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  • 17.05.2018
  • von Steffi Pyanoe

Imkerverein in Potsdam: Von Haltern und Hütern

von Steffi Pyanoe

Völkerkunde. Imkerin Claudia Brandis ist Vorsitzende des Potsdamer Imkervereins, den es seit 160 Jahren gibt. Die Honigbienen haben mit allerlei zu kämpfen: Pestiziden, Monokulturen, Schädlingen und Futterkonkurrenten. Foto: Andreas Klaer

Der Potsdamer Imkerverein wird 160 Jahre alt, eine Plattform für alle, die das Bienen-Virus erwischt hat.

Potsdam - Ob sie ihre Bienen hier im Garten am Haus hält? Ja, sagt Claudia Brandis, aber Halten ist wohl nicht der richtige Ausdruck. „Ich bin eher eine Bienenhüterin“, sagt sie. Brandis, seit 2016 erste Vorsitzendes des Potsdamer Imkervereins, erklärt: „Bei uns im Verein imkert jeder nach seiner Methode, ohne den anderen zu belehren. Das klappt.“ Ihre Methode ist minimalinvasiv: Die Bienen sollen weitestgehend alles alleine regeln. Hüterin Brandis stellt ihnen lediglich kleine Holzbeuten – also die Kästen, in denen die Bienenvölker leben – in ihrem Bauerngarten zur Verfügung und mischt sich nur selten in das Leben im Bienenstock ein. Aus den wild gebauten Waben presst sie im Sommer ein paar Kilo Honig heraus, den Rest behält das Volk, damit es über den Winter kommt. „Ich füttere nicht zu.“

Im Verein sind sogenannte Bienenhüter eher die Ausnahme. Auch Meike Jacobi, zweite Vorsitzende, imkert ganz konventionell und letztlich für eine gute Honigausbeute. Aber dass es Holzbeuten sind, kein Styropor, ist auch ihr wichtig. „Es wurde schon Mikroplastik im Honig nachgewiesen“, sagt Jacobi. Außerdem übertragen Kunststoffwände nicht die feinen Schwingungen, mit denen sich die Bienen verständigen, und es bildet sich mehr Feuchtigkeit im Inneren. „Holz atmet.“

Die vergleichsweise junge Frauen-Doppelspitze – Brandis ist 40, Jacobi 53 Jahre alt – passt zum Potsdamer Verein, der am heutigen Donnerstag sein 160-jähriges Bestehen feiert, aber ständig um Erneuerung und Verjüngung bemüht ist. Es gibt mehrere jüngere Mitglieder ab 30 Jahre. Das älteste Mitglied ist 91 Jahre, insgesamt sind es 90 mit etwa 700 Völkern.

Mit nur sieben Mitgliedern hat alles begonnen. Die Männer waren allesamt Mitglieder der „Königlich Preußischen Märkischen Ökonomischen Gesellschaft zu Potsdam“, in der es um die „Beförderung der einheimisch-ländlichen und städtischen Nahrungsgeschäfte“ ging. 1858 bildeten die Imker also einen eigenen Verein, Vorsitzender war ein Oberstleutnant von Wedel, Pate war Hofgärtner von Sello. Unter den Mitgliedern waren Lehrer, Pastoren und oft auch Vertreter schlechter bezahlter Berufsgruppen, weil sich mit Honig etwas dazuverdienen ließ. Der Verein wuchs schnell.

Nach 1945 musste vieles neu aufgebaut werden, aber die Russen halfen, für drei Pfund Honig gab es 15 Pfund Zucker. In der DDR wurden Wettbewerbspläne und -prämien eingeführt. Laut Chronik lieferte der Verein 1982 statt der geplanten 15 Tonnen sogar 31,9 Tonnen an den staatlichen Aufkauf. Dieser garantierte Absatzmarkt war für die Imker bequem, eimerweise wurde man den Honig zu subventionierten Preisen los. Den Rest behielt man für Tauschgeschäfte – und soziales Engagement. Von den 1950er- bis 70er-Jahren lieferte der Verein beispielsweise große Mengen an den Oberlinverein.

1980 tauchte erstmals die Varroamilbe auf, und die Imker mussten sich die Zulassung der Ameisensäure zur Bekämpfung des Schädlings von den Funktionären und Veterinären schwer erkämpfen. So erinnert es Friedrich-Wilhelm Kroop, langjähriger Vorsitzender, der heute anlässlich des Vereinsjubiläums für 50 Jahre Mitgliedschaft geehrt wird und diese Zeiten erlebt hat.

Die Milbe ist bis heute ein Problem, auch der Einsatz von Chemikalien auf landwirtschaftlichen Flächen, den die Imker schon in der DDR monierten. Problematisch war im Sozialismus zudem die Versorgung mit Imkerzubehör. Man musste viel improvisieren, da wurde schon mal mit einem Scheibenwischermotor vom Auto die Honigschleuder betrieben. Aber es gab Vereinsleben mit Imkerbällen, Kinderfesten, Kulturveranstaltungen und seit 1968 sogar ein Frauenkollektiv, um die Frauen mehr einzubeziehen, erzählt die heutige Vorsitzende amüsiert.

Nach 1989 blieben die Themen die gleichen: alles, was zur Bienenhaltung und Zucht gehört, von Krankheiten und rechtlichen Belangen bis hin zu Umweltschutz. Der Verein organisiert heute Vorträge und Schulungen, man tauscht sich aus, vermittelt einander Ablegervölker im Frühling und hilft sich, wenn mal jemand krank oder im Urlaub ist. Nachwuchsarbeit ist wichtig, der Verein betreut einen Bienenstand an der Rosa-Luxemburg-Grundschule. Denn ausgelernt haben die Imker nie. Die Biene und die Umwelt wandeln sich ständig. Heute sind Monokulturen ein großes Problem, sagt Brandis, bunte Gärten sind aus dem Stadtbild verschwunden. Wenn der Raps verblüht ist und die Linde auch, gibt es kaum noch Futter. „Ab Mitte Juni hungert die Biene.“ Im Verein hat sich dazu eine Gruppe „Bienenweide“ gegründet, die die Öffentlichkeit für bienenfreundliche Gartenpflanzen sensibilisieren will. Futtermangel entsteht aber bisweilen auch aufgrund der unübersichtlichen Situation mit Wanderimkern. „Wenn ein auswärtiger Berufsimker über Nacht Dutzende Völker irgendwo aufstellt, dann ist das einfach zu viel für die Fläche“, sagt Brandis. „Momentan stehen 68 Völker in der Russischen Kolonie und auf einem Friedhof in der Heinrich-Mann-Allee“, sagt die Vorsitzende. Warum das Grünflächenamt das genehmigt hat, ist ihr schleierhaft. Der Verein wünscht sich deshalb dringend ein Gesetz zur Wanderimkerei, aber der letzte Vorstoß wurde von Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD) abgeschmettert.

Sorgen bereitet den Imkern auch ein neuer Schädling: der Kleine Beutenkäfer. Ein Parasit, dessen Larven ein Volk innerhalb weniger Wochen komplett zerstören. Der Käfer kommt bereits in Südeuropa vor und könnte jederzeit eingeschleppt werden. „Es reicht ein importiertes, infiziertes Volk aus Italien – und er ist da“, sagt Brandis. Gegen den Käfer gibt es derzeit kein wirksames Mittel. Der Bücherskorpion, ein winziges heimisches Spinnentier, soll sie vernichten können, aber der Skorpion wiederum würde eine Ameisensäurebehandlung gegen die Varroamilbe nicht überleben – da gibt es also noch viel zu forschen, so Brandis.

Möglichweise braucht es künftig auch neue Bienenzüchtungen. Tiere, die nicht nur Leistung bringen, sondern auch widerstandsfähig sind. „Die heutige Biene hat zum Beispiel verlernt, sich zu putzen. Sie sammelt nur.“ Brandis, die überzeugte Bienenhüterin, sagt auch: „Vielleicht hat sich der Mensch einfach zu viel eingemischt.“ Der Verein wird dennoch gebraucht. Dass es den Potsdamer Verein durchgehend seit 160 Jahren gibt und hier alle zusammenarbeiten, Berufs- und Freizeitimker und jeder mit seiner eigenen Methode, finden die beiden Vorstandsfrauen gut. Was sie alle verbindet, ist die Begeisterung für ein kleines, phänomenales Insekt: die Honigbiene.

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