das war ein Anbiedern an die Machthaber.“ Dass Bergmann die Einladung nach Deutschland annahm, mag man mit ihrem sportlichen Ehrgeiz erklären: Zwar war sie 1934 englische Meisterin geworden, zur Olympiade hätte sie für die Briten wegen ihres deutschen Passes jedoch nicht fahren können.

Drei Hochspringerinnen gehörten zunächst zur deutschen Auswahl: Neben Bergmann und Elfriede Kaun auch Dora Ratjen. Alle drei sprangen den damaligen deutschen Rekord. Und doch wurde Bergmann nur einen Tag, nachdem das US-Sportteam in See gestochen war und der drohende Boykott endgültig abgewendet war, vom Wettkampf ausgeschlossen: „Sie werden aufgrund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen doch wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben“, heißt es in dem Brief vom Reichssportführer. Es folgt das unverschämte Angebot für eine „Stehplatzkarte“ im Stadion. Kaun und Ratjen erzählt man, Bergmann sei erkrankt.

Dass die Reichssportführung zu diesem Zeitpunkt von Dora Ratjens wahrer Identität wusste, hält Berno Bahro jedoch für unwahrscheinlich. Denn es wäre den Nazi-Oberen ein Leichtes gewesen, den zwei Jahre später aufgeflogenen Betrug zu vertuschen, argumentiert er.

Das jedoch passierte nicht. Nach dem Aufgreifen auf dem Magdeburger Bahnhof werden Ratjen stattdessen alle Titel aberkannt, ein Gerichtsurteil untersagt ihm das Tragen von Frauenkleidern, auch seinen Vornamen muss er ändern. Er benennt sich nach seinem Vater Heinrich und steigt in dessen Bremer Gastwirtschaft ein.

Bis zu seinem Tod im Jahr 2008 äußert Ratjen sich nur einmal zu den Vorfällen: In dem Zeitungsinterview von 1957 gibt er den Nazis die Schuld. Die Hitlerjugend habe ihn gezwungen, drei Jahre als Frau zu leben. Aber diese Geschichte stimmt nicht, meint Berno Bahro: Denn Ratjen war standesamtlich als „Dora“ gemeldet. Also, vermutet Bahro, stecken die Eltern hinter der Maskerade. Mehr Aufschluss verspricht sich der Sportwissenschaftler von den bisher nicht aufgetauchten Wehrmachts-Papieren – Ratjen will am Weltkrieg teilgenommen haben. „Die Anfrage läuft noch“, sagt Berno Bahro.

Am Schicksal von Bergmann, die 1937 in die USA auswanderte, dort heiratete und heute als Margaret Lambert in New York lebt, wird das nichts mehr ändern, das weiß auch der Sporthistoriker: „Sie ist um ihren Lebenstraum gebraucht worden“, sagt er: „Die Chance auf eine Olympia-Medaille.“

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