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  • 22.02.2018
  • von Birte Förster

Potsdam: Aufbruchstimmung zwischen den Fronten

von Birte Förster

Foto: Jens Kalaene/dpa

Vier Jahre hat Lydia in Nordsyrien als Helferin in einem Flüchtlingslager gearbeitet. Neben Leid hat die Potsdamerin auch Hoffnungsvolles erlebt.

Es war das Gefühl von Ohnmacht, der Wunsch vor Ort aktiv zu helfen, der sie zu einem mutigen Schritt bewegte: Vier Jahre lang lebte Lydia, die nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, in Rojava in Nordsyrien. Dort erlebte sie den Aufbau des Demokratischen Konföderalismus in der Kurdenregion und die Folgen des Krieges. Vor zwei Monaten ist die 28-Jährige in ihre Heimatstadt Potsdam zurückgekehrt. Im Treffpunkt Freizeit erzählte sie am Dienstagabend von ihren Erlebnissen in der Region. „Es war eine wichtige Lebenserfahrung“, sagt sie.

Als vor einem Monat die türkischen Truppen in Afrin einmarschiert sind, war sie bereits zurück in Deutschland. Aber Lydia, die in dem Flüchtlingslager Newroz nahe der Stadt Derek arbeitete, bekam mit, wie der Islamische Staat in der Region wütete und Assads Regierungstruppen dort kämpften. Viele Menschen wurden brutal getötet. Angst habe sie dennoch keine gehabt, sagt Lydia. Überall war Unterstützung gefragt, sie half, wo sie konnte, war ständig aktiv im Einsatz. Da blieb keine Zeit, um länger über das Kriegsgeschehen nachzudenken – und über die Bedrohung des eigenen Lebens. Sie habe jetzt mehr Angst um die Menschen vor Ort, sagt sie. Als sie selbst noch dort lebte, erlebte sie, wie ihr Nahestehende starben. „Viele Menschen, mit denen ich befreundet war, gibt es nicht mehr.“ Auf vielen Beerdigungen sei sie gewesen. Der Verlust von Angehörigen und Freunden wurde aber durch die Gemeinschaft aufgefangen. Viele seien davon betroffen gewesen und hielten zusammen. Dadurch sei es weniger schwer zu ertragen gewesen, erzählt die junge Frau.

Überhaupt erlebte Lydia dort einen starken sozialen Zusammenhalt. Beeindruckt hat sie ein langer Marsch nach Afrin. Insgesamt etwa 25 000 Menschen kamen aus den Städten und Dörfern der Rojava, dem Gebiet der Demokratischen Konföderation, um gemeinsam nach Afrin zu laufen. Dabei hätten sie Gebiete der syrischen Armee durchquert – eigentlich für den zivilen Verkehr gesperrt. Die Menschen seien durchgelassen worden, von den Straßenrändern winkte man ihnen zu, erzählt Lydia. Je nach Herkunftsort war die Strecke bis zu 600 Kilometer lang. Die meisten seien zu Fuß gegangen, ältere Menschen fuhren mit dem Auto.

Das feste soziale Gefüge machte sich auch über das Zusammenleben verschiedener Religionen bemerkbar. Christen und Muslime hätten friedlich zusammengelebt, erzählt sie. Sie sah, wie sich Muslime rote Weihnachtsmannmützen aufsetzten und durch die Straßen liefen. „Es gab eine unglaubliche Akzeptanz und Toleranz aller Regionen“, schildert sie ihre Eindrücke aus der Region.

Mit dem Aufbau des Demokratischen Konföderalismus seit 2012 stärkten die Kurden in der Region auch die Rechte der Frauen. Als Mitglied einer Kommune habe sie dort den sozialen Wandel erlebt und gelernt, wie Menschen sich selbst verwalten können, erzählt Lydia, die selbst Kurdisch spricht. Auf Grundlage demokratischer Strukturen bildeten sich Stadtteil- oder Dorfgemeinschaftsräte, Gebietsräte sowie Volksräte waren durch eine Quote zu mindestens 40 Prozent mit Frauen besetzt. Eine Besonderheit seien auch die Frauenräte, berichtet Lydia. Selbst eine Art Frauenpolizei gebe es, sagt sie. Sie sei vor allem im Einsatz, wenn es um Gewalt in Familien geht oder im Fall von Zwangsehen. Um mehr Gleichberechtigung zu schaffen, laufe vieles über Gespräche und Diskussionen – sowohl in den Familien als auch in der Kommune oder den anderen demokratischen Ebenen. In manchen Familien würden Männer und Frauen noch getrennt essen, in anderen wechseln Väter schon die Windeln ihres Kindes. „Es gibt ein Umdenken“, so die Potsdamerin. Ziel sei es, die alten Traditionen, in den Frauen weniger Rechte haben, aufzubrechen, sagt Lydia und fügt hinzu: „Es lässt sich auflösen, weil es gesellschaftlich diskutiert wird.“

Nun ist Lydia nach Deutschland zurückgekehrt. „Es war Zeit, wieder zurückzukommen“, begründet sie ihre Entscheidung. Zurück in Potsdam soll ihr Engagement für die Kurden aber nicht enden. Derzeit orientiert sie sich neu. „Ich denke, dass es wichtig ist, Kampagnen aufzubauen“, sagt Lydia. Es sei wichtig, seine Solidarität zu den Menschen in Afrin zu zeigen und darauf aufmerksam zu machen, was dort passiert. Etwas hat sie mitgenommen aus der Region, die sie nun zumindest geografisch hinter sich lässt: Sie habe dort eine unglaubliche Gastfreundschaft erlebt. „Ich habe Unterstützung von allen Seiten bekommen“, erzählt sie. Diese Hilfsbereitschaft und Offenheit wolle sie auch hier weitergeben.

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