25.06.2018, 21°C
  • 14.06.2018
  • von Hella Dittfeld

Etwas HELLA: Lasst mir das Handtuch da

von Hella Dittfeld

Berühmt- oder auch nur Bekanntsein bringt so seine Probleme mit sich. Denn wer im Rampenlicht steht, kann nicht mehr so leicht in der bunten Masse untertauchen. „Hast du schon gehört, dem AfD-Boss haben sie beim Baden am Ufer des Heiligen Sees die Sachen geklaut?“ – natürlich haben es inzwischen alle gehört oder gelesen. Gelächter allenthalben. Schadenfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Ich weiß ja nicht, wer das Dilemma des AfD-Politikers zu allem Überfluss auch noch sofort ausgeplaudert hat. Aber es war wohl von öffentlichem Interesse.

Wir wissen zudem ja nun zur Genüge, dass der Bestohlene zumindest eine Badehose trug. Stellen Sie sich jedoch nur einmal vor, der Potsdamer AfD-Promi, der zu verbalem Vogelschiss neigt, würde auch noch zu den FKK-Anhängern gehören. Darüber verlautete zwar kein Wort, mir ist aber der Wunsch, auch mal nackig in die Fluten zu steigen, vergangen. Im Evakostüm die Polizei rufen müssen, weil die Sachen samt meinem geliebten Fahrrad weg sind – welch ein Horror.

Zum Glück bin ich nur ein kleines Licht auf dem lokalen Parkett. Das Untertauchen dürfte mir deshalb noch gut gelingen. Und das nicht nur in den Wassern des Heiligen Sees. Außerdem werde ich von der alternativen Linken, hoffe ich wenigstens, nicht speziell beobachtet. Denn ich teile die Ansichten des AfD-Bosses nicht und habe im Geschichtsunterricht auch besser aufgepasst. Was heißt denn zum Beispiel 1000-jährige erfolgreiche deutsche Geschichte? Den Nationalstaat haben wir durch Volkeswillen nicht hinbekommen und mussten uns sozusagen durch Bismarck von oben einigen lassen. Das könnte man ja vielleicht noch so oder so sehen. Doch wir haben in unserer ruhmreichen 1000-jährigen Geschichte auch noch zwei Weltkriege angezettelt – und verloren. Wir haben die Weimarer Republik in den Sand gesetzt und einem „Vogelschiss“ zur Macht verholfen, der unzähligen Menschen Leid und Tod gebracht hat. Wegen der Vogelschiss-Äußerung sollte man unseren prominenten Mitbewohner ernsthaft mal fragen, ob ihm wirklich nur die Sachen geklaut worden sind.

Schön, dass Potsdam, das gerade 1025 Jahre alt wird, kein Vogelschiss ist, sondern viele Meinungen zulässt und die Alternativen im Stadtparlament sogar Sitz und Stimme haben. Auch wenn ich nicht der Meinung war und bin, dass die Fachhochschule hätte stehen bleiben sollen, beim Streit um das Minsk habe ich für den Erhalt votiert. Ich bin dafür, dass der Garnisonkirchturm wieder aufgebaut wird, habe aber seinerzeit auch heftig dafür gekämpft, dass das alte Pionierhaus den Kindern als Treffpunkt Freizeit erhalten bleibt. Ich finde es eine super Entscheidung, dass die jungen Leute ihr „Freiland“ bekommen haben, während ich lieber zum Klassikkonzert schreite. Vielfalt – so finde ich – ist noch immer die beste Alternative.

Sollte ich aber mit diesen Ansichten oder anderen vorangegangenen Äußerungen linkslustige Sachenklauer doch verärgert haben, bitte seid nachsichtig. Lasst mir beim Entwenden der Kleidung wenigstens das Handtuch zum Abtrocknen da.

Unsere Autorin ist langjährige Redakteurin und jetzt freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Potsdam

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