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Barberini

  • 19.01.2018
  • von Steffi Pyanoe

Potsdam: Zehn Kilometer durch den Impressionismus

von Steffi Pyanoe

Willkommen. Besucherbetreuerin Laura Widder an ihrem Arbeitsplatz im Foyer des Museum Barberini. „Die ästhetische Architektur berührt alle, die hier eintreten.“ Foto Ronny Budweth

Laura Widder arbeitet im Besucherservice des Museum Barberini: mit Funkgerät, Leidenschaft für die Kunst und bequemen Schuhen.

Ein Satz, den Laura Widder oft sagt, lautet: „Kommen Sie erstmal an.“ Acht Meter hohe Decken können schon sehr beeindruckend und überwältigend sein, erzählt die Mitarbeiterin vom Museum Barberini. Ihr ging es auch so, als sie, fünf Tage nach der Eröffnung, zum ersten Mal das Museum betrat. Damals kam sie, auf Vermittlung einer Agentur, als Hostess in das nagelneue Potsdamer Gebäude am Alten Markt. Heute ist die 27-Jährige Besucherbetreuerin. Diese Stelle des Besucherservice wurde im März für sie eingerichtet, mit ihrer Hilfe: Laura Widder erlebte als Hostess die Besucherströme und entwickelte bald viele Ideen, wie man das Museumserlebnis für beide Seiten, Besucher und das Haus, angenehmer gestalten könnte.

Als Besucherbetreuerin koordiniert sie alles, was im Besucher-Alltag eine Rolle spielen könnte: Sie kümmert sich um den Empfang im Foyer und ist erste Ansprechpartnerin für alle, die hier zunächst nicht weiterwissen. Sie zeigt den Weg zur Kasse, zum Infopoint, zur Garderobe oder zum Shop. Sie berät, wenn inhaltliche oder praktische Fragen zu Führungen oder Rundgängen kommen. Sie funkt den Sicherheitsdienst an, wenn jemand den Wartenden vor dem Haus freundlich sagen soll, dass die nächste freie Führung erst in vier Stunden beginnt. Einmal beruhigte sie eine Frau, die im Café seit zwei Stunden auf ihren Mann wartete, den sie im Museum verloren hatte. Laura Widder ermutigte sie, ihn doch einfach suchen zu gehen, so groß sei das Haus nun auch wieder nicht, sagt sie, und promt fanden die beiden wieder zusammen.

Laura Widder und das Museum Barberini haben auch zusammengefunden. Ein sehr spannender und aufregender, emotionaler Prozess, wenn man quasi von Anfang an dabei sein darf, sagt sie. Widder ist ausgebildete Fremdsprachenkorrespondentin für Englisch und Französisch, was bei dem internationalen Publikum sehr hilfreich ist. Ihr Gespür für die Kunst war schon da und wächst nun mit der Zeit. Zwar muss sie selber keine Führungen durch die Ausstellungen geben, aber doch Fragen beantworten können. Zum Beispiel: Wo geht man hin, wenn man nur 30 Minuten hat? Sie empfiehlt ihnen dann, zunächst die Architektur wirken zu lassen. Auch die schönen Materialien, den Steinfußboden mit den eingeschlossenen Fossilien. „Dann schicke ich sie in die Palast-Galerie.“ Das sei ein vergleichsweise kleiner Raum mit wenigen Bildern. „Dort ist man oft mit der Kunst alleine und kann die knappe Zeit für eine intensive Begegnung nutzen.“

Im Laufe des ersten Jahres hat sich das Publikum ein wenig verändert, findet sie. Der Hype der ersten Wochen ist vorbei, die Zeit, als sie und ihre Kollegen oft Wege erklären mussten, weil vor lauter Menschen die Schilder nicht zu sehen waren. Zehn Kilometer sei sie damals, laut Schrittzähler, an einem Tag durch den Impressionismus gelaufen. Museumsmitarbeiter sind immer auf den Beinen. Laura Widder kennt das Haus von oben bis unten. Und trägt bequeme Schuhe.

Jetzt wird es etwas einfacher und ruhiger nach dem stürmischen Auftakt mit den berühmten Impressionisten. Es gibt mehr und mehr Besucher mit Jahreskarten. Sie kennen sich aus und sie kennen einander. Ein Herr komme jeden Montag für eine halbe Stunde und einen Plausch und erzählt ihr, was er an diesem Tag für sich entdeckt hat.

Eine wichtige Fähigkeit der Besucherbetreuerin ist es, die Gäste einschätzen zu lernen. Wer braucht Hilfe, wer möchte angesprochen werden, wer lieber nicht? Die Familie mit Kindern will erstmal auf einer Bank im Foyer picknicken und das darf sie auch, sagt Widder. Ältere Herrschaften mit Hut und Mantel sind meist gut vorbereitet und zielstrebig. „Die wissen genau, wo der Mattheuer steht“. Junge Leute, Schüler oder Studenten, haben dagegen oft Fragen und sind offen für Anregungen. Prominente wollen meist ihre Ruhe und unerkannt durch das Museum gehen. „Es kommen Politiker und viele Schauspieler, viele Gesichter, die man von irgendwo kennt.“

Das Museum verändert auch die Menschen, „der Besuch macht zufrieden und glücklich“, sagt Laura Widder. Es ist eben ein besonderes Haus, barocke Pracht mit einer gewissen Leichtigkeit und Transparenz. Ihr gefällt das, sie lasse sich selbst gerne verzaubern. Deshalb ist sie auch nie genervt, wenn Kinder aus lauter Begeisterung zu dicht vor ein Bild treten und den Alarm auslösen. Oder wenn späte Besucher die Zeit vergessen und sie sie holen muss, weil das Haus schließt „Das ist doch schön, wenn man sich in der Kunst so verlieren kann.“

Manchmal, wenn sie zur Schließzeit durch das leere Haus geht, scheint es ihr unvorstellbar, dass die Menschen am nächsten Tag alle wieder da sein sollen – aber sie kommen. „Das ist eine tolle Leistung vom gesamten Museumsteam.“

Ihr eigenes besonderes Kunst-Erlebnis hatte sie außerhalb des Gebäudes, am Ufer der Alten Fahrt. An einem schönen Sommertag saß sie dort auf einer Bank, links die kleine Fußgängerbrücke zur Freundschaftsinsel, rechts die Lange Brücke. Plötzlich habe sie sich wie mitten in dem Gemälde „Die Brücke von Argenteuil“ vom französischen Impressionisten Gustave Caillebotte gefühlt. „Man sitzt also auch außerhalb des Museums im Museum – das fand ich total schön.“

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