25.06.2018, 21°C
  • 14.06.2018
  • von Anne-Kathrin Fischer

Rückzugsort im Schulalltag

von Anne-Kathrin Fischer

Geschenkübergabe. Stefan Wollenberg (l.) und Martina Trauth (2.v.l.) brachten den Schülern Julien Becker, Marie Golz, Samir Schicker und Alyssa Krien (v.l.) am Mittwoch Farbe, Bücher und eine Geldspende für den neuen Lernraum vorbei. Foto: Andreas Klaer

Zwölftklässler gestalten für Mitschüler einen Lernraum – an der Steuben-Gesamtschule, die wegen Problemen in der Kritik stand

Ein Raum, irgendwo in der Schule, als Rückzugsort – ob zum Lernen, leise Quatschen oder einfach Träumen. Gerade für Schüler der Oberstufe, die sich auf das Abitur vorbereiten müssen und nicht immer dem Trubel in der Pause ausgesetzt sein möchten, eine ideale Vorstellung. Die Idee tatsächlich umgesetzt haben Marie Golz, Alyssa Krien, Julien Becker und Samir Schicker. Die vier Zwölftklässler der „Friedrich Wilhelm von Steuben“Gesamtschule im Kirchsteigfeld hatten in einem Seminarkurs die Aufgabe, ein soziales Projekt auf die Beine zu stellen und zu realisieren. Gemeinsam mit ihrer Lehrerin kamen sie auf die Idee des „Lernraums“, wie sie ihn getauft haben.

Zuletzt hatte die Gesamtschule an der Ricarda-Huch-Straße Negativschlagzeilen nach einem anonymen Brandbrief gemacht (PNN berichteten). In dem Mitte Mai aufgetauchten Schreiben war von Gewalt, Drogen und Übergriffen auf Lehrer an der Schule berichtet worden. Die Stadt hatte als Reaktion die Erweiterungspläne für die Schule vorerst gestoppt. Das Ministerium und die Schule hatten nach Bekanntwerden der Vorwürfe zunächst von Einzelfällen gesprochen – allerdings auch elf Schulverweise allein in der Klassenstufe sieben innerhalb eines Jahres gezählt. Landesbildungsministerium, Stadt und Vertreter der Schule schnürten daraufhin ein Maßnahmenpaket, um die Zustände zu verbessern. Der Sprecher des Bildungsministeriums, Ralph Kotsch, hat für Ende September ein Folgetreffen von Stadt, Land und Schule angekündigt.

Marie, die die Idee des Lernraums gestern vor Journalisten und Politikern vorstellte, sagte den PNN dazu: „Wir waren eigentlich irritiert, als wir von den Vorwürfen hörten und auch darüber, dass jemand den Zustand so wahrnimmt.“ Sie und ihre Mitschüler fühlten sich wohl an der Schule und nicht bedroht. Das bestätigten auch ihre Mitschüler, sagte sie.

Für ihre Idee, einen Lernraum einzurichten, haben die jungen Potsdamer Unterstützung aus der Politik gewinnen können. In E-Mails wandten sie sich an mehrere Parteien der Stadt, die Fraktion Die Linke sagte Hilfe zu: Oberbürgermeisterkandidatin Martina Trauth sowie der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, Stefan Wollenberg, schauten sich den noch unfertigen Raum am gestrigen Mittwoch an.

„Ich finde, das ist ein tolles Projekt“, sagte Trauth den Schülern. Sie lobte auch die Eigeninitiative, die sie mit ihrer Mail gezeigt hätten. „Eure Schule stand in letzter Zeit ja nicht immer gut da“, sagte sie im Hinblick auf den anonymen Brief. Auch Manuela Rintorf, stellvertretende Schulleiterin der Steuben-Schule, äußerte sich – wenn auch scherzhaft – zu dem Schreiben: „Sie sehen, man kann hier ganz friedlich über den Flur gehen, ohne dass etwas passiert.“

Trauth und Wollenberg hatten bei ihrem gestrigen Besuch gleich ein paar Dinge der Wunschliste der Schüler mitgebracht: mehrere Eimer Farbe sowie Pinsel und Farbroller. „Wir hatten noch ein paar Materialien von der Renovierung unserer Landesgeschäftsstelle übrig und haben ein bisschen was dazu gekauft“, sagte Wollenberg. Daneben hatten Trauth und Wollenberg neue Wörterbücher für Englisch, Spanisch und Französisch von der Stadtfraktion im Gepäck. „Und das Sofa gibt’s auch noch“, versprach Wollenberg den Schülern – die Partei habe einen Sponsor gewinnen können, der die Sitzgelegenheit nach Abschluss der Renovierungsarbeiten bereitstellen soll. Trauth übergab den Schülern außerdem eine private Geldspende in Höhe von 50 Euro. Auch darüber waren die Steuben-Schüler sehr dankbar: „Wir brauchen auf jeden Fall noch ein Bücherregal und eine Art Tafel, auf der wir die Regeln des Raums präsentieren“, sagte Marie.

Die Vorbereitungen für die Einrichtung des Lernraumes haben die Schüler bereits im vergangenen Jahr begonnen. Die Schülergruppe bat den Hausmeister um Stühle und Tische, den Biolehrer um zwei zu entbehrende Laptops aus dem Fachraum, den Informatiklehrer um deren Einrichtung und Verbindung mit dem Internet.

Am kommenden Montag geht es in die Endphase: Der gut 16 Quadratmeter große Raum soll in der Schulprojektwoche komplett umgestaltet werden. „Es sollen helle Pastelltöne werden“, verriet die 17-jährige Marie die künftige Farbe der Wände, „vielleicht Orange“. 

Nach den Sommerferien soll der Raum dann allen Schülern der elften bis 13. Klassen zur Verfügung stehen. „Viele Schüler wohnen gar nicht in der Nähe und können in den Freistunden nicht nach Hause gehen“, sagte die 18-jährige Alyssa. Dafür sei der separate Raum ideal geeignet. Der Raum soll den Schülern jederzeit zugänglich sein, der Schlüssel werde vom Schulsozialarbeiter verwaltet.

„Wenn wir unseren Mitschülern von dem Raum berichtet haben – die waren alle begeistert von der Idee“, sagte der 19 Jahre alte Samir gestern. Gerade jüngere Schüler seien oftmals lauter, da werde ein Raum nur für die Älteren auf Interesse stoßen. Er und seine drei Mitstreiter freuen sich schon, wenn endlich alles fertig ist: Im nächsten Schuljahr starten sie mit der 13. Klasse – und können den Raum somit auch selbst noch ein Jahr lang als entspannten Rückzugsort nutzen.

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