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  • 09.11.2017
  • von Valerie Barsig

Kanzlerin gibt sich in Potsdam nahbar: Angela Merkel im Oberlinhaus

von Valerie Barsig

Angela Merkel war zu Besuch im Oberlinhaus in Potsdam-Babelsberg. Foto: A. Klaer

Die Bundeskanzlerin warb in der traditionellen Oberlin-Rede für die Integration von Menschen mit Behinderung. Später überraschte Merkel die Gäste mit persönlichen Erzählungen aus ihrer Kindheit.

Potsdam/Babelsberg - Beim Einkaufen gibt es keine Selfies: „Sonst landet schon mal das Falsche im Wagen.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gab sich bei ihrem Besuch im Oberlinhaus am Mittwoch launig, persönlich und vor allem nahbar – und das kam beim Publikum gut an. Ging es in der von ihr gehaltenen Oberlin-Rede, die jedes Jahr von einer bekannten Persönlichkeit gehalten wird, vor allem um Inklusion, Integration, Familienpolitik und Gemeinschaft der Gesellschaft, so war das Gespräch hinterher mit Pfarrer Matthias Fichtmüller, Theologischer Vorstand des Hauses, der lockere Gegenpart.

Fichtmüller betonte im Vorfeld der Rede in der Oberlinkirche noch gegenüber den PNN, es ginge an diesem Tag nicht um Politik. Doch Merkel, ganz staatstragend, konnte nicht anders: Zwar schlug sie in ihrer Rede vor rund 150 geladenen Gästen einen Bogen von Luthers Reformation über das Leben des elsässischen Sozialreformers Pfarrer Johann-Friedrich Oberlin (1740-1826) und die Geschichte des diakonischen Oberlinhauses. Doch so ganz ohne politischen Bezug kam die Rede der Bundeskanzlerin nicht aus.

Angela Merkel berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen mit behinderten Menschen

In Zeiten von Globalisierung, weltweiten Krisen und des digitalen und technischen Fortschrittes sei es wesentlich, niemanden zurückzulassen. Gerechtigkeit und Zusammenhalt der Gesellschaft müsse sich vor allem die Politik als Ziel auf die Fahnen schreiben. Dabei ging Merkel nicht nur auf Bildung und die Stärkung von Familien ein, sondern insbesondere auf die Inklusion von Menschen mit Behinderungen. „Der Zusammenhalt einer Gesellschaft zeigt sich auch an der Wahrnehmung und dem Respekt vor Menschen mit Behinderung“, sagte die Kanzlerin. Sie betonte die Wichtigkeit von Inklusion und die von Förderangeboten. Dass es Grabenkämpfe gebe, zwischen Befürwortern eines inklusiven Ansatzes und Befürwortern von reiner Förderung, betrübe sie. „Man muss immer von den Menschen aus gucken, man braucht verschiedene Ansätze“, betonte sie. 

Angefragt hatte das Oberlinhaus Merkel bereits vor rund anderthalb Jahren, erzählte Pfarrer Fichtmüller. Im 500. Jahr der Reformation „wollten wir einen evangelischen Christen, der das Land gestaltet hat“, begründete Fichtmüller die Wahl. Auch Merkel hatte in ihrer Kindheit im Pfarrhaus auf dem Waldhof bei Templin in der Uckermarck häufig Kontakt zu Menschen mit Behinderungen: Noch heute ist der Waldhof Behinderten-Wohnung, -Werkstatt und -Schule. In der Einrichtung der evangelischen Kirche – der heutige Träger ist die Stephanus-Stiftung – erlebte Merkel, wie Menschen mit Behinderungen in der DDR ausgeschlossen wurden. „Menschen mit Down-Syndrom wurden zu der Zeit an Betten festgebunden. Das war sehr traurig.“ Schulkameraden hätten Bedenken gehabt, sie zu Hause zu besuchen, weil sie nicht wussten, wie sie mit den behinderten Menschen auf dem Waldhof umgehen sollten, erzählte die Kanzlerin. Immer wieder musste sie sie überzeugen. 

„Für die Küche wurde jede Woche ein Schwein geschlachtet und ich habe mich daran beteiligt“

Lernen, neugierig sein, auf Dinge zugehen: das lernte Merkel früh. „Ich hatte eine tolle Kindheit“, sagte sie. Auf dem Waldhof sei stets etwas losgewesen und wenn ihre Eltern mal keine Zeit für sie hatten, dann war es eben der Tischler oder Gärtner des Hofes – oder der Koch: „Für die Küche wurde jede Woche ein Schwein geschlachtet und ich habe mich daran beteiligt“, so Merkel. Man müsse ja wissen, woher die Dinge kommen.

Es waren diese persönlichen kleinen Einblicke, mit denen Merkel an diesem Abend das Publikum gewann. Lachsalven und spontanen Applaus gab es für ihre Geschichten. Ob es sie denn nerve, auch noch mit 63 Jahren immer wieder als Pfarrerstochter bezeichnet zu werden, hakte Fichtmüller nach. „Ich hadere nicht, ich bin ja nun mal Pfarrerstochter,“ erwiderte sie trocken. Als dies als Jugendliche zu DDR-Zeiten eher zu schwierigen Fragen von Lehrern führte, habe sie in der Schule einfach auf den pragmatischen Rat ihres Sitznachbarn gehört. „Statt Pfarrer habe ich einfach gesagt, mein Vater sei Fahrer.“

Das Aufwachsen im Pfarrhaus, die Transparenz und der besonders hohe moralische Anspruch an sie – ob sie das geprägt habe, wollte Fichtmüller wissen. So ganz ernst nehmen konnte Merkel Fichtmüller am Mittwoch nicht bei allen seinen Fragen: „Wir sind hier schon ein besonderes Couple, beide Pfarrerskinder. Wir reden, als gibt es nur Pfarrerskinder auf der Welt“, scherzte die Kanzlerin. Auch bei der Frage, ob sie sich mit Luther vergleichen würde, der sich in den Gegenwind stemmen musste, blieb Merkel kurz die Luft weg. „Luther war ’n Großer“, sagte sie. Und schließlich ein Revolutionär. Aber die Kraft, die er hatte, bewundere sie. 

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