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  • 16.12.2017
  • von Valerie Barsig

Die Bornim Identität

von Valerie Barsig

Alt trifft neu. Dort wo sich in Bornim Rückertstraße und Hugstraße treffen (großes Bild) steht rechts das alte Amtshaus und links die Kirche. Sie ist der Stolz der Bornimer. Kirchbauvereinschef Oswald Schönherr, Bürgervereinsvorsitzender Klaus Rietz und Hobbychronist Klaus Broschke (v.l.) führen auch zur Grundschule, die gerade entsteht. Fotos: Andreas Klaer

Die Bushaltestelle an der Bornimer Kirche hat einen neuen Namen. Rundherum hat sich viel getan, hier trifft altes und neues Potsdam aufeinander. Aber gehört es auch schon zusammen? Ein Besuch vor Ort

Bornim - Alles beginnt mit einer gewagten These: „Zwischen hier und Bornstedt ist die Mitte von Potsdam. Die geographische.“ Für ihn ist es sogar die seines Lebens. Klaus Rietz, Vorsitzender des Bornimer Bürgerverein, steht im Graupel an der Bushaltestelle vor der Kirche. Autos und Laster rauschen auf der Potsdamer Straße vorbei. Rietz trägt Fleecejacke, Schal und eine Schiffermütze gegen die Kälte.

Wegen der Bushaltestelle hat er nach Bornim geladen. Denn mit dem Fahrplanwechsel gibt sie ihm ein Stückchen Bornim zurück. „Hugstraße hieß die Bushaltestelle vorher“, erklärt er. Völlig unverständlich sei das gewesen, bestätigen auch der Bornimer Hobbychronist Klaus Broschke und Oswald Schönherr, Vorsitzender des Kirchbauvereins. Sie stehen neben Rietz an der Potsdamer Straße. „Kirche Bornim“, ist seit wenigen Tagen auf dem Schild an der Bushaltestelle zu lesen – was sinnvoll scheint, zumal die Haltestelle eben neben jener steht und nicht an der Hugstraße. „Jetzt schlägt das Herz von Bornim wieder“, sagt Rietz. Das Herz von Bornim, das ist für die drei älteren Herren nicht nur die Bushaltestelle, sondern auch die Kirche selbst.

Bis 2015 sei die hinter hohen Bäumen versteckt gewesen. „Dann kam der Sturm“, sagt Ortschronist Broschke. Viele der Bäume seien beschädigt gewesen, nahezu alle gefällt worden. „Natürlich nicht ohne Genehmigung“, betont Schönherr. „Erstmal haben da viele gemeckert, da standen ja auch nur noch Stuppen. Jetzt haben wir viele neue Bäume gepflanzt.“ Und der ein oder andere habe danach sogar scherzhaft gefragt, ob die Kirche denn schon immer dagewesen sei. An diesem Tag, mit Graupel, in der Kälte und mitten in der Trostlosigkeit des Winters fällt es erst einmal schwer, über den schlammigen Boden, die Baumstümpfe und die heruntergeschnittenen kahlen Büsche mit Knallerbsen vor der Kirche hinwegzusehen. Rietz, Broschke und Schönherr dagegen sehen gar nichts anderes: Das neue Dach mit den bunten Ziegeln, die frisch verfugten Wandsteine und der renovierte Turm – alles durch Spenden finanziert. „Du musst mit den Zahlen dienen“, sagt Schönherr und legt Broschke freundschaftlich den Arm um die Schulter. Der liefert: 2013 bis 2015 wurde der Kirchturm erneuert, 2016 begann die Dachsanierung, seit Frühjahr ist alles fertig.

1903 wurde die neugotische Kirche mit 700 Plätzen unter 20-minütiger Anwesenheit Wilhelms II. geweiht, davor stand auf demselben Platz eine kleinere Kirche. „Und hier war auch der erste Friedhof von Bornim“, erklärt Ortschronist Broschke, der die Führung über das matschige Gelände übernommen hat. Er steuert schnurstracks auf ein altes hellgraues Steinkreuz zu. Er hat es selbst gefunden, damals noch beschädigt, und in seiner Restaurierungswerkstatt wiederaufgearbeitet. Dem Bauern Michaelis ist es gewidmet, der 1868 starb. Jetzt steht das Kreuz auf einer kleinen Erhöhung vor der Kirche, drumherum ordentlich drapiert Winterweide und Silberblatt. „Die Ururur-Enkel pflegen das hier“, berichtet Broschke.

Gleich nebenan an einem Busch stehen noch ein paar Kreuzstümpfe, ein ehemaliges Grab ist mit einem Metallzaun umgeben, den Broschke aufgestellt hat. Für ihn sind diese kleinen Erinnerungen an den alten Friedhof wichtig, ein Zeichen der Ur-Bornimer Geschichte, hier, im Zentrum des Stadtteils. Gleich gegenüber der Kirche, wo die Rückertstraße auf die Potsdamer Straße trifft, steht das alte Amtshaus von 1650 samt Gutsgelände – es zählt zu den ältesten erhaltenen Häusern Potsdams überhaupt. Seit der Sanierung mit hübschen grünen Fensterläden ist es auch ein Zuhause für Neu-Bornimer, denen man im Hof gleich auch noch einen Neubau zum Wohnen auf dem denkmalgeschützten Areal gebaut hat. Hier trifft das aufeinander, was Bornim prägt: die alte Mitte und das Neue, das stetig wächst. Das zeigt sich auch an anderen Ecken: Bis Februar 2019 entsteht hinter dem Bürgerhaus ein Stück weiter an der Potsdamer Straße für 15,6 Millionen Euro eine Grundschule, die auch das Bornstedter Feld entlasten soll. Gleich dahinter wird gerade wieder Bauland „Am Hügelweg“ angeboten.

„Noch ist das alles nicht so recht zusammengewachsen“, sagt Bürgervereinsvorsitzender Rietz. Die neuen Bornimer seien eher in Sportvereinen statt Bürgervereinen aktiv, berichtet er. 35 Mitglieder hat der Bürgerverein, einen Nachfolger für den 65-jährigen Rietz gibt es bisher nicht. Rietz selbst ist Ur-Bornimer, seine Vorfahren waren Vorreiter am königlichen Hofe. Er selbst verließ Bornim für das Studium, kam aber zurück, um seinen Vater zu pflegen. Heute lebt er mit vier Generationen unter einem Dach. Seine Mutter ist mit 92 die Älteste, sein jüngster Enkel ist zwei Jahre alt.

Zurück geht es vom Neubaugebiet zur Potsdamer Straße in Richtung Bushaltestelle. Bornim, sagt Rietz, das sei die perfekte Mischung aus ländlicher Idylle und Innenstadtnähe. Nur der Verkehr, der stört. „Eigentlich brauchen wir eine Ortsumgehung“, sagt Rietz zum Abschied. Dann geht es in den Bus. „Haben Sie ’nen neuen Fahrplan?“, fragt eine Frau im Bus den Fahrer. Der bejaht. „Und ’nen neuen Namen für die Haltestelle“, sagt eine andere. „Kirche Bornim“.

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