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  • 27.04.2018
  • von Birte Förster

„Hohle Birne“ in Potsdam schließt: „Sonst stirbt man hinterm Tresen“

von Birte Förster

Bald mit Freizeit. Ralf Hildebrandt gibt am Montag den Betrieb der „Hohlen Birne“ in der Mittelstraße ab – nach 24 Jahren als Gastronom. Künftig will sich der frühere Stuntman wieder mehr bewegen und um sein erstes Enkelkind kümmern, das in zwei Monaten das Licht der Welt erblicken soll. Foto: Andreas Klaer

Nach 24 Jahren schließt Ralf Hildebrandt seine „Hohle Birne“. Am Montag öffnet die Kneipe im Holländischen Viertel zum letzten Mal.

Potsdam - Eine Abschiedsparty muss er nicht extra planen. Seine Stammkunden würden derzeit ohnehin täglich zahlreich in der „Hohlen Birne“ auftauchen. Denn am 30. April öffnet Ralf Hildebrandt nach fast 24 Jahren das letzte Mal seine berühmte Kneipe im Holländischen Viertel. Die Gäste seien fix und fertig, sagt der 62-Jährige. „Die heulen alle ganz schön rum.“ Einige hätten ihn gefragt: „Was sollen wir denn jetzt machen?“

Nicht nur Einheimische kennen die Kneipe, viele Touristen zieht es ebenso dorthin. Auch als Filmkulisse diente die urige Gaststätte, die Hildebrandt einst selbst restaurierte und umbaute. So wurde dort für „Soko Wismar“ gedreht, und Hildebrandt stand auch selbst vor der Kamera. In Filmen wie „Unser Charly“ oder „Suche Mann für meine Frau“ bewies er zuletzt hin und wieder sein Können – denn bis zur politischen Wende arbeitete Hildebrandt als Stuntman für Actionszenen vor allem in Indianer- und Kriegsfilmen. Er trat aber auch bei Karate-Shows auf.

„Dann haste deinen Bulettenlehrgang gemacht und dann warste Gastronom“

Doch nach 1989 habe er erst einmal nicht so richtig gewusst, was er machen sollte, erzählt Hildebrandt. Dann aber habe er einen erfolgreichen Gastronomen kennengelernt, der habe ihn auf die Idee gebracht – und dann ging alles ganz schnell. „Dann haste deinen Bulettenlehrgang gemacht und dann warste Gastronom“, beschreibt er schmunzelnd seinen Werdegang. „Ich lebe schon 200 Jahre“, sagt er lachend mit Blick auf all das, was er schon erlebt hat.

In seiner Kneipe in der Mittelstraße 19 servierte er seinen Gästen seit 1994 Deftiges und Regionales wie Gulasch mit Semmelknödeln und Rotkohl, Soljanka oder Beelitzer Spargel. Vom „Feinschmecker Journal“ wurde er einst in die Reihe der 400 besten Kneipen in Deutschland aufgenommen. Bekannt ist die „Hohle Birne“, die ihren Namen vom großen hohlen Birnbaum im Biergarten hinter dem Haus hat, außerdem für das Kirschbier vom Fass.

Für Hildebrandt, der seine Wohnung im ersten Stock des Holländerhauses über der Kneipe hat, war die „Hohle Birne“ wie ein Zuhause. Er hat dort Freundschaften geschlossen, seine Freundin kennengelernt. Es sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen, ist Hildebrandt überzeugt. Dennoch: „Irgendwann muss man den Absprung schaffen“, sagt er. „Sonst stirbt man hinterm Tresen.“ Trotz der Freude bei der Arbeit sei das Leben als selbstständiger Wirt kein einfaches. 15 Jahre lang habe er keinen Urlaub gemacht. In der Woche hat er selten einen komplett freien Tag, da die Gaststätte jeden Tag geöffnet hat. Nur am 1. Januar blieb die „Hohle Birne“ immer geschlossen.

Zwar hat Hildebrandt mehrere Mitarbeiter, viele Aufgaben übernahm er aber stets selbst – vom Bierfässer schleppen bis zum Erstellen der Abrechnungen. Zeit sich zu erholen und zu regenerieren habe er kaum gehabt. „Man spürt es jeden Tag“, sagt er. Vor einigen Jahren erkrankte er an Krebs, im vergangenen Jahr habe er kurz vor einem Burn-out gestanden. „Da merkt man schon, dass es nicht mehr rund läuft.“ Am Montag, dem 30. April, nimmt er Abschied von der „Hohlen Birne“. Einen Nachfolger für die Kneipe hat er gefunden, auch wenn sie künftig anders heißen wird.

Der neue Inhaber will vieles verändern - auch den Namen des Lokals

André Lemke, der bis vor kurzem das Inselcafé auf der Freundschaftsinsel führte, wird das Lokal übernehmen. Wie berichtet, hat Lemke nach 15 Jahren als Betreiber nicht mehr den Zuschlag für das Inselcafé von der Stadt erhalten. Was genau er nun mit der „Hohlen Birne“ vorhat, will Lemke noch nicht verraten. „Es wird sich verändern“, ist alles, was er bisher sagen will. Den Termin für die Neueröffnung will er im Mai bekannt geben.

Für Hildebrandt beginnt nach der Schließung seiner Kneipe ein neuer Lebensabschnitt. Der Gastronomie den Rücken kehren wolle er nicht, genaue Pläne hat er aber auch noch nicht. Vielleicht werde er bei befreundeten Gastronomen aushelfen. „Was sich so ergibt“, sagt er. „Ich bin ziemlich genügsam.“

Auch seine alten Hobbys wolle er wieder herauskramen, sagt er – und zum Beispiel wieder einmal Malen. Auch mehr bewegen will er sich, Fahrrad fahren, baden gehen. Und Zeit mit der Familie verbringen. „Das Leben ist ganz schön hinten dran gewesen“, sagt er. Und dann gibt es noch einen anderen guten Grund: In zwei Monaten werde er Opa, darauf freue er sich ungemein, sagt Hildebrandt. „Da habe ich eine neue Aufgabe.“ (mit sca)

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