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Barberini

  • 29.10.2017
  • von Sabine Schicketanz und Sarah Kugler

DDR-Kunst in Potsdam: Eine Schau, die Augen öffnet

von Sabine Schicketanz und Sarah Kugler

Ronald Paris vor seinem Werk „Unser die Welt – trotz alledem“ im Museum Barberini. Foto: SCH

Die neue Barberini-Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ ist eröffnet – und wurde gleich am ersten Tag gut besucht.

Ein Wort. Mehr braucht Ronald Paris nicht, um alles zu sagen, was er empfindet an diesem Abend. Das Wort heißt: Genugtuung. Paris ist Maler und Grafiker. 1933 geboren, seit 1959 freischaffender Künstler. 1975/76 malte er „Unser die Welt – trotz alledem“. Es war eines der 16 großformatigen Bilder, die im Palast der Republik hingen, dem zentralen Repräsentationsbau der DDR. Mehr als 20 Jahre waren die Bilder nicht mehr öffentlich zu sehen. Jetzt aber, jetzt hängt „Unser die Welt – trotz alledem“ wieder. Gereinigt, restauriert. In gleißend hellem Licht im obersten Stockwerk des Museum Barberini am Alten Markt in Potsdam. Zusammen mit den 15 anderen Großformaten, die Künstler aus der DDR damals auftragsgemäß fertigten zum Thema „Dürfen Kommunisten träumen?“. Und Ronald Paris, Meisterschüler des Berliner Malers Otto Nagel, steht davor und sagt: Genugtuung.

Steinmeier: Die Ausstellung ist "wichtiger Meilenstein auf dem Weg zueinander"

Dieses Wort, und einige mehr, hat Paris auch für den Bundespräsidenten aufgeschrieben. „Ich hätte gern gesprochen“, sagt er, aber andererseits vielleicht auch lieber nicht. Denn sensibel, emotional, ja oft umstritten ist der Umgang mit Kunst aus der DDR immer noch. Er habe seine Botschaft daher aufgeschrieben, sagt Paris. Und er hat sie Frank-Walter Steinmeier persönlich in die Hand gedrückt. Zuvor hatte der Bundespräsident die Ausstellung „Hinter der Maske – Künstler in der DDR“, für die er die Schirmherrschaft übernommen hat, im großen Saal des Museum Barberini eröffnet. Der Hauptpart der Schau ist freilich nicht die Palast-Galerie. Es sind vielmehr 120 Werke von 87 Künstlern, die die künstlerische Selbstbehauptung in der DDR sichtbar machen sollen. Einige der Künstler sind zur Eröffnung gekommen, zu den offiziellen Rednern gehört jedoch keiner von ihnen.

Das geladene Publikum – und auch nur das im Saal, denn die Übertragung in die Räume des Museums fällt aufgrund eines technischen Problems leider aus – hört eine entschiedene, aber auch nachdenkliche Eröffnungsrede des Bundespräsidenten. Keiner der Künstler, deren Werke das Barberini jetzt zeige, stehe für eine Kunst nur um der Kunst willen, sagt Steinmeier. „Wohl aber für ein Verständnis von Kunst, das auch innerhalb eines Systems, das alles und jeden für sich und seine Ziele in Dienst nehmen möchte, den Anspruch erhebt, zunächst als Kunst wahr- und ernstgenommen zu werden.“

In der Ausstellung lasse sich vieles Kostbare entdecken, das zum gemeinsamen nationalen künstlerischen Erbe gehöre. Doch in vielen Köpfen spuke immer noch ein Bild von DDR-Kunst, die man nur in ihrem Bezug zum Staat und zur Gesellschaft bestimmen könne, so der Bundespräsident. Die Ausstellung werde „uns die Augen öffnen“, sie wolle mit dem Blick auf die Künstler als Individuen diesem Fehlurteil entgegentreten. „Und sie ist deswegen ein sehr wichtiger Meilenstein auf dem Weg zueinander, den wir in Ost und West mit der Vereinigung vor über einem Vierteljahrhundert begonnen haben – und der länger dauert, als wir alle das damals gedacht haben.“

Für die Künstler geht es um Selbstwert, Anerkennung und Sichtbarkeit

Aus der Perspektive Ost geht es dabei offenkundig weiterhin auch um Selbstwert und Anerkennung, Sichtbarkeit und Bewahrung. „In dieser Vielfalt habe ich die Kunst aus dieser Zeit noch nie zusammen gesehen“, sagt der Potsdamer Maler Alfred Schmidt. Potsdams Linke-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg findet, die Schau zeige, „dass es in der DDR vieles gegeben hat, was bewahrenswert ist“.

Genau wie Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) betont Scharfenberg, dass Hasso Plattner, der Ehrenbürger der Stadt, der mit seinem privaten Vermögen das Museum Barberini bauen ließ und betreibt, mit dieser Ausstellung ein Versprechen gehalten habe. Damals, im Sommer 2012, als kurzeitig das Hotel Mercure für eine moderne Kunsthalle Plattners fallen sollte, hatte der Unternehmer angekündigt, in seinem Museum seine Sammlung von Kunst aus der DDR zu zeigen. So ist es nun geschehen, nur am anderen Ort.

Bezüge zur Mitte-Debatte in Potsdam: Im Museum hat die DDR ihren Platz - und draußen?

Die Bezüge aber zur Debatte um die städtebauliche Entwicklung der Potsdamer Mitte liegen weiter auf der Hand. Und sie sind an diesem Abend zu spüren, wenn es auch nicht mehr ums Mercure, dafür um die bald fallende alte Fachhochschule vis-à-vis des Barberini und um das Rechenzentrum neben dem Garnisonkirchturm geht, dessen Wiederaufbau nun beginnt. Im Museum hat die DDR ihren Platz bekommen – und draußen? Ist man da in Potsdam auf dem Weg zueinander? Immerhin, auch für das Wiedererstehen des Garnisonkirchturms hat Bundespräsident Steinmeier die Schirmherrschaft übernommen. Am Rande im Barberini darauf angesprochen, will er dazu jedoch an diesem Abend nichts sagen.

Dafür gibt es ein (freiwilliges) Stelldichein mit den anwesenden ausgestellten Künstlern und Steinmeier, im Museumscafé sollen sie ins Gespräch kommen können miteinander. Ronald Paris ist dort, auch Maler Hartwig Ebersbach. Für Paris ist klar, so hat er es Steinmeier aufgeschrieben: Es drohe wieder eine Abwertung der DDR-Kunst, besonders der Auftragskunst, der Bilder aus dem Palast der Republik. Diese seien keine „reinen Propagandabilder“, wie es nun „inkompetente Polemiken“ erneut behaupteten.

Volles Haus im Barberini am ersten Tag

Abwertung, Aufwertung, der Grad bleibt schmal. Die Besucher, die am gestrigen Sonntag das Barberini besuchen, scheinen jedenfalls begeistert. Trotz Sturm und Regen, ist das Museum am Nachmittag gut gefüllt, im Erdgeschoss drängen sich die Menschen dicht. Die 22-jährige Christina Langhorst ist mit ihrer Mutter extra aus Braunschweig angereist. In erster Linie wegen des Hauses selbst, gibt sie zu, aber die Ausstellung gefällt ihr gut. Besonders „Tagebuch“ von Thomas Ziegler habe es ihr angetan – eine Sammlung von 28 Selbstporträts des Malers in einem Bild.

„Es ist faszinierend düster“, findet Langhorst. Die Mitbesucher geben ihr Recht. Die Menschentraube vor dem Bild reist kaum ab. Ein paar Stufen höher verweilen viele Blicke lange an Paris’ „Unser die Welt – trotz alledem“. Die Meinungen gehen auseinander, eine ältere Dame meint: „Es ist schön, aber gruselig.“ Der Umstand, dass das Werk zu sehen sei, sei jedoch eine Freude.

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