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Themenschwerpunkt:

Garnisonkirche

  • 28.10.2017
  • von Manfred Stolpe

Garnisonkirche in Potsdam: „Jetzt kann der Wiederaufbau beginnen“

von Manfred Stolpe

Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) in einem Gastbeitrag über die Chance, sich mit einem dunklen Kapitel unserer Geschichte auseinanderzusetzen.

Im Jahr 1959 kam ich zum ersten Mal nach Potsdam. Vom S-Bahnhof ging ich zur Langen Brücke. Da sah ich die Mitte der Stadt. Vor mir das zerstörte Schloss, rechts die lädierte Nikolaikirche und links ein beschädigter wuchtiger Turm ohne Spitze – aber doch beeindruckend. Es erinnerte mich an Fotos, die ich von Türmen in England und Norditalien gesehen hatte. Ich fragte Passanten nach dem Gebäude. „Das ist die Heilig-Kreuz-Kirche“, sagten einige, und andere „Das ist die Garnisonkirche“.

Ich erfuhr, dass die Kirche in den letzten Kriegstagen 1945 von Bomben getroffen, die Turmspitze abbrannte und das Kirchengebäude völlig zerstört wurde. Bald bekam ich es beruflich mit dem Kirchturm zu tun. Als Jurist der Evangelischen Kirche erlebte ich den Abriss des Kirchenschiffs und die Mühen mit der Nutzung und Restaurierung des Turms. Dort war schon ein Gottesdienstraum mit einhundert Sitzplätzen unter Leitung der erfahrenen Architekten Winfried Wendland eingebaut worden. Mit dem Rat der Stadt Potsdam bestand Übereinstimmung, dass der Turm gesichert und ausgebaut werden könnte. Eine völlige Wiederherstellung konnte mangels Kapazitäten noch nicht erfolgen. Der Platz, wo das Kirchengebäude gestanden hatte, könnte nach einem Vorschlag von Bischof Albrecht Schönherr zu einem Mahnmal gegen Krieg und für Versöhnung gestaltet werden. Im Turm wurde der Einbau von Zwischengeschossen, unter anderem für kirchliche Jugendarbeit, begonnen. Mich begeisterte der Plan, auf dem Dach eine Aussichtsplattform zu errichten. Denn ich war schon oben gewesen, und mich hatte der Blick über Potsdam und Umgebung sehr beeindruckt. Das war eine großartige Übersicht über das Zentrum, und ein Ausblick bis Werder und Wannsee sowie nach Sanssouci und Griebnitzsee. „Der schönste Turm des Havellandes muss das wieder werden“, sagte der Stadtarchitekt. Ich habe irgendwo gelesen, dass er einmal der schönste Turm Norddeutschlands war.

Die Kirchgemeinde hatte nach dem Krieg das Gebäude von „Garnisonkirche“ in „Heilig-Kreuz-Kirche“ umbenannt, um ein Bekenntnis für Frieden und Versöhnung abzulegen. Die ehemalige Garnisonkirche wurde im 18. Jahrhundert errichtet, prägte das Stadtbild und war auch ein wichtiger Ort deutscher Geschichte. Vom König Friedrich Wilhelm I. erbaut, fanden dort gemeinsame Gottesdienste von verfeindeten Konfessionen statt. Denn der König wollte eine starke, nicht zerstrittene Armee haben, um das Transitland Brandenburg schützen zu können. Das ist ihm friedlich gelungen. König Friedrich Wilhelm III. vereinte 1817 in dieser Kirche die reformierten und lutherischen Konfessionen zu einer Unierten Kirche, die dann ein weltweites Vorbild wurde.

Als nach dem Reichstagsbrand 1933 eine Versammlungsstätte für die Abgeordneten gesucht wurde, kam in der Garnisonkirche der neu gewählte Reichstag zusammen. Bei der Gelegenheit begrüßte der Reichspräsident Hindenburg den Reichskanzler Hitler vor der Kirche. Die Nazis stilisierten den „Tag von Potsdam“ zum Bündnis mit Preußen. Ein amerikanischer Journalist machte von der Begegnung ein Foto. Das wurde allerdings in Deutschland nicht verbreitet, weil Hitler sich auf dem Bild tief vor Hindenburg verneigte. Aber nach dem Zusammenbruch des Naziregimes 1945 wurde das Foto von den Siegermächten als Beweis für das Zusammengehen von Preußen mit den Nazis genutzt. Es war ein Argument, um das in allen vier Besatzungszonen vorhandene und so die Teilung Deutschlands behindernde Preußen zu beseitigen.

Die Gemeindemitglieder der Garnisonkirche waren von Hitler enttäuscht. Sie hielten sich von Anbiederungen an die Nazis zurück. Es gab Kontakte zu Widerstandsgruppen, zum Beispiel zur „Roten Kapelle“. In der Gemeinde wurde das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 vorbereitet und die Bombe aufbewahrt. Nach dem Scheitern des Versuchs wurden 20 Männer und Frauen aus der Gemeinde hingerichtet oder töteten sich selbst. Es gibt keine andere deutsche Kirchengemeinde, die höhere Opfer im Kampf gegen die Nazis gebracht hat.

Nach der deutschen Teilung und der Gründung der DDR äußerten sich auch in Potsdam kirchenfeindliche Stimmen. Der Abriss von Kirchen wurde vorangetrieben. Bei der ehemaligen Garnisonkirche wurde an die Nazibilder von 1933 erinnert. Der Abbruch des Turms der Heilig-Kreuz-Kirche wurde gefordert. Die Potsdamer Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke hielt sich zurück. Aber die SED-Spitze um Walter Ulbricht war dafür. Es regte sich Widerstand in allen Schichten der Bevölkerung, bei Christen und Atheisten. Denkmalschützer aus Schweden, der Schweiz und der Sowjetunion protestierten. Aber 1968 waren die Tschechen und Slowaken dabei, die sozialistische Diktatur zu liberalisieren. Die SED-Spitze wollte keine Schwäche zeigen und setzte die Sprengung des Turms der Heilig-Kreuz-Kirche durch. Mich hat das sehr bewegt, und ich vermutete, dass das die Gesellschaft weiter spalten würde. Fast gleichzeitig wurde in Leipzig gegen massive Proteste die Universitätskirche gesprengt. Es wurden Gegner des Systems geweckt, die mit ihren Kindern 20 Jahre später die DDR stürzten.

Nach 1990 kam der Gedanke des Wiederaufbaus der ehemaligen Garnisonkirche auf. Manche Preußen-Fans träumten von dem kompletten Wiederbau – möglichst mit allen alten Fahnen. Ein Wallfahrtsort könnte entstehen. Ich war zurückhaltend. Das Land Brandenburg und die Evangelische Kirche hatten andere große Sorgen. Viele denkmalswerte Gebäude waren reparaturbedürftig. In Neubaugebieten fehlten kirchliche Räume. Für mich kam nur ein Wiederaufbau des Turms als Mahn-, Erinnerungs- und Bildungsstätte für Frieden, Versöhnung und Toleranz gegen Fremdenhass und Rassismus infrage. Das war und ist eine höchst aktuelle Aufgabe.

Als das Kuratorium des Wiederaufbaus der ehemaligen Garnisonkirche unter Vorsitz von Bischof Wolfgang Huber den Wiederaufbau des Turms beschloss, war ich gern dabei. In der provisorischen Nagel-Kreuz-Kapelle vertritt Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst die Erinnerung und die Gegenwarts-Herausforderungen. Sie wird dabei von Pfarrer Paul Oestreicher aus Coventry unterstützt, der das Versöhnungskreuz überbrachte, das uns mit Gemeinden in England, Polen, Russland und ganz Europa verbindet, die unter dem Krieg gelitten haben. Konrad Raiser, der ehemalige Generalsekretär des Weltkirchenrates, mahnt, dass der Wiederaufbau missbraucht werden könnte. Insbesondere wenn dem Bau des Turms sich ein Wiederaufbau der Kirche anschließen würde. Deshalb ist es sinnvoll, auch das Gespräch mit den Kritikern des Wiederaufbaus zu führen, um die Sorgen vor Förderung deutschen Nationalismus’ ernst zu nehmen. Das wird die Auseinandersetzung mit der belasteten Geschichte und Symbolik des Ortes erleichtern.

Der notwendige Bruch mit der belasteten Geschichte und Tradition der Garnisonkirche muss sichtbar und greifbar werden. In Kritikern sehe ich keine Feinde. Fragen müssen sein. Und wir Aufbauwilligen haben manche ausgelöst. Wenigstens symbolisch eindeutige Taten sind erforderlich. Der von der Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg gewählte und von der Kirchenleitung bestätigte Name „Heilig-Kreuz-Kirche“ sollte mindestens im Namen der Kapelle im wiederaufgebauten Turm erhalten werden.

Die Synode der Evangelischen Kirche hat nur dem Wiederaufbau des Turms zugestimmt. Ein Wiederaufbau der Kirche muss sorgfältig geprüft werden. Eine gesamtgesellschaftliche Nutzung als Kulturstätte ist genauso vorstellbar wie ein religionsüberschreitendes Gotteshaus. Auch könnten Versuche unternommen werden, eine moderne äußere Gestalt zu wählen, wie sie von manchen Potsdamer Architekten schon gedacht wird. Das alles ist noch weit entfernt. Aber eine Dynamik durch den Wiederaufbau des Turms ist vorstellbar. Deshalb muss nun unter Beteiligung der Öffentlichkeit nachgedacht werden. Aber jetzt kann der Wiederaufbau des Turmes beginnen. Ich empfinde das auch als Wiedergutmachung der ideologisch bedingten Sprengung von 1968. Es ist zugleich eine Chance, sich mit einem dunklen Kapitel unserer Geschichte auseinanderzusetzen und dabei Schlussfolgerungen für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Dank allen, die diesen Schritt ermöglichten, den Weitsichtigen in der Politik, den großen und kleinen Spendern. Den benachbarten Künstlern im ehemaligen Rechenzentrum danke ich für ihre Geduld.

Wir sollten sie nicht verunsichern mit illusorischen Auszugsterminen. Wenn es soweit kommt, dass ihr Gebäude gebraucht wird, muss rechtzeitig gemeinsam eine gute Alternative gesucht werden.

Der Autor, 81, war von 1990 bis 2002 Ministerpräsident des Landes Brandenburg und von 2002 bis 2005 Bundesverkehrsminister. Der Sozialdemokrat ist Mitglied des Kuratoriums der Garnisonkirchen-Stiftung. F.: Gabsch

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