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  • 13.07.2018
  • von Anett Kirchner

Besuch im Helmholtz-Zentrum: Wie der Forschungsreaktor in Berlin-Wannsee stillgelegt werden soll

von Anett Kirchner

Vor dem Abschalten. Der blau leuchtende Reaktorkern im Forschungsreaktor wird durch Wasser gekühlt, das zugleich vor der gefährlichen Strahlung schützt. 2019 soll der BER II stillgelegt werden, seine Rolle übernimmt eine Anlage in Schweden. Foto: Bernhard Ludewig

Der Experimentier-Reaktor in Berlin-Wannsee wird stillgelegt. Ein Besuch im Helmholtz-Zentrum.

Berlin/Potsdam - Es klingt, als wenn kurz Luft aus dem Ventil eines Reifens entweicht. Das Schleusentor öffnet sich. Drinnen ist ein Millibar Unterdruck, damit Luft nicht über die Schleuse nach außen dringen kann. Das erklärt das Geräusch. Obwohl Stephan Welzel versichert, dass kein Risiko für Leib und Leben besteht, steigt spürbar der Puls beim Betreten der Reaktorwarte im Helmholtz-Zentrum Berlin in Wannsee. Zuvor gab es mehrere Sicherheitskontrollen. Kein Handy, kein Fotoapparat, nichts aus Metall – bestenfalls nur den Personalausweis mitnehmen. Ein Wachmann begleitet uns, bewaffnet. Noch arbeitet der Berliner Experimentierreaktor BER II, erzeugt Neutronen zur Materialforschung. Kommt es in dem Reaktor zur Katastrophe, müssten auch Tausende Potsdamer evakuiert werden. Aber inzwischen steht fest: Ende 2019 soll er stillgelegt werden.

Für das Helmholtz-Zentrum beginnt damit ein Genehmigungsmarathon, der, wenn es normal läuft, bis mindestens 2023 andauern wird. Jüngste Unterlage ist eine Absichtserklärung darüber, dass die hoch-radioaktiven Brennelemente des Reaktors später in Ahaus in Nordrhein-Westfalen zwischengelagert werden sollen. Der Betreiber vor Ort, die Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ), stelle anschließend die Genehmigungsanträge beim Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit. „Allein dieses Verfahren dürfte mehrere Jahre in Anspruch nehmen“, kündigt Stephan Welzel an. Er ist Reaktorleiter am Helmholtz- Zentrum und Projektleiter für den Rückbau des BER II.

Wie kann das Reaktorbecken zurückgebaut werden?

Ob letzten Endes überhaupt rückgebaut oder ein sogenannter sicherer Einschluss gemacht werde, sei bislang nicht entschieden. „Das wird jetzt abgewogen, diskutiert, im Detail geplant und muss genehmigt werden“, sagt Stephan Welzel. Das Helmholtz-Zentrum favorisiere den Rückbau. Denn unter Nachhaltigkeit verstehe man hier, dass eine Sache zu Ende gebracht werde. „Außerdem haben wir jetzt die Menschen vor Ort, die verstehen, mit der Anlage umzugehen“, erklärt Pressesprecher Hannes Schlender, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit zur Reaktorstilllegung kümmert.

Wichtig sei ihm zudem, mit den Anwohnern aus Wannsee, Potsdam und Umgebung ins Gespräch zu kommen. Sie können Anregungen, Wünsche oder Sorgen einbringen. Dafür sei eine Begleitgruppe eingerichtet worden, die sich monatlich trifft und – jeden zweiten Monat auch mit Vertretern des Helmholtz-Zentrums – über die Entwicklungen der Stilllegung diskutiert.

Thema kann zum Beispiel der Abbau des Betonblockes des Reaktorbeckens werden. Welche technischen Möglichkeiten gibt es, um dabei so wenig Staub wie möglich freizusetzen? Wo werden kontaminierte Abfälle zwischengelagert? Etwa um solche Fragen geht es. Bislang beteiligen sich circa 15 bis 20 Leute an dem Dialog. Wer sich einbringen möchte, kann sich per Mail melden und zwar unter dialog@helmholtz-berlin.de.

„Freitag, der 13. Dezember 2019, wäre ein gutes Datum zum Abschalten“

Bereits 2013 habe der Aufsichtsrat des Helmholtz-Zentrums entschieden, den Reaktor stillzulegen. Zwar wurde dieser zwischendurch modernisiert, aus wissenschaftlicher Sicht sei die Anlage jetzt aber in einem Alter, in der es sich nicht mehr lohne, zu investieren, sagt Stephan Welzel. Der BER II ging 1973 in Betrieb. Zuvor gab es den BER I, der 1959 am Standort in Wannsee seine Arbeit aufnahm. Somit wird im kommenden Jahr hier eine gewisse Forschungstradition enden. Indessen entsteht im schwedischen Lund eine moderne, europäische Großforschungseinrichtung, die Neutronen liefert.

Das Ende des Forschungsreaktors in Wannsee ist daher besiegelt. „Freitag, der 13. Dezember 2019, wäre ein gutes Datum zum Abschalten“, schlägt der Reaktorleiter vor. „Das bedeutet aber nicht, dass wir einfach den Stecker ziehen.“ Vielmehr werde System für System stillgelegt. Solange die Brennelemente auf der Anlage seien, müsse diese ohnehin betriebsfähig bleiben. Und bis Ende 2019 werde der Reaktor noch normal weiterarbeiten. Wissenschaftler weltweit können bis dahin hier im Helmholtz-Zentrum mit Neutronen erforschen, wie Materialien aufgebaut sind. Neben der Reaktorhalle schließen sich zwei Versuchshallen mit zehn Experimentierstationen an. Zu ihnen gehört auch der weltweit stärkste Magnet für Neutronenexperimente.

Um den Reaktor kümmern sich indessen 24 Mitarbeiter rund um die Uhr, sie wechseln sich im Schichtdienst ab. Mit einer thermischen Leistung von zehn Megawatt kann die Anlage 100 Billionen Neutronen pro Quadratzentimeter und Sekunde erzeugen. Kontrolliert werden die Prozesse jeweils in der Reaktorwarte. Von hier kann man den Reaktorkern mit den Brennelementen aus Uran-235 bei der Arbeit beobachten. Er leuchtet blau. Das kommt von den Elektronen, deren Geschwindigkeit im Wasser höher als Lichtgeschwindigkeit ist. Denn der Reaktorkern hängt in einem Becken mit 200 Kubikmeter entsalztem, gereinigtem Wasser.

Das Wasser dient als Kühlmittel und schützt vor allem vor der gefährlichen Strahlung, wie der Reaktorleiter versichert. Und dennoch: Am Ende bleiben ein mulmiges Gefühl und Respekt vor dieser nicht greifbaren Kraft. In jedem Raum hängen sogenannte Ortsdosisleistungsmessgeräte, die die Strahlenbelastung messen. Stephan Welzel beruhigt: „Bei einer Bergwanderung bekommen Sie eine vergleichbare Strahlenbelastung ab oder sogar mehr.“

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Hintergrund: Atomgegner fordern Akteneinsicht

Das Anti-Atom-Bündnis Berlin und Potsdam fordert Einsicht in die Katastrophenschutz-Akten der Berliner Senatsverwaltungen für Umwelt und Inneres. Wie die Initiative den PNN mitteilte, haben ihre Vertreter dazu bei der Senatsverwaltung eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt.

Wie berichtet hatte das Anti-Atom-Bündnis erst kürzlich die sofortige Abschaltung des Wannsee-Reaktors gefordert. Im Ernstfall könne der vorgesehene Katastrophenschutzplan wegen der schlechten Ausstattung der Berliner Feuerwehr nicht gewährleistet werden, hatte die Initiative argumentiert. (rgz)

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