Teure Sanierung: Bibliothek baut Bücherbestand ab

Umbau der Stadt- und Landesbibliothek um 2,5 Millionen Euro teurer als geplant (23.06.09)

Innenstadt - Der Umbau der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam (SLB) wird teurer als angenommen. Daher versucht die Bibliothek nun, ihren Bücherbestand zu verringern. Ziel ist es, Flächen im Gebäude Am Kanal an andere Nutzer vermieten zu können. Im Vergleich zu Kostenschätzungen aus dem Jahr 2006 liegt der tatsächliche Finanzbedarf um 2,5 Millionen Euro höher, informierten gestern die Sozialbeigeordnete Elona Müller (parteilos) und der Werkleiter des Kommunalen Immobilien Service (KIS), Bernd Richter, in einer Pressekonferenz. Etwa 8,5 Millionen Euro stehen für den im kommenden Jahr beginnenden Umbau zur Verfügung, so Richter. Zusammen mit den Mitteln der Integration der Volkshochschule in das künftige SLB-Gebäude seien es fast zehn Millionen Euro. Das Volkshochschulgebäude in der Dortustraße soll verkauft werden, so der KIS-Chef.
Die „nicht unerhebliche Deckungslücke“, so die Sozialbeigeordnete, sei durch die Mehrwertsteuererhöhung und den allgemeinen Anstieg der Baukosten entstanden. Einem Vorschlag der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PwC) folgend soll aus dem Gesamtbestand von 320 000 Medieneinheiten ein wissenschaftlicher Bestand von 166 000 hauptsächlich Medizin- und Pädagogik-Büchern auf den Prüfstand gestellt werden. Bücher, die nicht mehr gebraucht werden, mehrfach vorliegen oder nicht zum Profil der Bibliothek passen, sollen an andere Bibliotheken ausgelagert werden. Als Beispiel nannte SLB-Direktorin Marion Mattekat das Chirurgie-Lehrbuch von 1980, das ohnehin bereits mehrfach neu aufgelegt wurde. Die Sozialbeigeordnete sagte zu, dass für jedes Buch, das die SLB nicht mehr behalten will, eine neue Obhut gefunden und keines weggeworfen wird. Ziel ist es, so KIS-Chef Richter, vom jetzigen 1500 Quadratmeter großen Magazin Flächen für eine Fremdvermarktung freizubekommen, um so Einnahmen zu erzielen. Auch die derzeitige Bürofläche solle von 1000 auf 500 Quadratmeter verringert werden. Die Freihand-Bibliothek, „das Herz der Bibliothek“, so Elona Müller, soll nicht verringert werden. Die künftige Bibliothek solle gleichsam noch genügend Platzreserven bereithalten, um in den nächsten 20 Jahren jährlich 6000 neue Bücher ins Magazin nehmen zu können.
Gleichsam will die SLB vor dem Umbau den gesamten Bibliotheksbestand elektronisch erfassen und online nutzbar machen. Bislang sind Monika Mattekat zufolge erst ein Drittel des Bestandes erfasst, das sind 93 000 Exemplare, die seit Einführung der Datenverarbeitung 1993 dazukamen. Geprüft werden soll auch die Einführung von Rollregalen, die Platzsparend, aber auch sehr teuer seien.
Die Evaluierung der Bestände soll Richter zufolge im Oktober abgeschlossen sein. Dann werde mit dem Architekten Reiner Becker bauliche Konsequenzen aus der Bestandsreduktion besprochen. Nach Baubeginn 2010 hofft Richter weiterhin auf ein Umbauende 2012. Vorbild für die SLB-Revision ist eine 2007 beschlossene Verkürzung der neuen Feuerwachenhalle in der Holzmarktstraße um insgesamt zehn Meter, was eine Million Euro eingespart habe.
Guido Berg

Kommentare

  • Egal wie es ausgeht - es sollte nur schnell gehen. Die derzeitige Situation ist mher als nur untragbar. Beim Besuch der Bibliothek drohen derzeit mehr als nur schwere Depressionen - man fühlt sich wie 1970 in der "DDR".

    Neupotsdamer (24.06.2009)
  • Weil der Herr Richter mit seinem Liebling Becker nicht rechnen kann, muss die Landeshauptstadt ein Teil seines Kulturgutes abgeben. Wenn es um den Kommerz geht, sollten wir alle öffentliche Einrichtungen vermieten um die nicht unerheblichen Finanzlücken im Land und Stadt zu schließen. Vielleicht fangen wir bei der KIS an! Die paar Aufgaben der KIS kann dann die ProPostam GmbH übernehmen.

    Bürger (24.06.2009)
  • Unfassbar – aber wahr!

    “Teure Sanierung: Bibliothek baut Bücherbestand ab” – so grinste uns die Überschrift eines aktuellen Artikels der PNN entgegen.

    Schon wieder etwas zu teuer – irgendwie ist uns nach einem Déjà-vu.

    Freiland war doch auch zu teuer – oder?

    Aber zur Sache. Da der tatsächliche Finanzbedarf im Vergleich zu Kostenschätzungen aus dem Jahr 2006 liegt um 2,5 Millionen Euro höher liegt als erwartet, soll die Bibliothek nun versuchen ihren Bestand zu verringern.

    Völlig unverständlich ist auch die Haltung der Leiterin Marion Mattekat. Statt die Anregungen über den Bestandsabbau an der einen Stelle offensiv für einen Bestandsaufbau bei gleichbleibender Fläche an anderer Stelle zu fordern, wird freimütig der politischen Entscheidung zugestimmt – wo bleibt der Mut?

    Irgendwie ist es fast zum lachen. Da streiten über 250.000 (nicht nur) junge Menschen für ein besseres Bildungssystem und eine höhere Priorität für Bildung – gerade auch in Sachen Finanzen – und ein paar Tage später fangen genau dort die Einsparungen wieder an.

    Vielleicht nehmen wir einfach ein paar Millionen aus den Mitteln für die Umbaumaßnahmen in der Potsdamer Mitte – schließlich liegt die Bibliothek ja ganz zentral in selbiger?

    Einwände?

    Initiative "Bildung sta(d)t Schloss" (24.06.2009)
  • Gibt es in Potsdam überhaupt noch eine Baustelle, wo man nach einer ach so qualifizierten Planung feststellt, dass Millionen fehlen. Vielleicht sollte man über die Qualifikation der zuständigen Fachleute und Politiker nachdenken.

    Ein Waldstädter (25.06.2009)
  • Meinetwegen kann man den ganzen Ostbestand (also alles was aus der "DDR" stammt) bis auf wenige Exemlare entsorgen. Und schon hat man genug Platz - die Bücher werden doch eh nie ausgeliehen.

    Bücherfreund (25.06.2009)
  • Ein 'Bücherfreund', der den ganzen 'Ostbestand', also den aus der 'DDR', entsorgen will, scheint mir denn doch keiner zu sein.... Wie eigentlich entsorgen ??? Hat er auch darüber nachgedacht ? (Oder lässt er denken ?) Evtl. öffentlich verbrennen, auf einem öffentlichen Platz ? Dann wären wir genau da angekommen, wo wir nie wieder hindürfen.... - Erwin Strittmatter, Christa Wolf, Bruno Apitz, Anna Seghers, Erich Weinert, Bertolt Brecht ..... entsorgen ??? Man hat doch immer wieder den Eindruck, so mancher Neu-Potsdamer möchte irgendwo auf der Zeitachse ansetzen (9.5.45 o.ä.) und die gesamte Zwischenzeit ausblenden. Das nenne ich pure Ignoranz. Die oben genannten Autoren 'entsorgen', das nenne ich unwissend und arrogant. -- In dieser jetzt 20 Jahre wärenden Zwangsehe bleibt einem nichts anderes übrig, als stets und ständig dieselben Attribute zu vergeben. Aber an uns liegt es nicht.

    Dr.Bernd-R.Paulke (25.06.2009)
  • Erwin Strittmatter, Christa Wolf, Bruno Apitz, Anna Seghers, Erich Weinert, Bertolt Brecht.. gern. Aber bitte als Westausgabe mit gutem Papier! Da kann Herr P. in seiner "Datsche" sitzen, der guten Alten Zeit nachtrauen und seine zerbröselnden Ausgaben aus Leipzig studieren - ich muss das nicht haben.

    Bücherfreund (25.06.2009)
  • Ich kann Herrn Paulke nur zustimmen. Den ganzen Ostbestand abbauen - jemand der so etwas fordert, kann kein Bücher bzw. Kulturfreund sein. Auch schlechtes Papier, Altersflecke und auseinanderfallende Bindungen gehören zu unserem Kulturgut Buch (Andernorts gelten Erstausgaben als Rarität/ Antiquität) - und wenn man die Ostbestände nicht mehr in ostdeutschen Bibliotheken findet, wo denn dann? Fachbücher (wie Z.B. das zitierte Chirugiebuch) sind natürlich was anderes. Sonst aber genieße ich auch die "Ostbücher", von denen mir meine Eltern erzählen und die im heimischen Bücherschrank vielleicht nicht zu finden sind. Ich finde die Idee eines geordneten Bestandsabbaus sinnvoll und pfiffig, aber bitte nicht mit Schubladendenken!

    S.Pohlmann (25.06.2009)
  • In dieser jetzt 20 Jahre wärenden Zwangsehe bleibt einem nichts anderes übrig, als stets und ständig dieselben Attribute zu vergeben...

    Während bitte mit "h"!

    Besserwessi (25.06.2009)
  • »Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.« (Heinrich Heine)

    Wie sollen denn 166 000 Bücher an andere Bibliotheken verteilt werden? Welche Bibliothek hat ausreichend Platz um diese Masse aufzunehmen? Wie soll der enorme logistische und personelle Aufwand, den dieser Prozess unzweifelhaft mit sich bringt, finanziert werden? Ist dafür Geld da?
    Letztlich wird es doch darauf hinaus laufen, dass ein Großteil der Bücher entsorgt wird, dies traut sich zum jetzigen Zeitpunkt natürlich niemand öffentlich zu sagen, da das Vernichten von Büchern (also Kulturgut) verpönt ist.

    Allerdings kann heute nicht eingeschätzt werden, welche Bücher in 100 Jahren wertvoll sind. Aber sollte es nicht auch Aufgabe einer Bibliothek sein, Medien zu sammeln, die zukünftigen Generationen Auskunft über das Zeitgeschehen geben?
    Auch das im Artikel beispielhaft genannte Medizin-Buch kann doch 2080 viele dann altertümliche medizinische Kenntnisse belegen. Wäre zu früheren Zeiten so verfahren worden, ständen heute keine historischen Quellen mehr zur Verfügung!

    Wir sind es zukünftigen Generationen schuldig, den Bestand der SLB zu erhalten!

    Bibliophiler (25.06.2009)