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  • 29.12.2017
  • von Sabine Schicketanz und Peer Straube

Jann Jakobs im PNN-Interview: „Ich habe noch viel vor“

von Sabine Schicketanz und Peer Straube

Die Uhr tickt. Noch bis zum Herbst ist Jann Jakobs Potsdams Oberbürgermeister. Er wird die Landeshauptstadt Potsdam dann 16 Jahre lang regiert haben. Foto: Andreas Klaer

Oberbürgermeister Jann Jakobs über sein letztes Jahr als Rathauschef, das Nachfolge-Duell in der SPD und neue Pläne zur Bewältigung des Wachstums der Stadt

Herr Jakobs, Ihr letztes Jahr als Potsdamer Oberbürgermeister beginnt. Zählen Sie schon die Tage oder keimt eher der Abschiedsschmerz?

Nein! Nichts davon.

Wirklich?

Bei meinem Programm komme gar nicht dazu, daran zu denken, dass es das letzte Jahr ist. Allerdings werde ich inzwischen ständig darauf aufmerksam gemacht: Es ist das letzte Mal, dass Sie den Weihnachtsmarkt eröffnen! Es ist das letzte Mal, dass Sie mit der Kutsche herumfahren! Ehrlich gesagt: Das geht mir ein bisschen auf die Nerven.

Wie gehen Sie damit um?

Mental sieht es bei mir so aus: Ich habe noch viel vor! Und das werde ich angehen, mit ganzer Kraft!

Sie sind 15 Jahre Oberbürgermeister, Ihre zweite Amtszeit – man sagt ja, die ist für die Geschichtsbücher – ist fast rum. Was wollen Sie konkret noch schaffen?

Aller guten Dinge sind drei. Ich fange einmal mit der Potsdamer Mitte an. Ich möchte die Verfahren dort soweit abgeschlossen haben, dass die Vergabe der Grundstücke für den Block 3 in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen werden kann. Dann wird für alle klarer, wie sich dieser Stadtraum entwickeln wird. Das wird noch einmal sehr wichtig. Wir werden es noch einmal mit Verlustgefühlen zu tun haben, wenn wir das Fachhochschulgebäude zurückbauen. Das muss eine positive Botschaft haben, und diese Geschichte kann man dann auch bildhaft erzählen.

Tun Sie es!

Uns geht es weder um Abriss an sich noch um Barockisierung, sondern um ein lebendiges Stadtzentrum. Und zwar in Potsdamer Dimensionen, nicht gigantomanisch, sondern angepasst, auch mit moderner Architektur. Aber nicht nur für Leute mit gut gefülltem Portemonnaie. Deshalb wurde der Beschluss zu den Vergaben auch noch einmal korrigiert. Die Konzepte, wie die Häuser künftig genutzt werden, sind entscheidend bei der Vergabe, nicht der Kaufpreis. Es werden auch Sozialwohnungen entstehen. Es soll ein Zeichen sein: Die Potsdamer Mitte ist nicht für die Touristen und die Wohlhabenden da, sondern für alle Potsdamerinnen und Potsdamer.

Der zweite Vorsatz?

Potsdam wächst ja immer schneller, es ist eine Stadt mit einer großen Wachstumsdynamik. Die neue städtische Bevölkerungsprognose ist fast fertig. Nur so viel vorweg: Alle bisherigen Prognosen werden noch einmal übertroffen. Wir müssen uns darauf einstellen.

220 000 Einwohner im Jahr 2035, haben wir gehört. Wo sollen die alle bloß hin?

Wir haben schon einige Tausend Wohnungen gebaut, einige Tausend kommen hinzu. Das birgt die Gefahr, dass der öffentliche Raum knapp wird. Ich möchte exemplarisch an einigen Stadtentwicklungsvorhaben deutlich machen: Wir tragen Sorge, dass in diesem Wachstum der öffentliche Raum nicht verloren geht.

Bitte konkret!

Wir befinden uns in Gesprächen zum Erhalt der Angebote aus dem Rechenzentrum in der Innenstadt. Wir haben die Debatte auch in Babelsberg, auch im Kontext der Weiternutzung der Biosphäre.

Dann braucht der Volkspark nicht verkleinert zu werden!

Der Park bleibt, wie er auch ursprünglich als Park geplant war. Die jetzt für den Neubau genutzten Flächen waren schon immer als Bauflächen ausgewiesen. Was dort geplant wird, ist stadträumlich nicht schädlich.

Und der dritte Punkt Ihrer Agenda vor dem Abgang?

Wir brauchen Flächen für Gemeinbedarf, für Schulen und Kitas, für Sportplätze, wir müssen die Infrastruktur sichern. Diesen Beweis werden wir auch in Krampnitz antreten müssen, wo wir nun deutlich mehr Wohnungen bauen als wir uns vorgenommen hatten. Statt 3600 sollen in Krampnitz 7000 Einwohner leben. In der ursprünglichen Planung war dort nicht einmal eine Grundschule vorgesehen.

Haben Sie schon eine Zahl parat, was das alles kostet?

Nee, hab ich noch nicht. Aber es ist ja schon vieles eingeplant. Nun kommt wieder etwas obendrauf. Die große Kunst wird sein, die Planungsszenarien so zu entwickeln, dass die öffentliche Infrastruktur zeitgleich mit der Bebauung zur Verfügung steht.

Schön wäre es!

Ja, das schaffen wir im Augenblick nicht. Deshalb greifen wir aktuell auf Provisorien zurück. Aber wir müssen uns langfristig in die Lage versetzen, das wieder zeitgleich zu schaffen.

Die Potsdamer Mitte ist das Streitthema schlechthin, erst Recht nach dem Baubeginn der Garnisonkirche, der Konflikt tobt in ungebrochener Härte. Was wollen Sie persönlich zur Befriedung beitragen?

Ist es wirklich ein so harter Kampf? Potsdam unterscheidet sich da in keiner Weise von irgendeiner anderen Stadt. Es ist eine natürliche Auseinandersetzung, Interessen prallen aufeinander, Befürchtungen werden laut, mit denen man umgehen muss. Immer wieder neu.

Wie versuchen Sie es diesmal?

Wir müssen eins deutlicher rüberbringen: Liebe Leute, wir leiten umfängliche Prozesse für die Neugestaltung dieser Stadtareale ein. Aber am Ende führen sie zu etwas Besserem als der gegenwärtige Zustand! Wir wollen den städtischen Raum aufwerten! Für viele ist das vorher schwer vorstellbar. Nichts wirkt besser als das leuchtende Beispiel, so wie die Bebauung an der Alten Fahrt. Deshalb darf man nicht nur reden. Man muss es auch tun, dann auch anfangen. Sehen wird man es erst, wenn es bebaut, mit Leben erfüllt ist. Es wird seine Wirkung nicht verfehlen, dass an der Fachhochschule jetzt tatsächlich etwas passiert. Das lässt Leute auch sagen: Okay, das warten wir jetzt erst einmal ab, so neugierig sind wir schon.

Na ja, bei der Garnisonkirche dürfte es umgekehrt sein, da wird der Bau die Emotionen eher anheizen.

Und dort werden wir im Januar mit dem Szenario-Werkstattverfahren anfangen. Alle sind dazu bereit. Das ist schon einmal eine gute Voraussetzung. Trotzdem wird es schwierig. Ich mache mir da auch nichts vor. Ich werde mich da auch einbringen. Es ist eine Möglichkeit zur Befriedung.

Offensichtlich war der bisherige Bürgerdialog zur Garnisonkirche nicht erfolgreich.

Aber wir haben jetzt eine andere Ausgangssituation! Es geht nicht mehr um den Bau der Garnisonkirche selbst, sondern um die Schaffung eines neuen Quartiers für die Kreativwirtschaft in der Innenstadt. Das ist eine Chance. Die können wir nutzen, um zu einem Kompromiss zu kommen. Wenn ich nicht daran glauben würde, hätte ich es nicht vorgeschlagen.

Beim Baustart flogen Stinkbomben. Und Sie glauben ernsthaft an einen Szenario-Workshop? Allein schon das Wort!

Ich kenne keinen besseren Vorschlag.

Zu einer guten Nachricht aus dem Jahr 2017. Das Museum Barberini hat gleich eine halbe Million Besucher angezogen, auf Anhieb. Eigentlich kaum zu glauben. Geht es Ihnen auch so?

Ja, es ist sensationell, wie das international ausstrahlt, für Potsdam. Wohin man kommt, hat es sich herumgesprochen. Die Ausstellungen werden diskutiert. Ich verfolge das in den Feuilletons. Was will man mehr?

Haben Sie sich mit Hasso Plattner darüber ausgetauscht?

Ich habe ihm natürlich gesagt, wie toll ich das alles finde, auch die inhaltliche Ausrichtung. Aber da ist er immer ganz bescheiden. Ich bin froh, dass wir ihn zeitgleich zum Ehrenbürger machen konnten. Ich glaube, das hat ihn auch sehr gefreut.

Hasso Plattner besitzt eine der wertvollsten privaten Kunstsammlungen der Welt. Ein Mann wie er trifft Vorsorge für sein Vermächtnis. Wissen Sie, ob Potsdam irgendwann ständiger Sitz der Sammlung wird?

Wir hoffen vor allem, dass er möglichst lange lebt. Welche Dispositionen er getroffen hat, weiß ich im Detail nicht.

Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Plattners Sammlung dauerhaft in Potsdam gezeigt wird?

Ich habe mich dazu vor zwei Jahren hinlänglich öffentlich geäußert und dafür in der Stadt nicht nur Lob erhalten.

Das Museum Barberini ist nachts das einzige hell erleuchtete Gebäude im Potsdamer Zentrum. Alle anderen Sehenswürdigkeiten sind dunkel. Wann leistet sich die Stadt endlich eine vernünftige Beleuchtung?

Bleiben wir beim Alten Markt. Dort sind wir dabei, ein Beleuchtungskonzept zu erarbeiten, das dann sukzessive umgesetzt wird. Dass der Landtag nicht so beleuchtet ist, wie man sich das wünschen würde, ist allerdings vor allem ein Versäumnis des Bauherrn, nicht der Stadt. Ausgerechnet das größte Gebäude auf dem Alten Markt sieht aus wie ein verschlossener Tresor, wenn die Abgeordneten nach Hause gegangen sind.

Für die Baugenehmigung ist die Stadt zuständig, die saß immer dabei.

Ich habe dem damaligen Landtagspräsidenten gesagt, er möge für eine Beleuchtung sorgen. Wenn man die Breite Straße runterfährt, liegt das Landtagsschloss wie eine schwarze Silhouette da. Er hat geantwortet: Wenn Du eine haben willst, dann bezahle es auch! Da musste ich passen: Das ist nicht meine Zuständigkeit.

Danke für diesen Einblick. Und so ist der Stand bis heute.

Nicht ganz. Der Landtag hat inzwischen erkannt, dass man da etwas machen muss. Wir haben das auch mit der Landtagspräsidentin besprochen.

Für die anderen Sehenswürdigkeiten gibt es anderthalb Jahre nach dem Stadtverordnetenbeschluss jetzt die konstituierende Sitzung eines Arbeitskreises. Es werde Licht, aber wann?

Wenn ich richtig informiert bin, sind wir da weiter. Es geht um die Umsetzung.

Zurück zur Stadt, die aus den Nähten platzt. Sollte man das Wachstum begrenzen, bremsen, wie es der Sozialbeigeordnete Mike Schubert in einem Fragebogen für die SPD-Vorwahl um Ihre Nachfolge schon mal angekündigt hat oder Sie es selbst früher mal anklingen ließen?

Ich habe nie von einer Wachstumsbremse gesprochen. Man kann so etwas diskutieren, als akademische Pflichtübung. Zudem existiert Potsdam nicht im luftleeren Raum.

Sie meinen als Nachbar der Metropole?

Ja, in Berlin müssten eigentlich 27 000 Wohnungen pro Jahr gebaut werden. Die schaffen dort knapp 8000. Das hält die Menschen nicht davon ab, in diese dynamische europäische Metropole zu ziehen. Wenn Berlin das nicht richtig gewuppt kriegt, ist das eine einmalige Chance für Brandenburg. Und wie sollte eine Wachstumsbremse eigentlich funktionieren? Etwa den Bürgerservice zumachen? Oder einfach keine Bauflächen ausweisen?

Zum Beispiel.

Man würde nur eins bewirken: Die Preise gingen durch die Decke, noch extremer als jetzt schon. Für mich ist das keine Handlungsoption.

Sondern?

Man muss das Wachstum offensiv gestalten, dafür sorgen, dass Quantität mit Qualität einhergeht. Das ist die Aufgabe der Politik in den nächsten Jahren. Man kann entsprechende Flächen ausweisen, um Wohnungsbau zu realisieren. Man sollte Einfluss darauf nehmen, dass die Bodenpreise nicht in die Höhe schießen, obgleich auch da die Mittel begrenzt sind. Entscheidend bleibt, Perspektiven für den Wohnungsbau zu eröffnen. Wir haben die Pro Potsdam schon auf Neubau, auf Expansion getrimmt. Wir haben die Pläne in der Schublade. Jeder, der hier Oberbürgermeister werden will, wäre schlecht beraten, diese Chancen nicht aktiv zu nutzen. Und genau das machen wir, siehe Krampnitz.

Und dann, wie ist die weitere Perspektive?

Klar ist, dass Potsdam kaum nach Süden expandieren kann. Da passiert zwar auch noch einiges, etwa in der Waldstadt. Aber im Vordergrund wird der Norden stehen. Wir haben den einmaligen Vorteil, dass uns dort teilweise Flächen gehören. Wir sind mit dem Land im Gespräch, die Straßenbahn bis nach Krampnitz zu verlängern.

Und dann noch weiter?

Ja, auch das, nach Fahrland, ja selbst nach Marquardt. Es wäre eine schlaue Idee, wie ich finde, weil man Marquardt mit dem Bahnhof zu einer Art Verkehrsknoten ausbauen könnte. Das sind alles weiträumige Perspektiven. Aber man muss darüber nachdenken.

Die gemeinsame Landesplanung mit Berlin schließt das bislang aus. Eine funktionierende Wachstumsbremse?

Die gemeinsame Landesplanung ist bisher sehr restriktiv. Wir müssen da noch Diskussionen führen. Wir müssen und werden dem Land deutlich machen: Mit Krampnitz ist es nicht getan. Dort kann nicht Schluss sein.

Dennoch fragen sich die Leute: Wie lange werde ich in Potsdam noch wohnen können? Wie lange komme ich noch zur Arbeit ohne martialische Strapazen?

Also wirklich, martialische Strapazen?

Pendeln Sie doch täglich nach Berlin!

Bleiben wir erst einmal in Potsdam. Klar, die Straßenbahnen sind voll. Aber wir haben die Takte erhöht, wir haben die Straßenbahnen vergrößert, XXL-Züge angeschafft, die alten Tatras auf Vordermann gebracht. Außerhalb Potsdams werden wir für den attraktiven Nahverkehr gelobt!

Und trotzdem kommt man morgens mit keinem Kinderwagen in eine Bahn...

Noch einmal: Wir reagieren darauf. Und das merkt man auch. Was den Nahverkehr nach Berlin angeht, die Pendler zwischen Berlin und Potsdam, da predigen wir ja schon seit Jahren für dringend nötige Verbesserungen. Jetzt wird das vom Land endlich aufgenommen. Allerdings darf das alles nicht erst 2022 so weit sein, wie bisher vorgesehen. Das wäre zu spät.

Und die Autos stehen im Stau. Bürgermeister Burkard Exner, der zweite Bewerber der SPD-Vorwahl um die Nachfolge, ist offen für die Havelspange. Und Sie?

Wir haben im Vorjahr neue Untersuchungen, die sogenannte Kordonzählung, durchgeführt, sehr detailliert. Danach hat der Durchgangsverkehr in Potsdam einen Anteil von neun Prozent. Das sind wahrscheinlich die neun Prozent, die es mögen, im Stau zu stehen. Für neun Prozent der Verkehrsteilnehmer eine Havelspange bauen? Ich glaube, dass Burkhard Exner diese Untersuchung nicht kannte.

Was also sind die Alternativen?

Die Straßenbahn ausbauen, das Netz, die Takte, der Vorrang des öffentlichen Personennahverkehrs überhaupt. Und wir müssen mehr für den Fahrradverkehr tun, in der Stadt, aber etwa auch Radschnellwege wie nach Werder. Wir haben dafür eine richtige Prioritätenliste. Die Pläne stehen, wir könnten gleich loslegen.

Und wo hakt es?

Wir warten darauf, dass sich das Land endlich einig wird. Das verzögert sich, weil mehrere Ministerien zuständig sind. Ich hoffe, das Land kriegt das Förderprogramm noch fertig, ehe die EU-Finanzierungsperiode abgelaufen ist. Mehr als die Hälfte ist schon rum.

Das Wachstum kollidiert auch mit dem Welterbe, mit der Umgebung der Schlossparks. Gerade haben die Stadtverordneten den B-Plan für den Humboldtring beschlossen, die Schlösserstiftung meldet Bedenken an. Sind Kompromisse wirklich so schwer?

Ich sehe es anders: Gemessen an den Flächen, die wir brauchen, haben wir wenige Konflikte mit dem Welterbe. Es gibt eine große Sensibilität in der Verwaltung dafür. Am Humboldtring kann ich die grundsätzlichen Bedenken der Stiftung und der Landesdenkmalpflege nicht nachvollziehen. Aber, mein Gott, so ist das dann eben! Dann muss eben das Land entscheiden oder Gerichte. Ich denke, das läuft nicht schlecht.

Und dann gibt es ja noch den Zwist um den Seesportklub oder das neue Sanierungsgebiet für den Verwaltungscampus, für den eine stiftungseigene Villa ohne Rücksprache verplant wurde…

… da war es nicht sehr geschickt, nicht mit der Stiftung zu reden. Allerdings ist eine Idee in einer vorbereitenden Untersuchung für ein Sanierungsgebiet ja noch keine Entscheidung. Trotzdem: Man muss alles in Relationen sehen. Wir hatten ganz andere Zeiten. Und mehr als diese drei Fälle fallen Ihnen auch nicht ein! Das hat sich entspannt. Es gibt keinen grundsätzlichen Konflikt mit dem Weltkulturerbe.

Interessante Wahrnehmung.

Ich treffe mich ja regelmäßig mit den Leuten von Icomos (Internationaler Rat für Denkmalpflege, der die Unesco in Welterbefragen berät – Anm. d. Red.). Wir sitzen dann jedes Mal einen Nachmittag zusammen und räsonieren über die Bedeutung des Weltkulturerbes, sprechen einzelne Punkte an. Das verläuft immer sehr zivil und distinguiert.

Unser Eindruck ist, dass auf Chefebene in der Stiftung inzwischen Misstrauen überwiegt.

Wie kommen Sie darauf?

Zum Beispiel wegen der Erfahrungen der Stiftung um den Seesportklub am Tiefen See. Das alles ist mehr als zehn Jahre her, es gab damals nach einem Gerichtsverfahren einen Vergleich zu einem Grundstückstausch, der bis heute nicht stattgefunden hat.

Vor Gericht wurden die Eigentumsverhältnisse geklärt. Im Ergebnis liegt unser heutiges Strandbad zum Teil auf dem Gelände der Schlösserstiftung, so wie der Seesportklub. Es gab Gespräche über einen Grundstückstausch. Der Nutzungsvertrag zwischen der Stiftung und dem Seesportklub lief noch bis Ende 2017. Und manchmal braucht man auch einen gewissen Druck, damit sich Positionen bewegen. Nun haben wir ein gutes Verfahren gefunden, das dem Seesportklub mehr Zeit vor Ort gibt, bis wir eine abschließende Lösung haben. Alle haben sich bewegt, auch finanziell. Zu einer Einigung gehören immer mehrere.

Gehen wir mal ins Rathaus, in zwei früheren Problemressorts gibt es neue Chefs. Vom neuen Baubeigeordneten Bernd Rubelt und der Kulturbeigeordneten Noosha Aubel hört man bisher nicht allzu viel Wegweisendes. Wie sehen Sie den Start der Neuen?

Man darf Wirksamkeit nicht damit verwechseln, häufig in der Presse zu stehen. Ich bin sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Man merkt denen sofort an, dass sie vom Fach sind. Sie wissen, worüber sie reden. Ich finde es in Ordnung, dass man erst einmal guckt, Akzente setzt, sich allmählich herauskristallisiert, was man leistet. Beide machen ihre Sache gut und sehr unaufgeregt. Das tut dieser Stadt manchmal ja gut.

Ein Dauerbrenner bleibt die Schulentwicklung, die die frühere Beigeordnete nicht in den Griff bekam. Wann wird der Punkt erreicht, wo neue Schulen rechtzeitig geplant und fertig sind?

Dieses Ziel sollte man nie aufgeben. Ich muss aber die frühere Beigeordnete etwas in Schutz nehmen. Es handelt sich dabei um sehr komplexe Verfahren. Es dauert etwa sechs Jahre vom ersten Erkennen, da könnte eine Schule hin, bis dann eine steht. Ich will das auch gar nicht verniedlichen. Wir versuchen, die Abläufe zu komprimieren. Aber selbst dann ist man nicht dagegen gefeit, dass eine Baufirma Mist macht, wie wir es im Bornstedter Feld erlebt haben. Es gibt auch objektive Schwierigkeiten. Man kann es sich auch einfacher machen und sagen, Architektur hin oder her, dann setzen wir eben auf Typenbauten! In Potsdam gibt es auch dann wieder einen Aufstand.

Sie sind für Typenbauten?

Nicht überall, aber zum Beispiel in Krampnitz liegt es nahe, neue Kitas und Schulen in Typenbauten zu realisieren, um die Bauzeiten und Vorplanungszeiten zu verkürzen. Wir sind ohnehin dran, schneller zu werden.

Wie denn?

Wir wollen alle Beteiligten enger verzahnen, von Statistikern, Stadtplanung, Schulplanung, Sozialressort, bis zum Kommunalen Immobilien Service Kis. Habe ich das eigentlich schon offiziell mitgeteilt? Dann verkünde ich es hier: Wir werden mit Beginn des neuen Jahres für die Bildungsinfrastruktur im Rathaus eine ressortübergreifende integrierte Planungsgruppe etablieren. Wir vergeben das nicht extern, wie es mal angedacht war, sondern machen es selbst. Wir wollen die Abläufe, vom Erkenntnispunkt bis zur konkreten Verdichtung, Standorten, Standards, beschleunigen.

Wie schnell wollen Sie werden?

Ziel ist es, die Abläufe – wohlgemerkt: ohne Abkürzung der politischen Meinungsbildungsprozesse – so zu gestalten, dass die sechs Jahre von Erkenntnis bis Einweihung möglichst auf die Hälfte reduziert werden. Es ist vielleicht illusionär. Aber schon jedes halbe Jahr ist ein Gewinn.

Werden Schulcontainer der Standard?

Nein! Das kann nicht das Ziel sein. Es gibt allerdings Städte, die machen das. An dem Punkt, nur noch Container zu bauen, ist Potsdam nicht. Für den Einzelfall will ich Schulen in Modulbauweise aber auch nicht ausschließen, etwa, wenn man von vornherein weiß, dass man für eine Schule definitiv nur 20 Jahre braucht. Dann muss man nicht für viel Geld ein Unikat hinstellen, um sich hinterher einen Kopp machen, wie man es nachnutzt. Dann können die Module nach 20 Jahren auch wieder abgebaut werden. Eins ist ja sowieso klar: In Potsdam bleibt nichts unwidersprochen.

Zum Glück!

Ja!

Apropos Widerspruch. Die alte Kita-Beitragssatzung wurde wegen Fehlern gekippt, womöglich werden Rückzahlungen fällig. Wer hat das zu verantworten?

Journalisten wollen immer, dass man einen liefert, dem der Kopp abgeschlagen wird …

Dem einen Beigeordneten oder dem anderen, der Sie beerben will?

So einfach ist die Welt nicht. Wir haben uns bei der alten Satzung auf Grundsätze berufen, die umstritten sind, wo es erst jetzt Klarheit gibt. Da muss man halt nachjustieren. Wir werden daraus lernen. Ich bin da gelassen. Wir sind ja auch nicht die einzigen mit diesem Problem. Deshalb wäre es schon gut, wenn es vom Land deutlichere Vorgaben gäbe.

Das kann teuer für Potsdam werden.

Die Prüfungen laufen noch. Erst danach wird man sehen, mit welchen finanziellen Konsequenzen das verbunden sein wird. Ich möchte aber vor einer Erwartungshaltung warnen: Zu glauben, dass Eltern die Beiträge der letzten drei Jahre erstattet bekommen, ist illusionär.

Sie glauben, Potsdam kommt ganz ohne Nachzahlungen davon?

Das habe ich nicht gesagt. Ich habe vor illusorischen Erwartungshaltungen gewarnt.

Um den Uferweg am Griebnitzsee, um den früher erbittert gefochten wurde, ist es still geworden. Wie ist der aktuelle Stand?

Wir sind da in einem Mediationsverfahren, das leider nicht erfolgreich ist. Es gab einige Vorschläge des Mediators, die nicht auf Zustimmung gestoßen sind. Es sieht auch nicht so aus, dass man da zu einem gemeinsamen Nenner kommt. Vermutlich wird das Verfahren eingestellt. Dann muss das Oberverwaltungsgericht entscheiden.

Glauben Sie noch an einen öffentlichen Uferweg?

Ja, aber es wird noch lange Zeit in Anspruch nehmen, bis der Uferweg wieder frei ist. Ein Teil des Weges, wo wir mit den Eigentümern eine Einigung erreicht haben, wird aber vorher öffentlich zugänglich sein.

Zu einer Personalie: Horst Müller-Zinsius, der Interimschef der Stadtwerke, geht im Sommer in den Ruhestand. Wann wird die Nachfolge geklärt?

Die Stelle wird zu Beginn des Jahres ausgeschrieben, sodass im Sommer ein nahtloser Übergang realisiert werden kann.

Auslöser war die Potsdamer Stadtwerke-Affäre II um Vetternwirtschaft und Filz. Hat die irgendwann noch Konsequenzen?

Personelle Konsequenzen gab es. Das ist alles aufgearbeitet und abgeschlossen.

Wohin Intransparenz führen kann, sieht man gerade am Oberlinhaus. Wie konnte das so eskalieren?

Ich weiß es nicht. Das müssen Sie Oberlin fragen. Wir haben in gutem Glauben gehandelt, mit dem städtischen Klinikum „Ernst von Bergmann“ und dem Oberlinhaus ein Modell für die Zukunft zu entwickeln. Wenn da plötzlich so ein Misstrauen mitschwingt, dann machen weitere Gespräche auch keinen Sinn.

Das Oberlin hat Ihnen den Versuch einer feindlichen Übernahme vorgeworfen.

Absurd. Ich kann mich genau an das erinnern, was ich dort gesagt habe. Ich habe mich auch noch einmal bei anderen Teilnehmern rückversichert. Da ist mir bestätigt worden, dass mich meine Erinnerung nicht trügt. Bezeichnenderweise spricht für das Oberlinhaus einer, der bei den Gesprächen gar nicht dabei war.

Was steckt wirklich dahinter, Finanzprobleme bei Oberlin?

Ich habe da keinen Einblick. Ich könnte da nur Mutmaßungen anstellen, und das will ich nicht. Die Initiative für die Gespräche ging vom Oberlinhaus aus.

Ziehen Sie nach den öffentlichen Angriffen weitere Konsequenzen?

Ich ärgere mich, es ist mir eine Lehre. So einen Stil, so einen Umgang habe ich in meinen ganzen Jahren nicht erlebt. Und ich habe in meinem Leben schon viele Verhandlungen geführt, bei denen es auch im Karton gerappelt hat.

Kommen wir zum Rennen um Ihre Nachfolge in der SPD. Mit Burkhard Exner und Mike Schubert liefern sich zwei Beigeordnete ein Duell. Leidet die Arbeit im Rathaus darunter, wie man hört?

Ich will dazu eins generell sagen: Das gewählte Verfahren der Kandidatenauswahl in der SPD birgt in sich die Gefahr, dass sich zwei zerlegen. Aber ich finde: Beide gehen bisher sehr professionell, sehr verantwortlich damit um, was für beide spricht.

Der ultimative Charaktertest?

Wenn es so bleibt, was ich hoffe, dann haben wir eine gute Ausgangssituation: Mit zwei charakterfesten, entsprechend vorgebildeten Persönlichkeiten, die von ihrer Verwaltungserfahrung beide Oberbürgermeister sein können. Das unterscheidet uns sogar von den anderen, die so ein Potenzial nicht mitbringen. Dann gibt es am 20. Januar die Entscheidung. Ich habe auch nicht die Sorge, dass da etwas nachbleibt.

Das klingt rosarot.

Sicher, es ist auch eine schwierige Situation. Und sicher, es gibt immer auch den einen oder anderen, der meint, sich in die Bresche schlagen zu müssen.

Und es gibt den Noch-Oberbürgermeister, der jetzt immer beide zu Terminen mitschleppen muss!

Ja! (lacht) Früher war es eher so, wenn es um Wochenendtermine ging, dass alle schon etwas vorhatten. Die Sorge habe ich neuerdings nicht mehr. Jetzt muss ich schon um Termine betteln: Darf ich mit der Kutsche fahren? (lacht)

Es heißt, Sie hätten gern lieber eine vierte Person gesehen.

Theoretisch kann ich mir vieles vorstellen. Das wäre ja noch komplizierter geworden …

… nämlich die Landtagsabgeordnete Klara Geywitz.

Aber diese Kandidatin gibt’s nicht. Es gibt drei, davon die beiden mit der Vorerfahrung.

Wer ist Ihr Favorit?

Ich werde mich öffentlich dazu nicht äußern, auch am 20. Januar nicht. Das habe ich mir vorgenommen, daran halte ich mich.

Sie werden keine Empfehlung abgeben?

Na ja, wenn mich privat ein Parteimitglied fragt, dann sage ich schon meine Meinung, aber nicht öffentlich. Nicht, dass jetzt der Eindruck entsteht, ich beatme einzelne Leute. Das mache ich nicht.

Aber wenn Sie es privat tun, wird es ja ohnehin bekannt.

Das mag sein. Trotzdem hätte es noch eine andere Wirkung, wenn ich mich öffentlich äußern würde.

Wohin schlägt nach Ihrer Einschätzung das Pendel aus?

Ich denke, es steht fifty-fifty.

Welche Eigenschaften sind denn aus Ihrer Sicht für einen Oberbürgermeisterkandidaten unabdingbar?

Also, unabhängig von den beiden Kandidaten ist eins ausschlaggebend: Man muss für dieses Amt ein Grundgefühl haben, wie diese Stadt tickt. Dazu muss man hier verwoben sein. Man muss die Signale auffangen, vieles kriegt man allein auf den formalen Wegen sonst nicht mit. Man muss Stimmungslagen aufnehmen und mitnehmen können, auch kommunikativ sein. Man muss aber auch wissen, wann genug geredet worden ist, Entscheidungen getroffen werden müssen. Und man muss es aushalten, nicht nur Zustimmung zu ernten, konfliktfähig sein. Das sind schon die wichtigsten Voraussetzungen.

Einer schneidet da nicht ganz so gut ab.

Das weiß ich nicht.

Welche Eigenschaften sollte ein OB-Kandidat besser nicht haben?

Was gar nicht geht, sind einsame Entscheidungen, ist der Glaube, dass in dieser Stadt einige wenige entscheiden, was gemacht wird und was nicht, und sich nur auf diese zu verlassen.

Kurz nach der OB-Wahl wird auch eine neue Stadtverordnetenversammlung gewählt. Bei der Bundestagswahl war die AfD auch in Potsdam recht stark. Wie wollen Sie versuchen, das einzudämmen?

Die AfD ist sehr heterogen, wird aber versuchen, bei beiden Wahlen mitzumischen. Es wird darauf ankommen, mit welchen Themen man in den Stadtteilen, wo die AfD bei der Bundestagswahl gewählt worden ist, beispielsweise Schlaatz, Stern, Wahlkampf machen kann, um erfolgreich zu sein. Wichtig ist, dass man ein Gespür für die Lebenssituation dort hat. Damit wird man sich noch intensiver als früher auseinandersetzen müssen.

Was machen Sie als erstes, wenn Sie nicht mehr Oberbürgermeister sind?

Das weiß ich noch nicht. Aber ich werde vermutlich mit meiner Frau im Januar 2019 eine Afrika-Reise machen. Davon träumt sie schon immer.

Eine Tradition in diesem Interview ist immer eine Anekdote, die Sie erlebt haben. Erfreuen Sie uns bitte zum letzten Mal mit der allerschönsten!

Bei der Eröffnung des neuen Schwimmbades blu am Brauhausberg bin ich von den Journalisten gefragt worden, was denn nun mit meinem Versprechen wäre. Ich hatte ja angekündigt, das Bad mit einem Hechtsprung vom Drei-Meter-Brett einzuweihen. Im Rathaus haben sie mir aber abgeraten, nach dem Motto: Überleg doch mal, wie das aussieht, denk mal an das Foto von Friedrich Ebert in Badehose...

...Sie meinen das 1919 an der Ostsee entstandene Bild des damaligen Reichspräsidenten, das Hohn und Spott über ihn brachte.

Genau. Ich wollte aber trotzdem springen. Dann entstand die Idee, den Sprung in einem Film festzuhalten und den dann bei der Eröffnung zu zeigen. Was ich aber nicht wusste ist, dass ich 13 Mal springen musste, bis die Aufnahme im Kasten war. Ich war fix und fertig! Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich doch live gesprungen, egal, wie es aussieht (lacht).

Das Interview führten Sabine Schicketanz und Peer Straube.

Zu diesem Artikel liegt eine Gegendarstellung des Vereins Oberlinhaus vor:

Gegendarstellung

Unter www.pnn.de äußert sich Jann Jakobs in dem am 29.12.2017 veröffentlichten Interview mit der Überschrift „Ich habe noch viel vor“ über Kooperationsgespräche zwischen dem Ernst von Bergmann Klinikum und dem Oberlinhaus:

„Die Initiative für die Gespräche ging vom Oberlinhaus aus.“

Hierzu stellen wir fest:

Die Kooperationsgespräche wurden von dem Ernst von Bergmann Klinikum iniitiert.

Verein Oberlinhaus

vertr. d. d. Vorstand

(Andreas Koch)

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