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  • 10.02.2018
  • von Sandra Calvez

Blindgänger in Potsdam: Explosives Fundament

von Sandra Calvez

Verdächtig. Die blauen Rohren von den Bohrungen markieren mögliche Fundstellen. Foto: Andreas Klaer

Unter dem Haus einer Potsdamer Familie liegt womöglich eine Weltkriegsbombe. Wenn sich das bestätigt, droht der Abriss für die Entschärfung. Die Familie fürchtet um ihre Existenz.

Potsdam - Den Antrag für einen Trinkwasseranschluss für ihr Haus hielten Torsten und Melanie für reine Routine. Und auch als die Stadtwerke dafür eine Kampfmittelfreiheitsbescheinigung für das Grundstück nahe dem Aradosee forderten, ahnten sie nichts Böses. Doch nun, knapp eineinhalb Jahre später, liegen die Nerven blank. Das Paar hat Angst. Angst, einen Teil seines Hauses abreißen zu müssen, weil darunter eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg liegen könnte. Angst, auch noch selbst für den Abriss zahlen zu müssen. „Das wäre mein Ruin“, sagt Torsten, und aus seiner Stimme klingt neben Kampfgeist auch ein wenig Resignation.

Der 40-jährige Koch und die 46-jährige Arzthelferin, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen wollen, sitzen in ihrem in Eigenregie renovierten Wohnzimmer. Hier, unter rohen Dachbalken, bei Schwedenofen und Glastisch, wohnen sie mit der 13-jährigen Tochter. Torsten ist in dem Haus – Baujahr 1914 – aufgewachsen, in der Dienstwohnung seiner Mutter. Vor zehn Jahren hat er es von der Treuhand gekauft. Noch einige Jahre zahlt das Paar die Schulden ab. Das Obergeschoss ist fertig saniert, nun wollten sie das Erdgeschoss umbauen. Dazu auch der neue Wasseranschluss.

Das Haus ist Baujahr 1914 - der Blindgänger könnte sich unter die Außenwand gebohrt haben

Die Kampfmittelfreiheitsbescheinigung wollte sich die Familie wie gefordert vom Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) ausstellen lassen. Doch von dort kam im März 2017 die Antwort, dass „weitergehende Sondierungen“ auf dem Gelände nötig seien. Der KMBD ist in Brandenburg dafür zuständig, noch im Boden liegende Bomben oder Munition aus dem Zweiten Weltkrieg zu entschärfen. Bevor neu gebaut wird – das gilt auch für Leitungen – muss der Dienst bescheinigen, dass vom Boden keine Gefahr ausgeht. Zunächst analysiert der Dienst dafür historische Luftbilder. Wenn diese zeigen, dass in dem Gebiet Bomben gefallen sind, die nicht explodiert sind, wird gebohrt.

Das Grundstück von Melanie und Torsten liegt in jenem Gebiet, das in der „Nacht von Potsdam“ am 14. April 1945 besonders schwer getroffen wurde. In der Nähe, zwischen heutiger Nutheschnellstraße und Kolonie Daheim, lagen die Arado-Flugzeugwerke, ein Ziel der US-amerikanischen Luftangriffe. 1750 Tonnen Bomben fielen über der Stadt, etwa jeder fünfte Sprengsatz explodierte nicht. Immer wieder werden bei Bauarbeiten Blindgänger gefunden, zuletzt im November neben dem Hauptbahnhof.

Wie es weiter geht, ist noch unklar

Torsten und Melanie zeigen einen Plan ihres Grundstücks mit vielen grünen, aber auch mit drei roten Flächen. Er ist das Ergebnis der Untersuchung des KMBD, bei der alle paar Schritte ein mindestens sechs Meter tiefes Loch gebohrt wurde. Grün heißt: Entwarnung. Rot bedeutet in der offiziellen Sprache des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KMBD), dass es hier „Anomalien“ gibt. Eine Anomalie kann eine Bombe sein. An den Stellen ragen bis heute knallblaue Plastikrohre aus dem Boden. Zwei der Anomalien liegen im Garten des Hauses, die dritte und problematischste liegt direkt unter einer Außenwand. In 2,80 Metern Tiefe hat der KMBD bei Bohrungen etwas gefunden, was ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg sein könnte, der sich durch den Sand unter die Wand gebohrt hat.

Wie es weiter geht, wissen Torsten und Melanie noch nicht. Der Sprengmeister des KMBD, Mike Schwitzke, war im Januar bei ihnen. Sollten die Analysen der Bohrungen ergeben, dass es eine Bombe ist, dann müsse man da ran, habe es geheißen – so erinnert sich Torsten an das Gespräch. „Herr Schwitzke hat gesagt, dann müsste das Haus teilabgetragen werden.“ Sprich: ein Teil des Gebäudes müsste abgerissen werden, um die Bombe entschärfen zu können. Mehr Informationen haben sie bisher nicht. „Es gibt keinen Ansprechpartner, der uns etwas genaueres sagen kann“, sagt Melanie. „Wo sollen wir denn hin, wenn wirklich ein Teil des Hauses weg muss?“ Und, die drängendste Frage: Wer soll das alles bezahlen?

Schon durch die Vorarbeiten entstanden Schäden am Haus

Auf PNN-Anfrage will der KMBD sich am Freitag nicht äußern. „Aufgrund des derzeitigen Bearbeitungsstandes“ sei es „nicht möglich, die Fragen in dieser Angelegenheit abschließend zu beantworten“.

Schon bei den Bohrungen traten nach Angaben der Eigentümer Schäden am Haus auf. Die Haustür war verzogen, ging nicht mehr auf. An der Decke im Wohnzimmer sind zahlreiche feine Risse zu sehen – das Haus ist ohne Fundament errichtet, auf märkischem Sand. „Die Risse waren vorher nicht da“, sagt Torsten. „Man wird schon paranoid“, sagt Melanie, „jeden Tag schaue ich, ob es mehr geworden sind.“ Die Schäden haben sie gemeldet, aber alle Beteiligten wiesen die Verantwortung von sich. Auch wer die Kosten für den drohenden Abriss tragen müsste, ist unklar. Die Entschärfung selbst, das bestätigte das Innenministerium den PNN, würde das Land zahlen. Für Rest gilt im Normalfall eine „grundsätzlichen Kostentragungspflicht des Grundstückseigentümers“. Es sei aber eine Einzelfallentscheidung, so ein Sprecher und hänge auch davon ab, „wer im konkreten Fall die Maßnahmen veranlasst“ habe. Auch eine Härtefallregelung hänge vom Einzelfall ab.

Linke fordert Härtefallregelung

Um die Zuständigkeiten bei der Kampfmittelbeseitigung streiten auch Land und Bund. Bis vor wenigen Jahren zahlte der Bund ausschließlich die Beseitigung „reichseigener Munition“, für alliierte Kampfmittel musste das Land aufkommen. 2015 wurde ein 60 Millionen Euro umfassender Fonds aufgelegt, mit dem sich der Bund bis 2019 an der Bergung alliierter Bomben beteiligt. Anfang Februar fasste der brandenburgische Landtag einstimmig einen Beschluss, der den Bund zu einer dauerhaften Beteiligung aufruft. Am Rande der Debatte warf der linke Abgeordnete Hans-Jürgen Scharfenberg auch die Frage privater Grundstückseigentümer auf. Er kennt den Fall von Torsten und Melanie – die beiden haben sich selbst an die Linke gewandt. Scharfenberg forderte die Anwendung einer Härtefallregelung für solche Situationen.

Auch der linke Bundestagsabgeordnete Norbert Müller betonte auf PNN-Anfrage, wenn in Potsdam eine junge Familie mit einem potentiellen Munitionsfund unter ihrem Haus allein gelassen werde, sei das Unrecht. „Ich sehe hier ganz klar die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches in der Verantwortung und nicht die Hausbesitzer.“ Bis dahin ist sei es das Mindeste, dass die Stadt Potsdam und das Land Brandenburg der betroffenen Familie zur Seite stehen und die anstehenden Schäden und Kosten übernehmen. „Alles andere ist inakzeptabel“, so Müller.

Bundesweit gibt es kaum vergleichbare Fälle

Vergleichbare Fälle gibt es kaum. Ein Oranienburger hat bei der Sprengung einer Bombe 2013 sein Wochenendhäuschen verloren – er blieb auf den Kosten sitzen. In München wurde im Garten einer Rentnerin 2017 ein Munitionslager entdeckt. Die Kosten von 1,5 Millionen Euro für die Beseitigung hat die Stadt vorgestreckt. Der Rechtsstreit darum, wer zahlen muss, läuft noch. In Potsdam gab es 2012 eine Entschärfung auf einem Privatgelände am Stern, ohne Schäden am Haus. Damals zahlten Stadt und Land. „Diese Aktion kann kein Privater bezahlen“, hatte die damalige Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger (parteilos) gesagt.

Bei Torsten und Melanie steht noch nichts fest – es dominiert die Unsicherheit. „Das Warten ist so hässlich“, sagt Melanie. „Wir können nichts planen, den Winterurlaub haben wir auch abgesagt.“ Torsten, so erzählt Melanie traurig, der sonst immer voller Elan am Haus werkelte, habe die Motivation verloren. Im Alltag falle es auch ihr schwer, noch Energie zu finden. „Wozu soll ich noch Fenster putzen, wenn ich nicht weiß, ob ich in ein paar Wochen noch Fenster habe?“

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